Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Article
- Eine russische Monatsschrift über das Ostafrikaprojekt [Kommentar]
- Date
- 1903-10-30
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 „bie # weit Seile 7 riellen und geistigen Wohlstandes mitgearbeitet haben. Ich glaube an die Zukunft! Wohl weiss ich, dass Leiden, Hass und Vorurteile uns von dieser Zukunft trennen. Aber ich weiss auch, dass nicht die Flucht diese Leiden, Zwistig keiten und Vorurteile besiegen würde." gt. * In Fortsetzung seines von uns in unserer letzten Nummer veröffentlichten Artikels schreibt N. S o k o 1 o w in der „Hazefir ah* weiter über das Ostafrikaprojekt: Ueber die Eignung oder Nichteignung Ostafrikas zur Kolonisierung wird die Expedition von Fachmännern entscheiden. Ich sagte es bereits, dass es Sache der „Ica" sein sollte. Sind die Bedingungen zur Besiedlung in jeder Hinsicht günstig, möge sie dort kolonisieren; ihr Werk wird Anerkennung finden. Möchten nur die Zionisten diesen Plan so früh als möglich von sich abschüttelr, denn uns geh* er gar nichts an. Die Autonomie, derentwillen wir den Ostafrikaplan aufgegriffen haben, besteht auch in Argentinien. Es dürfen dort die Kolonisten ihr eigenes Oberhaupt, ihren Richter in jeder Kolonie wählen; jede derselben hat ihre Polizei, die zwar von der Regierung eingesetzt wird, aber, wie in Frankreich, der Ortsbehörde untersteht. Ausserdem können mehrere Kolonien sich eine gemeinsame Leitung wählen und ein geschlossenes Gemeinwesen bilden. In Brasilien haben die Deutschen ihr besonderes Gemeinwesen in St. Paolo; wäre die Mehrheit eines solchen Gemeinwesens jüdisch, so wäre es gewiss ein jüdisches, ohne jede Gunst und besondere Bewilligung. Würden sich die Juden auf un bevölkerten Flecken Amerikas niederlassen und eine beträchtliche Bevölkerungsstärke erreichen, so würden sie ein Territorium, in der Folge auch ein Gemeinwesen besitzen, das sie autonom verwalten könnten. Würde überhaupt bei uns eine „autonome Tendenz" herrschen, der Wille und der Wunsch und das Bestreben, Herren im eigenen Hause und nicht Schiaorrer in der Fremde zu sein, so hätten wir längst mehr als eine Autonomie. Aber diese Lust ist bei uns nicht vorhanden, da unser nationales Btwusstsein stumpf, unser nationaler Lebensinhalt anf ein Minimum herabgesunken ist — besonders, wo es sich um fremde Länder handelt! Wozu denn auch? fragen die Juden, sowohl die frommen, wie die freidenkenden. In New-Jersey gibt es eine beträchtliche jüdische Bevölkerung. Wären es u n s e r e Juden, jüdischnationale, so würden sie, ohne von der Regierung gehindert zu werden, ihrer Verwaltung eine jüdischnationale Form aufprägen können. Wir haben aber leider keine Juden, die dies als notwendig erachten. Und deshalb wiederhole ich es aufs nachdrücklichste: Was Z an g w i 13 sagte, die Agrikultur, nicht die Kultur sei das Wichtigste, ist ein blosser Kalauer. In Wirklichkeit kommt es auf die Kultur an. Ich möchte mich nicht in Diskussionen einlassen, die hier nicht am Platze wären. Ich verweise nur auf eine Tatsache. Die Möglichkeit einer Autonomie gibt es für die Juden auch *n Argentinien. Was in Ostafrika in Aussicht gestellt wurde, es besteht bereits in Argentinien. Wozu nun die Freude über etwas Fernliegendes, weil es neu ist? Auch in Kanada ist es nach den herrschenden Gesetzen möglich, freie autonome Verwaltung zu erlangen. Viel leichter noch in Australien. Der anziehende Ton in dem Anerbietungsschreiben der englischen Regierung ist verflogen und ins unendliche verblasst infolge der Kommentare, die die „Times" hinzugefügt hat. Sie beeilte sich zu erklären, dass die Autonomie nur eine innere sein werde. Es ist wahr, auch die Juden, zumindest manche Juden haben zu dieser Kommentierung beigetragen. Ich meine nämlich den Juden Lucien Wolf, der sich hervordrängte und sich verwahrte: „Wir wollen nicht wieder einen Staat gründen, sondern Toleranz geniessen". Aber mit bolchen Juden müssen wir stets rechnen, solche wird es immer geben. Sehen wir also beim ostafrikanischen Vorschlag von der Autonomie ab — dann bleibt ein Plan zu einer sehr fernen exotischen Kolonisation. Auf einen solchen Plan kann man weder mit „Ja" noch mit „Nein" antworten. Es ist dies ein Zwischenfall, eine Episode innerhalb der zionistischen Bewegung. Nicht allein, dass es nicht Zionismus ist, es ist nicht einmal ein „Judenstaat". Jedenfalls nicht u ehr Judenstaat als Argentioien mit seiner Autonomie. * Löbliche Redaktion! Ich arbeite seit 20 Jahren uneigennützig für unser Zion und bin einer der Gründer von Rischon Lezion. Ich habe Palästina viermal nach allen Richtungen durchkreuzt und scheute weder Zeitnoch Geldverlust, als ich in Argentinien die dortige Kolonisation in eigener Person erforschte. Ebenso studierte ich selbst die jüdischen Verhältnisse in Nordamerika. Ich stand in lebhaftem Verkehr mit Leo P i n s k e r. Meine Freunde, hervorragende Zionisten, wissen, dass mein letzter Atemzug Zion gehört. Meine im praktischen Leben gewonnenen Erfahrungen bewegen mich, frei und offen zu erklären : Hätten wirkein Uganda, so sollten wir um Zions willen, um des Heils des Volkes willen ums ein Uganda suchen. Ich fürchte einen direkten U^bergang vom Golus nach Erez Israel. Keine äussere Macht, wir selbst würden uns in die schwierigsten Lagen bringen, wenn wir mit allen im Golus erworbenen Eigenschaften eh zögen. Zu tief ist der knechtische Sinn in unsere Massen eingedrungen. Von Freiheit, Gleichheit und Recht kennen wir nur den Namen, nicht aber das Wesen. Wir reden viel davon und zittern vor allen, vom letzten Barfüsser bis hinauf zum Minister. Wir haben dadurch die Denkart der Parias so sehr angenommen, dass wir auch unter uns weder Disziplin, roch Volksliebe mehr kennen. Ein Jude ist des anderen Feind — arme Leute hassen ja einander immer. Ist es nicht ein Beweis dafür, dass die einzigen und feurigsten Gegner des Zionismus Juden sind? Wir setzen seit Jahren unser Herz und unsere Nerven an die heilige Volkssache und finden noch viel zu wenig Gefühl und Empfindung dafür. Wir haben Führer von unerhörter Willenskraft, Geduld und Weisheit und jeder Flachkopf beschimpft und verleumdet ungestraft. Un zählige Parteichen im Judentum sind nur in einem Punkte einig: Im hartnäckigen Kampf gegen uns, das Judentum. Mir erscheint nach meinen Erfahrungen unsere heutige Generation nur als der Staub, aus dem erst Ziegel g?presst werden sollten. Wir sollten erst in einem freien Lande die Seelenwunden aus unserem Golus heilen. Wie schön wird es sein, wenn wir den Handel vergessen, Agrikultur statt Ueberkultur, Disziplin und Volksliebe besitzen werden! Mit diesen Baumitteln werden wir Zion als den stolzesten Prachtbau der Welt errichten können. In Uganda kann eine Generation in Stolz und Freiheit erzogen werden. In Uganda kann die Bauernklasse entstehen. Wenn wir mit dieser Machl in Zions geöffnete Tore einziehen werden, wird unser Leben keinen Moment bieten, in dem uns der Beifall der Hochherzigen aller Völker versagt bleibt. Was kann darin für ein Schaden liegen, wenn wir auf fruchtbarem Territorium, ui ter Freiheit und mit Selbsthilfe die grosse Krankheit heilen : das Golus? Wenn wir ins Krankenhaus gehen, um gesund und in Freuden nach Hause zu kommen?