Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Article
- Jüdische Rundschau [Kommentar]
- Date
- 1903-11-06
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „bis & Weit11 Nr. 45 Ein totes Wort, ein starres Dogma? O nein, es ist der Umriss unseres ganzen Werkes, ein Kind scharfen Kampfes und schwerer Gedankenarbeit. Wir haben die Ueberzeugung, dass das jüdische Volk von den Sätzen des Baseler Programms sagen kann : w& sie sind unser Leben und die Länge unserer Tage. Und nachdem wir einmal unseren Weg als den richtigen erkannt haben, müssen wir ihm treu bleiben. Wohl sehen wir, dass seitwärts hier und da ein kleiner Pfad führt, aber nicht wir dürfen ihn gehen. Unsere Lebensarbeit ist es, auf der Heerstrasse, dem kürzesten WTege, nach unserem Ziele zu gehen, und kein ungestümes Drängen nach sogenannter praktischer Arbeit darf uns davon abbringen. Unsere Kraft liegt ja darin, dass wir sie nicht verzetteln, wir wollen nicht, dass tausend Rinnsale aus dem Strome werden, darum dämmen wir ihn auf beiden Seiten mit hohen Mauern ein. Wehe uns, wenn wir selbst diese Mauern niederreissen! Liesse sich der Zionismus verleiten, die Kolonisierung selbst in die Hand zu nehmen, so wäre das Wort, dass wir Zions inzwischen nicht vergessen, in der Tat eine Phrase, Denn es wäre ein Werk, dass für viele Jahrzehnte alle Arbeitskräfte und Mittel des Zionismus in Anspruch nehmen würde. Und soviel Kräfte haben wir, wenn wir noch so optimistisch über unsere Leistungsfähigkeit denken, nicht, um nach zwei Seiten zu arbeiten, an zwei Riesenwerken, deren jedes allein uns verzagt machen könnte. Es mag hartherzig klingen, wenn wir sagen: Die Wohltätigkeitskolonisation ist nicht unsere Arbeit. Aber jeder weiss, dass der Zionist auch in der Wohltätigkeit seine Pflicht tut; nur in unsere Partei als solche gehört das nicht hinein, denn wir wären mit unseren Kräften sehr bald fertig, und unserem Volke wäre nicht geholfen. Das steht uns unerschütterlich fest. Una darum war es überflüssig, uns die Pille zu versüssen und den Zionismus von der Notwendigkeit seines Eingreifens durch die Vorzüge dieser autonomen Kolonisation überzeugen zu wollen. Schon der Generalredner der Ostafrikafrage auf dem Kongress, Max Nordau, hat den nationalen Wert einer solchen Kolonie stark betont. Wir werden in dieser Kolonie die wertvollsten Erfahrungen sammeln, wir werden lernen, uns selbst zu regieren und ein Land zu verwalten. Ein erheblicher Teil des jüdischen Proletariats wird zu kräftigen Ackerbauern verwandelt werden, eine stammestümliche Kultur wird sich entwickeln, kurz, wir werden eine nationale Vorschule haben, die dereinst, wenn wir in Palästina mit der Errichtung unseres Gemeinwesens beginnen werden, die Elite unseres Menschenmaterials liefern wird, r— Zunächst haben wir diese Hoffnungen etwas zu beschränken. Mir wenigstens ist der direkte Nutzen, den Palästina aus Ostafrika ziehen soll, nicht recht klar geworden. Denn es ist Utopie, an eine Ueberpflanzung von Menschenmaterial in grösserer Menge von der Kolonie ins Mutterland zu glauben, und damit entfällt ein grosser Teil der Erwartungen. Wahr aber ist es, dass wir unbezahlbare Lehren über Selbstverwaltung und Gestaltung unserer inneren Staatsangelegenheiten empfangen werden. Aber um alles in der Welt, wie will man daraus folgern, dass der Zionismus an die Kolonisation selbst herangehen, dieses Asyl selbst bauen muss? Werden wir weniger lernen, wenn andere diese Erfahrungen sammeln? Auch die bisherigen Erfahrungen in Palästina haben wir nicht gemacht, und doch werden wir in Zukunft jede, auch die kleinste, benutzen. Weiter ist auf dem Kongress und seitdem überall in der jüdische.! Presse in allen Tonarten gpsagt worden: Der Zionismus muss ausser seinem ferneren Ziel diese Arbeit sofort aufnehmen, weil die Not des Augenblicks zu furchtbar drängt. Es muss sofort geholfen werden, wenn nicht zahlreiche Jaden einfach verkommen oderdurchdie planlose Emigration dem jüdischen Volke verloren gehen sollen. Aber lassen wir uns nicht dadurch überrumpeln : Ist Ostafrika diese augenblickliche Hilfe wirklich? Man bedenke : das zu besiedelnde Gebiet ist so gut wie unbekannt, jedenfalls aber völlig unerschlossen. Es müssen überhaupt erst Urwälder ausgerodet und die primitivsten Wege gebahnt werden. Täuschen wir uns nicht: eine Generation und darüber wird vergehen, bis Juden in merkbarer Anzahl ansässig sein können. Sehen wir uns doch die Erschliessung der hier vergleichbaren Teile Australiens an, die in moderner Zeit stattfand, und die auch jetzt erst auf ein weit grösseres Terrain 5 Millionen Menschen gesammelt hat. Wer diesen Gedanken nicht berücksichtigt, projektiert ins Blaue hinein. Den Hungrigen, der nach Brot schreit, kann man nicht auf den Dattelkern verweisen, aus dem er erst die Palme ziehen soll. Ja, eine augenblickliehe Hilfe kann vielleicht Kanada o der Argentinien sein, aber nicht Ostafrika. Folgt man aus alledem, dass aus dem ganzen Projekt garnichts wird, dass Herzl der englischen Regierung schlankweg erklären soll: Das jüdische Volk hat für euer Anerbieten keine Verwendung? Bedenken Sie, was das heissen will. Eine hervorragende Gelegenheit, Hunderttausenden von Elenden wirksam zu helfen, ist durch die Schuld derZionisten ungenutzt vorübergegangen. Ein Sturm der Entrüstung, der berechtigten Entrüstung ohnegleichen würde auf uns niederbrausen und uns hinwegfegen aus den Reihen derer, die für unser Volk kämpfen. Es wäre ein Sturz, von dem wir uns nie erholen würden und auch unsere Arbeit für Palästina wäre so gut wie unmöglich, denn wir hätten das Vertrauen grosser Massen verloren. Und was hätten wir der Sache genützt? Wahrlich, nicht um Herz Ts wunderschöner Augen willen hat sich England zu seinem Angebot entschlossen und es liegt nicht die Spur eines Grundes vor, warum es nicht den Vertrag, den die Jüdische Kolonialbank verweigert, mit der „Icau, wenn diese sich erbietet — und das tut sie gewiss — abschliessen sollte. Und dann? Wie steht dann der Zionismus da? Machen Sie sich das recht klar! Es gibt kein Zurück mehr! Vorwärts, sehen wir, was zu tun ist. Die zionistische Partei muss die Vermittlerrolle übernehmen und sie hat es bereits getan. Sie ist auf dem rechten Wege. Fällt der Bericht der Expedition günstig aus, so wird der eigens berufene VII. Zionistenkongress beschliessen, dass die Kolonisierung Ostafrikas nicht Arbeit des Zionismus ist. Er wird beschliessen, dass ein allgemeiner Judenkongress oder eine gemeinsame Versammlung der Organisationen, die hier in Betracht kommen, zu berufen ist. Und erst dieser Kongress wird sich schlüssig werden über die Arbeit selbst. Denken Sie an das Wort Zangwills: „Gott sei Dank gibt es nicht nur den Zionismus, sondern auch die Wohltätigkeitsinstitutionen In Betracht kommen vor allem die „Ica", „ Alliance", Bne-Brith-Logen und die Landeshilfsvereine. Der Zionismus als der geistige Vater des Unternehmens wird auch als der geistige Leiter ein führendes Wort beanspruchen und erhalten. Seine Sorge muss es sein, das Unternehmen in nationalem Sinn und Geist zu gestalten. Seine organisatorischen und materiellen Mittel aber darf er auch nicht zum kleinen Teile festlegen. Unsere Auffassung der Frage zeigt auch den Weg zur Verständigung zwischen Jasagern und Neinsagern, den einzigen Weg. Auch drüben in Russland wird er schon halb unbewusst betreten, das zeigen zur Evidenz zwei Ansichten, die in der „Welt" publiziert sind. Dort spricht sich Dr. A wi n o witzki, der Jasager, und Dr. Sapir, der Neinsager, über die Frage aus. Der Jasager gibt zu, dass