Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 45 (6.11.1903)
- Article
- Das Fremdenrecht und die "Praktischen"
- Date
- 1903-11-06
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „bie weit" Nr. 45 handeln, und das Verhandeln mit Behörden nennen wir ja „Politisieren und Diplomatisieren\ Es müssen deshalb auch die Berliner das tun, was wir seit Jahren getan haben, nämlich mit der türkischen Regierung verhandeln darüber, dass ihnen wenigstens gestattet werde, Dörfer anzulegen. Diese Dörfer sollen mit ausländischen Juden besetzt werden, und wenn dieselben auch Häuser und Grundstücke besitzen, so-können dieselben aus politischen und polizeilichen Gründen aus der Türkei ausgewiesen werden, wie es Frankreich mit den Deutschen im Jahre 1870 machte. Dieser Gefahr können und dürfen wir unsere Brüder nicht aussetzen, und eben deshalb verhandelte unser H e r z 1 mit der türkischen Regierung, und das, was alle jene, die jetzt aus den Schmollwinkeln herauskriechen, nur proponieren als Arbeitsfeld für die Palästinafreunde, hat die türkische Regierung uns schon angeboten. Wollen wir etwas erreichen, so müssen wir also unbedingt mit der Türkei verhandeln. Unserem Fahnenträger werden wir auch weiter einig folgen und uns in Disziplin üben. Es ist ja das ein Teil der Rückkehr ins Judentum. Ein sehr populärer alttestamentarischer Prophet meinte ja: „Schamuah misebach tof". Pardubitz, 1. November 1903. Dr, Bergmann. Zion und Ostafrika, Oskar Marmorek als Kongressreferent in Pressburg. Auf Einladung desrührigenPressburger„ Ahawath Zion" erschien Oskar Marmorek am 11. v. M. in einer grossen jüdischen Volksversammlung vor seinen Wählern in Pressburg, um ah Kongressdelegierter des Vereines über den VI. Baseler Kongress und dessen Ergebnisse zu referieren. Der verehrte Referent entledigte sich seiner Aufgabein einer gross angelegten, sehr gehaltvollen und politisch hochbedeutsamen Rede, welche nicht nur unter den versammelten Zionisten, sondern auch in nichtzionistisehen und nichtjüdischen Kreisen nachhaltigen Eindruck erweckte. Redner erörterte zunächst die Stellung, welche der Zionismus dem politischen Liberalismus und der Sozialdemokratie gegenüber einnimmt, welchen politischen Tendenzen die Fähigkeit zugeschrieben wurde, die Judenfrage zu lösen, während sie in Wahrheit auf das jüdische Nationalgefühl und den jüdischen Glauben nur zersetzend wirken und den Juden auch in materieller Hinsicht eher zur Quelle der Gefahr als des Heiles geworden sind. Ueberhaupt ist es verfehlt, anzunehmen, dass ein ganzes Volk durch den Anschluss an irgend eine politische Partei gerettet werden kann. Nur eine Politik der nationale und jüdische Interessen im Auge habenden Selbsthilfe, wie sie im Zionismus verkörpert ist, kann zum Ziele führen unter der Devise: Niemandem zuleide, nur den Juden zuliebe! Auch die jüdischen philanthropischen Gesellschaften werden mit ihrer bis jetzt befolgten Taktik zur Lösung der Judenfrage nie und nimmer beitragen können, denn sie erwarten, dass die menschliche Natur sich ändere, während der Zionismus die Verhältnisse ändern wolle. Der Brief Plehwes hat den jüdischen philanthrophischen Gesellschaften die Unmöglichkeit dessen gezeigt, was sie auf ihrem letzten Kongresse in Frankfurt den russischen Juden geraten haben, nämlich dass sie im Lande verbleiben und dort ihre Lage verbessern. Redner kam sodann auf die Fortschritte und bisherigen Leistungen der zionistischen Bewegung zu sprechen. Die ehemals völlig verschüchterten-und gegen die Aussen, weit scheu verschlossenen Juden des Ostens sind nun für das zionistische Ideal von solch unbeschreiblicher Glut erfüllt, wie sie nur derjenige ermessen kann, der am letzten Baseler Kongress der denkwürdigen Abstimmung über das Anbot der englischen Regierung beigewohnt hat. Indem der Redner mit dieser Wendung auf sein eigentliches Thema, den VI. Kongress, überging, äusserte er u. a. über das Ostafrika-Projekt, dass es in dieser Frage am besten «ei, das Resultat der zu entsendenden Expedition ruhig abzuwarten und sodann der endgiltigen Entscheidung der Majoritätsich zu fügen, denn nur das Volk selbst, um dessen Wohl und Wehe es sich handelt, ist berufen und imstande, zu beurteilen, ob die Notwendigkeit einer momentanen Hilfe für alle jene vorhanden ist, die aus dem überhitzten Dampfkessel Russlands entweichen wollen und heute kein Abzugsventil mehr haben, oder nicht. Und die endgiltige Entscheidung des Volkes wird unter allen Umständen respektiert werden müssen. Die Frage, vor welcher wir stehen, lautet aber keineswegs, wie viele unserer Gegner uns imputieren wollen: Zion oder Ostafrika?, sondern: direkt nach Zion oder durch Ostafrika? Unsere Gegner haben es wahrlich nicht nötig, Zion gegen uns in Schutz zu nehmen. Wir weichen vom Baseler Programm nicht um Haaresbreite ab und können nur die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte auf dem Boden des Landes unserer Väter als endgiltige Lösung der Judenfrage ansehen. Es ist unrichtig, wenn behauptet wird, dass die Verhandlungen mit der Türkei endgiltig gescheitert sind. Man kennt ja die türkische Diplomatie und ihre Neigung, alles möglichst lange hinauszuschieben. Aber die Verhandlungen mit Sr. Majestät, dem» Sultan, sind nicht abgebrochen worden; sie haben vielmehr nur noch zu keinem befriedigenden Resultat geführt und werden zur geeigneten Zeit wieder aufgenommen werden. Im weiteren Verlaufe der Versammlung replizierte Marmorek einem Herren, der den abgestandenen pseudopatriotischen Bedenken gegen den Zionismus Ausdruck verlieh und den ungarischen Liberalismus als unübertroffen rühmte, in ausgezeichnet wirkungsvoller Weise, indem er auf jene Souveräne hinwies, die im Zionismus nichts Unpatriotisches gefunden haben, denselben vielmehr ihrer vollen Sympathie und Zustimmung für würdig erachten, trotzdem sie sicherlich die ehrlichsten Patrioten sind. Der britische Oberst Goldsmid ist ein eklatantes Beispiel dafür, dass der treueste Diener seines Königs und Vaterlandes zugleich sehr wohl auch jenen Pflichten in vollstem Masse entsprechen kann,, die ihm die Bande des Blutes und der Stammesgemeinschaft auferlegen. Was den Liberalismus betrifft, kann Redner nicht zugeben, dass dieser immer judenfreundliche Gesinnungen zur Voraussetzung haben muss. Es ist einfach eine Selbstüberhebung, wenn die Juden im allgemeinen das Kriterium des Liberalismus darin erblicken, ob und in welchem Masse durch denselben ihre Interessen geschützt werden. Redner kann sich sehr gut eine liberale Politik und liberale Männer vorstellen, die unter Umständen den Juden nichts weniger als freundlich gesinnt sind, weil vielleicht wichtige Interessen dem entgegenstehen. Deshalb sollen die Juden Ungarns nicht allzuviel vom Liberalismus erwarten, sondern eher auf die eigene Kraft bauen. Recjner ist überzeugt, dass das Volk der Magyaren, welches für seine eigene nationale Freiheit in hundert Schlachten geblutet hat, auch unsere Bestrebungen achten und würdigen wird. Das magyarische Volk wird in seiner ritterlichen Gesinnung dort mitfühlen, wo ein ganzes Volk aus tausendjähriger Knechtung sich erhebt, um seine ursprüngliche Freiheit, sein Land, seine nationale Selbstbestimmung wieder zu erlangen.