Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Article
- Eine russische Monatsschrift über das Ostafrikaprojekt [Kommentar]
- Date
- 1903-10-30
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „bie # weit Nr. 44 Kummer beroitst. Sogar seine Irrtümer in der Beleuchtung und Erörterung verschiedener brennende jüdischer Tagesfragen entspringen seiner ehrlichen Liebe zu unseren Volksgenossen, die er glücklich sehen möciite. Und deshalb sind sogar jene Ausführungen Iuschakows beachtens wert? welche die Weltgeschichte und das praktische Lebtn bereits gründlich widerlegt haben. Ueber das Ostafrikaproj»kt schreibt Iuschakow unter anderem wörtlich: „Auf dem im August abgehaltenen sechsten Zionistenkongress zu Basel hat Dr. Herzl die Mitteilung gemacht, dass England bereit ist, in seinen ostafrikanischen Besitzungen, namentlich im Prolektorate Ostafrika, an dem oberen Laufe des Nils, den Juden ein Territorium zur Gründung einer autonomen jüdischen Kolonie zu überlassen. Die Bedingungen und die Verhältnisse des südlichen Teiles von Englisch-Ostafrika sir. d günstiger als im östlichen Tt>ile. Die Temperatur en eicht dort im Minimum 10, im Maximum 30 GradReaumur. Eine derar tige Temperatur herrscht im Juli im Noworossiisk-Gebiete, so dass die Einwohner Südrusslands von der Hitze in Uganda kaum überrascht werden dürften. Eine solche, relativ massige Temperatur verdankt das Land dem Umstände, dass es hoch über dem Meere liegt und noch höhere Gebirgsketten besitzt. Das sind die Daten, welche zugur.sten Ugandas sprechen. Es gibt jedoch aber auch eine Kehrseite. Von den ungünstigen physischen Bedingungen muss zuerst auf die allzugrosse Feuchtigkeit im Boden und in der Atmosphäre hingewiesen werden, welche Englisch-Ostafrika besitzt; und bei einer feuchten Atmosphäre ist die Hitze schwer zu ertragen, so dass Europäer kaum fähig sein werden, zu arbeiten. Ferner muss rüe reiche tropische Fauna zuerst besiegt werden, bevor eine Kultur von nicht unzulänglichem Charakter möglich sein wird. Löwen, Leoparden, Krokodile, Schakale, Riesen- und Giftschlangen sowie giftige Insekten, die alle sind Feinde und mächtige Vernichter des Lebens, so dass die ersten Generationen der Kolonisten der vier- und vielfüssigen und der fusslosen Bevölkerung des Landes kummervollen und blutigen Tribut werden entrichten müssen. Aber noch gefährlicher und feindseliger für die Kultur ist die nicht blutdürstige Tierwelt. Die Elefanten, welche dort in reicher Zahl vorhanden sind, überfallen in grossen Mengen die Dörfer, vernichten Obst- und Gemüsegärten, weil sie die Früchte sehr gern essen. Eine Rettung vor ihnen geben nur hohe Umfriedungen, welche um die Gärten gezogen werden. Aber diese Umfriedungen schützen nicht vor den Affen, welche ebenfalls Obst- und Gemüsegärten vernichten. Die Büffel, welche sich in Uganda in ungeheuer grosser Zahl befinden, sind durch ihre Wildheit gefährlich und vernichten viel mehr Menschenleben als die Raubtiere, welche dafür wieder die Haustiere vernichten. Fügt man noch die Myriaden -von Insekten hinzu, welche das Land hat, so wird man sich diese Urwelt leicht vorstellen, welche erst besiegt werden muss, um eine kulturelle Entwicklung sogar niedrigster Stufe zu ermöglichen. Wahr ist es, Elfenbein, kostbare Felle, weisse Affenhäute werden teuer gezahlt, und die Jagd kann einen sehr guten Verdienst abwerfen und zugleich das Land von diesen Feinden der Kultur säubern. Aber dazu ist viel Zeit erforderlich, um friedfertige Handwerker und Krämer in meisterhafte und mutige Nimrode zu verwandeln. Noch schlechter als mit der vierfüssigen Welt dürfte es mit der zweifüssigen Welt stehen. Das Land hat im ganzen eine Bevölkerung von etwas mehr als einer Million Menschen. Für ein grosses Land ist das freilich nicht viel, und Platz gibt es daher genug; aber die bequemsten Plätze sind bereits besetzt, den unbesetzten Boden aber betrachten die Einwohner als ihr Vaterland und werden die Ansiedlung von Fremdlingen kaum mit Vergnügen sehen. So schaut die Avers- und die Reversseite der aufgerollten Frage der Gründung einer jüdischen Kolonie in Zentralafrika aus. Schwer wird diese Kolonisation sein, aber durch Energie und Beharrlichkeit wird die Sache sich nicht als fruchtlos erweisen. Doch muss das Land zuerst erforscht werden. Die Kolonisation erscheint jedenfalls nicht chimärisch und nicht unmöglich, wiewohl sie mit vielen Schwierigkeiten, mit einem ganzen Meer menschlicher Tränen und menschlichen Blutes verbunden ist." Aber gleich vielen anderen ehrlichen Christen, welche ihren Glauben an die sogenannte Verbrüderung der Menschen, an die verbrauchten Schlagworte vom Sieg der Gerechtigkeit und der sogenannten Menschlichkeit roch immer nicht verloren haben, kehrt auch Iuschakow zu den alten, seit langer Zeit bereits in Trümmern liegenden Götzen der sogenannten Brüderlichkeit und Gleichheit zurück um sich gegen die Zweckmässigkeit einer jüdischen Auswanderung überhaupt auszusprechen. Der langsame Fortschritt auf dem Gebiete der Gründung eines Judenstaates in Palästina, wiewohl durch die Grösse der umwälzenden Aktion erklärlich, scheint Herrn Iuschakow entmutigt zu haben, während das Ostafrikaprojekt seine Sehnsucht um endlichen Einzug von Ruhe in die gequälten Gemüter unserer Volksgenossen ebenfalls nicht befriedigt. Und so nimmt dieser hervorragende und ehrliche russische Publizist Zuflucht zu jenen äusserlich schönen Traditionen, welche unsere Volksgenossen Str öme von Blut und Bäche von Tränen gekostet haben und täglich noch kosten. Und auf diesem Gebiete entstehen die Irrtümer Iuschakows, welcher, trotz Geschichte und Erfahrung, an die Möglichkeit eines menschenwürdigen Daseins unserer Volksgenossen unten den fremden Völkern noch immer glaubt... Aber für uns haben die Motive Interesse, mit denen Iuschakow diesen seinen Glauben begründet. Hauptsächlich baut er seinen Glauben darauf, dass der Exodus der Juden für die Länder, welche sie verlassen, eine eminente Gefahr berge. Er schreibt darüber unter anderem wörtlich: „Ich begreife, dass die jüdische Seele jetzt von Leiden übervoll ist, gleich dem Todesbecher, welcher mit Gift gefüllt ist. Ich begreife, anerkenne und achte den grossen Zorn, welcher diese Seele erfüllt und den festen, edlen Beschluss. einen ehrlichen und würdigen Ausweg aus der unerträglichen Lage zu finden. Ich begreife, anerkenne und achte diese Gefühle und glaube ebenfalls, dass ein Ausweg aus dieser Lage, welche für die Juden unerträglich, für die Christen beschämend und unwürdig ist, unter allen Bedingungen und um jeden Preis gefunden werden muss. Ist aber ein neuer Exodus ein derartiger Ausweg? Ein neuer Exodus gewährt den Juden keinen Ausweg aus der schweren Lage, sondern bereitet neue Leiden, neue Verluste und neue Enttäuschungen vor. Dieser Exodus ist noch gefährlicher für das Land^ welchem die Juden den Rücken kehren, weil die auswandernden Juden eine grosse Arbeitskraft, jahrhundertelang gesammelte Kultur, bedeutende Kenntnisse und Wissen, Energie und zahlreiche Talente und endlich materielles Gut mit sich fortnehmen. Alles dies bietet einen riesengrossen, unersetzlichen Verlust. Das Durchschnittsniveau unserer Juden wird somit sinken, das jetzige Durchschnittsniveau von Energie, Begabung, Moral, Kultur und Wohlstand wird für uns verloren gehen. Viel davon haben wir bereits verloren, denn mehr als 800.000 Juden haben in den letzten zwei Jahrzehnten Russland bereits verlassen. Leid und blutige Arbeit folgt ihnen, den Auswanderern, Verlust und Scham bleibt uns, den Zurückgebliebenen. Es ist höchste Zeit, anzuerkennen, dass die Juden das Recht haben, hier auf russischem Boden ein Vaterland zu finden. Und sie haben dazu ein volles und unbestreitbares Recht, weil sie nicht minder als alle anderen russischen Volksstämme an der Schaffung der russischen Kultur und des bürgerlichen Lebens, der russischen Bildung, des russischen mate-