Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Article
- Die Entstehung des Judentums - Haschachar
- Date
- 1903-10-30
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316064-3338123--44075-3338305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4* „bis # W^lt Seite 13 Bücherwelt. Büchsreinlauf. Die Entstehung des Judentums. — Haschachar, Seit der grossen Entdeckung Pasteurs gingen viele andere Forscher auf cier von ihm angezeigten' Bahn und entdeckten Bazillen verschied euer Art und verschiedener Krankheiten. Da neulich hat sogar ein italiei-ischer Professor den Bazillus des Wahnsinns entdfckt. So ein Bazillus schwirrt und schwebt in der Lufi herum, haftet an diesem und jenem Individuum und erzeugt eine Epidemie. Wenn mich nicht alles täuscht, glaube ich auch einen muen Bazillus entdeckt zu haben, und zwar den der Gtschichtsphilosophie, oder um es genauer zu präzisieren, den Bazillus der jüdischen Geschichtsphilo> ophte. Wie Pilze nach dem Regen schiessen Theorien en por, eine stattlicher als die andere, eine zierlicher als die andere — eine Lust sie zu schauen. Da setztgsich so ein Bazillus in einem sonst ziemlich begabten und geifctreichen Schriftsteller, S. Lublinski, fest uud brachte seine verheerende Wirkung hervor — nämlich eine neue jüdische Geschichtsphilosophie. Herr L u b 1 i n s k i hat sich mehrmals gemausert; vom deutschnationalen, konservativer) Standpunkte tfing er zum jüdischnationalen über, wurde ein politischer 2ionist, um dann wieder Fronde zu machen und zur Sozialdemokratie überzutreten. Es ist eigentlich nichts Auffallen des darin. Die Evolution des Denkens, die Einsicht in die soziale Frage kann ja zu solchen häufigen Schwenkungen verleiten und es gibt vitale unter den Zionisten, die die Grundprinz pien der Sozialdemokratie anerkennen, ebenso wie es Sozialdemokraten gibt (oder es geben sollte), die auch national, uud in unserem Falle, zionistisch denken können. Das Merkwürdige ist nur, dass die früheren Stadien seiner geistigen Evolution gar keinen Einfluss, keine Spur auf die späteren hinterlassen haben. Ein Jude, der einmal Zionist war.der einmal von der Existenzberechtigung und Existenzfähigkeit seines Volkes überzeugt war, und dessen nationales,das hei est unabhängiges Leben für wünschens- und streben f wert hielt, kann nicht oh^e weiteres seine herzinnigen Überzeugungen zum alten Eiten werfen; er tut es wenigstens mit Wehmut. Anders ist es, wenn man ein Motte- und Hurrahzionist war, wie es leider deren gibt, denen das Ideal des Zionismus niemals weiter, als zu den Lippen drang, denen das Wesen des Judentum fremd ist. Zu solchen Leuten rechne ich Lublinski. nich t. Und deshalb ist mir seine plötzliche Schwenkung e:ne Ueberraschung, ein „psychologisches Rätsel1*. Siehe Fall Mehring. Der Autor versucht in seinem Büchlein. (0Die Entstehung des Judentums." Eine Skizze. Jüdischer Verlag. Berlin, '1903), eine „Skizze" (es nimmt sich auch in der Tat mehr als eine belletristische Skizze, als wie eine wissenschaftliche Arbeit aus) der Genesis des Judentums zu geben, und zwar, wie er es bereits im Vorworte angibt, auf Grund der antimystisehen-ö k o n o m isehen Geschichtsbetrachtung." Es ist vor allem ziemlich dunkel, was denn eigentlich der Verfasser zu geben bezweckt, eine Eikiä?utig der Entstehung des Judentums als eines Kulturkomplexes, des „Judaismus1* oder des jüdischen Volkes und seiner Geschichte, kurz der äusseren oder der inneren Geschichte des Judentums. Denn es besteht doch keineswegs eine vollkommene Identität zwischen diesen beiden Seiten des sozialen Lebens. Nicht imn:er fällt die soziale Entwicklung mit der religiösen und ideologischen zusammen; manchmal überholt die eine die andere, manchmal befindet sich das soziale L^ben weit hinter dem ideologischen und dann entsteht in der Gesellschaft eine Spaltung, eine Disharmonie. Die Religion, um von einer der zahlreichen Aeusserungen des ideologischen Ueberbaus der menschlichen Gesellschaft zu sprechen, gehört nicht ohne weiteres in die ökonomische Soziologie, ist nicht denselben, ich meine strikte denselben Gesetzen unterworfen. Sie ist eine Parallelerscheinung und gehört einem anderen Gebiete an, dem der höheren Soziologie, der „Kosmosoziologiett, wie Raoul de la Grasserie*) sagt. Lublinski sprichtin den ersten Seiten seiner Broschüre über die Entstehung und die Entwicklung des Grundpfeilers des Judentums, nämlich des Monotheismus. Obwohl ich mit ihm in seiner Beurteilung der krampfhaften Versuche unserer bourgeoisen „liberalen" und orthodoxen Juden die Priorität der Juten auf denEinheitegedanken aufrechtzuerhalten, übereinstimme — als ob die Juden keine anderen Verdienste und R. dela Grasserie: „Les Religions comp, du point de vue Sociologique." 1899. Existenzgründe hätten! — so halte ich seine Ableitung für ganz verfehlt. Er betrachtet die Religion nur ihrem sozialen Charakter nach; das genügte vielleicht zur Erklärung der religiösen Kämpfe, die eine paiaUtle ökonomisch-soziale Grundlage hatten, aber keineswegs zur Erklärung der Entstehung der Religion. WTarum musste der Monotheismus entstehen? Warum musste der Elohismus vom Jahvismus verdrängt werden? Auf dieße Erscheinung, nämlich, dass die Juden nicht vom Anfang an Jahvisten waren, sondern Elohisten, dass sie dann zur Zeit der Propheten wieder zum höheren religiösen elohistischen Ideale, das mittlerweile einen stark demokratisch-sozialistischen Einschlag gewonnen hatte, zurückkehrten, darauf hat unser Geschichtsphilosoph gar nicht geachtet. Und mü°sten wir nicht e twa, um den Grund dieser Erscheinung, die uns den eigentlichen Schlüssel zur Geschichte des „Judentums" liefern kann, zur Theorie greifen, die schon Renan gebraucht und vielleicht auch missbraucht hat, die Gobineau und seine Epigonen sicherlich missbraucht haben, die aber doch einen richtigen Kern hat — nämlich zu der Lublinski so verhassten Raesentheorie, diesem „Blutmärchen der Rassentheorie,u wie er sich ausdrückt? In seinem übertriebenen Schabionisieren sieht der Verfasser gar nicht den Unterschied zwischen dem Proph-»te»t Elia aus Thisbe und dem Jesaias und dem Jeremias, die er alle als Trägor des Protestes des armen hirtlichbauerlichen Volkes, das noch die freten Lebensformen im Gedächtnisse bewahrte, gegen den feudatistisch-meokratischen Staat betrachtet. Der Autor verkennt den gewaltigen Unterschied zwischen dem genannten Propheten, der darin bestand, dass Elias noch zu dem Pf ophetentypus gehörte, dessen Vertreter nooh als halbe Zauberer galten, als sie noch von den alten Sonnenmythen durchwoben und mit ihnen identifiziert waren und einem Jesaias, der ein Tribun, ein Reformator war, der den neuen, gereinigten elohistischen Gottesbegriff in die Gesellschaft einfuhren wollte. Die mythisch-psychologische Seite des Prophetismus, die so schön von vielen Religionsforschern und u. a. auch von Kornill und von Lazarus in seinem „Jeremias** behandelt wurde, existiert für den Verfasser nicht. Es ist im Rahmen dieser Besprechung unmöglich, die zahlreichen Mängel der Geschichtskoustruktion des Verfassers alle auch nur aufzuzählen. Er meint z. B., in Rom und in Griechenland habe es keine soziale Frage gegeben, da die Stadtstaaten sklavenhälterisch waren. Ein Blick auf die Geschichte Roms und Athens, wie ste nach den letzten Forschungen, wie z.B. den^n des Prof. Schwarczin Budapest, wird uns das Gegenteil beweisen. Und dann setzt er mit einem Sprung über Jahrhunderte hinweg und erklärt zum Schluss, die Juden wären ins Altertum als die einzigen Kapitalisten inmitten einer Naturalwirtschaft eingetreten, hätten diese Geldwirtschaft in das feudale Mittelalter mitgenommen, wodurch sich ihre wechselvolten Geschicke erklären und nun könnten sie sich vom Banne dieses alten Kapitalismus nicht befreien und bilden einen Gegensatz zum modernen Kapitalismus. Daher ihr Leiden, daher der Antisemitismus, in de irae ... Es ist also in anderen Worten der von Sombart formulierte Gegensatz zwischen ^Altkapitalismus" und „modernem Kapitalismus". Aber es bleibt doch noch immer die Frage offen, warum die Juden dem modernen Kapitalismus sich nicht anpassen konnten, sie, die ihn doch zu schaffen geholfen haben. Waren es doch Juden, die den Kapitalismus en gros ins Leben riefen, bis sie von den christlichen Kapitalisten, wie die Gualerotti in Florenz, die Fugger und Welser in Deutschland, verdrängt wurden. Und weshalb wurden sie verdrängt? Wenn man schon einmal, wie Lublinski, alle« auf eine Ursache reduziert, mups man doch auch alles dadurch erklären können! Und sind denn in der Moderne, im XIX. Jahrhundert, die Juden Altkapitalisten? Ich glaube das Gegenteil ist wahr. Gerade sie haben in den wirtschaftlich rückständigen Ländern Osteuropas den modernen Kapitalismus geschaffen, und sind auch jetzt dort die einzigen Träger desselben, als Gross- und Kleinbourgeoisie. In den letzten Jahrzehnten bildet sich ein imm*r grösser werdendes jüdisches Proletariat. Also warum jetzt die „iraeÄ? Ein richtiges Wort hat aber zum Schlüsse Herr Lublinski gesagt, ein Wort, da^s ich rückhaltlos unterschreibe : „Jede Bewegung im Judentum von heute, der Zionismus nicht ausgenommen, dient bewusst oder uobt wusst der Beseitigung der Natural- und Wucherwirtschaft, der Modernisierung des Judentums*" Und um nicht selbst in den Verdacht zu kommen, ich wäre ebenfalls vom Bazillus der Philosophie infiziert, werde ich meine Betrachtungen über dieses unkomplette