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Die Welt · 1903-10-30 · 44 (30.10.1903) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
44 (30.10.1903)
Article
Die Entstehung des Judentums - Haschachar
Date
1903-10-30
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „bis & W^lt'1 Nr. 44 und oberflächliche BüchleiD zu Ende führen. Es wäre schon wirklich an der Zeit, dais eine allseitige, moderne, auf d-r ökonomischen Geschichtsauffassung basierende, aber auch die psychischen Momente in ihrer ganzen Bedeutung würdigende Theorie der jüdischen Geschichte und des Entstehung des Judentums geschaffen werde. Es wäre umsomehr an der Zeit, als in dem modernsten Judentum der Kampf zwischen der Tradition und dem freien Denken wieder zu beginnen droht . . . Und wenn der Versuch von Lublinski an dem Streben nach einer zu grossen Vereinfachung scheitert, ist Dr. N. Syrkin aufs eifrigste bemüht seine Gedanken möglichst konfus und unverdaulich auszudrücken. Doktor Syrkin hat eine eigene Passion. Mar che Leute lieben es Bücher zu schreiben. Er zieht es vor, Zeitschriften zu schreiben. Ich erinnere mich an eine Erzählung, in der der Held für sich selbst eine Zeitung machte. Er schrieb selbst Korrespondenzen und Leitartikel, depeschierte aus aller Herren Länder, selbstverständlich von seiner Dachkammer aus, strengte sogar gegen sich selbst Majestätsbeleidigungsprozesse an. Dr. Syrkin verfährt ungefähr ebenso. Zuerst liess er eine Nummer einer Jargon- Zeitschrift „Der Hamon" (Das Proletariat) erscheinen, die von der Organisation „Cheirus" herausgegeben war, von derselben Organisation, von der ein Witzling neulich schrieb, ihre drei Mitglieder seien nunmehr in vier Fraktionen zerfallen. Nun gab er eine zweite hebräische Zeitschrift „Haschacbar4 (Die Morgenröte) heraus. Aber die Nummer enthält ausschliesslich Artikel von Doktor Syrkin. Alles schreibt er: Philosophie und Soziologie und sogar Satyren. Und wie er der einzige Mitarbeiter der Zeitschrift ist, wird auch, wie ich glaube, die Nummer die einzige bleiben, da er auch ihr einziger Leser sein wird. Auf das Meritorisehe des „Systems" des Dr. Syrkin, der alle Werte des jüdischen Lebens umwerten will, für den Achad-Haam der Philosoph der dekadenten und verzweifelten jüdischen Bourgeoisie ist, u. dgl. mehr, werde ich vielleicht noch ein anderesmal zurückkommen. A. Corainik. * Soeben ist ein neues Buch Dr. Franz Oppenheimers erschienen. Es führt den Titel „Das Grundgesetz der Marx'schen Gesellschaftslehre". Wir geben zur vorläufigen Uebersicht das Inhaltsverzeichnis und werden eine eingehende Besprechung von fachmännischer Seite folgen lassen : Thesen. Der Grundpfeiler der Marx'schen Gesellschaftslehre. Das Gesetz der Akkumulation und seine Konsequenzen; Akkumulationsgesetz und Mehrwertlehre. Der Marx'sehe Beweis. Die Entstehung des Kapitalverhältnisses. (Die ursprüngliche Akkumulation); Die Reproduktion des Kapitalverhältnisses. (Das Gesetz der kapitalistischen Akkumulation); Der Marx'sche Kettenschluss; A. Darstellung; B. Kritik. Die Marx'sehe Behauptung im Lichte der Tatsachen. Die Tatsachen der industriellen Entwicklung. (Die „Freisetzung" des Arbeiters und die Kompsnsationstheorie); Die Tatsachen der landwirtschaftlichen Entwicklung. (Zentralisation, Expropriation und Freisetzung in der Agrikultur); Die Konkurrenz in der Landwirtschaft; Die Akkumulation und Zentralisation des Agrikulturkapitals; Gross- und Kleinbetrieb in der Landwirtschaft; Die Freisetzung des Landproletariats; Die Tatsachen des kapitalistischen Gesamtprozesses. (Die Urbanisierung der Bevölkerung). Die Ursache der kapitalistischen Exploitation. Grundeigentumsverteilung und ländliche Wanderbewegung; Antikritisches Zwischenspiel; Skizze einer Lohntheorie; Die Tendenz der kapitalistischen Entwicklung. Schlusswort. Die Klassentheorie. Feuilleton. Great Assembly Hai!. Die Entfernung von Minsk nach London ist sehr gross. — Entfernungen bedeuten ethnographische Unterschiede. Es gibt Zionisten in Minsk und Zionisten in London. Die Zionisten in beiden von einander so sehr entfernten Orten sind zumeist in Russland geboren und die in London zur Welt gekommenen stammen von russischjüdißchen Eltern. Und doch welch ein Unterschied zwischen einer Zionistenversammlung in Minsk und einer Zionistenversammlung in London. Diese Unterschiede sollen in der „Welt" zum Ausdiuck gelangen. Man soll nicht nur die Reden abdrucken und die Generäle nennen, man soll auch die einfachen Krieger beschreiben uud die Schlachten schildern. Ich will meinerseits die Kämpfer von Great-Assembly-Hall in London Mile-End der Welt und ihren Lesern vorstellen. Am dritten Sebbath im Monate Ab gab es in East- End viel erregte Gemüter. Das konnte man merken, wenn man sich vor ein Plakat stellte, das die grosse Versammlung in Great-Assembly-Hall ankündigte. Es gab zahlreiche solche Plakate in hebräischen Lettern und zahllose Brandartikel. Ein jüdisches Blatt hatte den rührend netten Umzug für den Nationalfonds (siehe Nr. 14 der „Welt") kritisiert. Das ist schliesslich Recht und Pflicht eines jeden anständigen Blattes, besonders eines solchen, das im Jargon schreibt. Schliesslich haben alle grossen englischen Tagesblätter dieäe Demonstration mit einer Notiz bedacht. Unser Freund vom Jargonblatte soll jedoch die Prozession sehr ungünstig kritisiert haben. Und das vertragen sie nicht im East-End. Der Zionismus ist heilig, der Nationalfonds sacrosankt und seine Prozession ohne Fehl. Der unkluge Kritiker wurde plötzlich zum Sozialdemokraten gestempelt und endlich zum Anarchisten degradiert. Ich bitte, so ein Mensch, dem nicht einmal die Prozession des Nationalfonds heilig ist — muss das nicht ein Anarchist sein? Und ein Anarchist darf nicht mehr auf die Plattform, den Ehrer.piatz nahe der Tribüne, er muss vielmehr hinunter unterhalb der Rednerkanzel, wo all die weltlichen Journalberichterstatter sitzen. Great-Assembly-Hall hat die Form eines länglichen Dreieckes. Auf der einen Schmalseite bauen sich von unten auf Journalistentribünen, Rednerkanzel, Plattform und Amphitheater der Ehrengäste auf. Rings um den Saal zieht sich eine Gallerie und eine zweite erhebt sich an der anderen Schmalseite. Hier sitzen die Särger um mitzusingen. Das Auditorium ist dicht gedrängt. Männer, denen man ansieht, dass sie ihre Sabbatkleidung abhaben, auch viele, die den Salonrock gewohnt sin d, feiern in fashionablem Putz, und Mütter mit Babies; derbe, bärtige Gesichtersieht man, aus denen die englisch gepflegten herausleuchten. Alle sprechen sie gerne englisch, das nicht viele gut beherrschen und alle lieben das Land ihrer Zuflucht, sowie jeder gerne als landesk ndig gilt. Als ich einen Mann, der nur mühselig einige englische Worte sprach, fragte, ob er schon lange in London sei, antwortete er : Ich bin schon sehr lange hier — schon sechs Jahre. — Doch nun zurück zu den Sängern und Sängerinnen. Sie beginnen ein zionistisches Lied mit hellen Stimmen, und ehe sie eine Strophe gesungen haben, wird ihr Gesang von einem Stimmach wall verschlungen, der sich anhört, wie die Brandung des Meeres. Es mögen an 6000 Menschen im Saale sein und wenn nur die Hälfte die Stimme erhebt um mitzusingen, so gibt dies eine Wirkung, der man sich nur schwer entzieht. Auch wenn eine Pause im Gesang eintritt, rumort es da drinnen, wie an felsiger Küste bei steifer See. Und die See ist stürmisch. Mächtig braust eine Woge heran, erst langsam, dann immer stärker anschwellend und nun packt sie den Kritikus, „den Sozialdemokraten", „den Anarchisten*, den Schmäher der Prozession. Vergeblich bitten einige Ordner, vergeblich stemmen sich ruhigere Zionisten gegen die Uebermacht. Es rast die See und will ihr Opfer haben. Immer wieder

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