Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 44 (30.10.1903)
- Article
- Antwort
- Date
- 1903-10-30
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 „bie Weit" Seite 3 bekümmern, wenn einige minder gescheite oder mehr böswillige Leute mich pietätlos schelten. Dem Eigner meines Vaterhauses werde ich sagen: „Gut, wenn du nicht willst, kann ich eben nichts machen. Mit Gewalt kann ich es dir nicht wegnehmen. So muss ich also trachten, Avas Anderes, Passendes zu bekommen." Und so weiter. Ich weiss nicht, wie der Handel schliesslich ausgehen wird, aber mir scheint solches Verfahren praktisch richtiger zu sein als die Art, wie Herr Ussischkin seine „Tätigkeit in den Bergen Israels" ausgeübt hat. Ich schliesse. Von zwei Dingen eines: Entweder Herr LTssischkin weiss einen kürzeren und besseren Weg, um das jüdische Volk in den öffentlich-rechtlichen Besitz Palästinas zu bringen — dann ist es von einem so guten Zionisten nicht schön, class er uns diesen Weg nicht schleunigst angibt. Oder er weiss keinen — dann möge er nicht mit leeren Redensarten die Einigkeit im Zionismus stören, die mehr wert ist, als ein paar Grundstücke in Palästina. 27. Oktober 1903. Th. Herzl. Bei Dr. Josef Chasanowitz. In einem Feuilleton der „Hazefirah" schildert ein Pseudonymus einen Besuch bei Dr. J. Chasanowitz in Bialystok, dem bekannten Zionisten und Gründer der Nationalbibliothek in Jerusalem. Die Unterhaltung drehte sich, wie es nicht anders zu erwarten war, um die Bibliothek, das grosse Ideal dieses Mannes, dem er sein rastloses, opferwilliges Leben widmet. Mit aufrichtiger, kindlicher Freude zeigte er dem Besucher die für seine Sammlung angeschafften Earitäten an jüdischen Druckwerken aus alter Zeit und mit Entzücken erzählte er von den Mühen, die er bei deren Auftreibung hatte. Dann kam er auf den letzten Kongress zu sprechen, auf dem er bekanntlich, trotz der hingebungsvollen Liebe zu „Zion", zur Ueberraschung aller, die ihn kennen und als das Muster eines idealen Zionisten hoch schätzen, für das Ostafrikaprojekt stimmte. „Der letzte Kongress — sagte er — hat mich arg hergenommen. Es kränkte mich die Wahrnehmung sehr, dass wir keine Männer haben, und dass wir kaum den Namen eines Volkes verdienen. Herzl ist der einzige Mann, der alle seine Gegner überragt und weit, sehr weit ausblickt. Einige junge Schwätzer riefen mir in Basel wegen meiner Abstimmung „Verräter!u zu. Ich habe mich einem Grösseren, Herzl, untergeordnet und ich glaube, dass er besser weiss, was uns nottut als alle Zionisten unseres Landes. Möge nur einer von ihnen versuchen, so zu arbeiten, wie er; mit Schwätzen allein, wodurch sich mancher von ihnen in Basel so auszeichnete, kann unserem Volke nicht geholfen werden. Es war gewiss leichter »nein" als Ja" zu sagen? wie es ja überhaupt leichter ist, den Armen unseres Volkes untätig gegenüber zu stehen, als positive Hilfe zu leisten. Nicht leichten Herzens habe ich Ja" gesagt. An jenem Tage berührte ich keine Speise und schlief auch nicht die folgende Nacht. Ich sagte mir aber, dass wir, die Satten, hier niqht so leicht abstimmen dürfen über eine Sache, die die Hungrigen und Elenden hart betrifft. Wo Lebensgefahr vorhanden ist, wird der Sabbath entweiht und der Jörn Kippur, die Thora setzt man hintan und das Land. Manche von ihnen rufen immerfort: Kultur! Kultur! Nun kommt zu ihnen ein Mann wie ich, der sich für die jüdische Kultur opfert und bemüht ist, eine Nationalbibliothek in Jerusalem zu gründen und — keiner kümmert sich darum. Sie speisen mich mit Versprechungen ab. Von den taugenden zionistischen Vereinen sind kaum neunzig ihrer Pflicht nachgekommen, die sie in Minsk und Basel übernommen haben: die Bibliothek mit je 3 Rubel jährlich zu unterstützen. Wenn ich euere Zustimmungsbezeugungen („Jejascher Koach"), die mir bis heute zuteil geworden, in Kopeken umwechseln könnte, vielleicht wäre es mir möglich, das begonnene Weik zu Ende zu führen. Die „weinenden Jasager" erschienen mir wie Weiber, die da laut jammernd umherstehen, wo ein totes Kind zur Welt kommt, während die Aerzte ruhig bemüht sind, Belebungsversuche anzustellen. Wer leistet da mehr — die Weiber oder die Aerzte? Hören Sie? . . Nun sprang Dr. Ch. auf und rief zürnend: „Wir können unmöglich ein Volk werden, nur Händler mit alten Kleidern haben wir!" Er wies dem Besucher eine Broschüre vor, welche die Entwicklungsgeschichte der Frankfurter Bibliothek enthielt und zählte die Gönner auf, die sie mit grossen Gaben bedachten, während er ohne die geringste Mithilfe dastehe. Er sprach vom „Misrachi", in dessen Mitte er opferwillige, tatkräftige Männer kenne und von der Intelligenz, die unserem Volke bisher nur sehr wenig Nutzen gebracht, dafür aber die Führerrolle beanspruche." Er sei bereits so erschöpft, dass er fast bereit wäre, die Sache sich selbst und anderen zu überlassen. Er habe verschiedenen Buchhändlern grössere Konti zu begleichen und es drücke ihn überdies noch die grosse Sorge? etwas zu ersparen, womit er seine letzten Jahre in Jerusalem verleben könnte. „Einer der geschwätzigsten Basler Delegierten — sagte er dann — wollte mir als „Verräter" beim Abschied nicht die Hand reichen, weil ich für Ostafrika gestimmt habe. Zweimal habe ich Palästina besucht und keinen Augenblick meines Lebens hörte ich auf, an unser Land zu denken. Ich gehörte zu den ersten und emsigsten Arbeitern für die Kolonisationsidee. Gerade deshalb, weil meine Liebe zu Zion keine blosse Phrase ist, trug ich kein Bedenken, für Ostafrika zu stimmen, das selbst beim besten Erfolge meine Liebe zu Zion nicht zu löschen vermag. Hätte mir Herzl die Weisung erteilt, die Bibliothek der ich mein ganzes Leben hingegeben, zu verbrennen, so würde ich, so es der Erreichung einer gesicherten Heimstätte für das Volk nützen könnte, ihm gewiss gehorchen. Nichts in der Welt steht höher, als das Leben des Volkes, und ich tue alles nur für das Volk." * Wie der „Transvaal Leader" berichtet, haben die hervorragendsten Mitglieder der Johannesburger jüdischen Gemeinde beschlossen, sich mit dem Ostafrikaplane eifrig zu befassen und eine spezielle Expedition auf ihre eigenen Kosten hinzuschicken. Die geplante Expedition wird aus erfahrenen Reisenden wie auch Fachmännern in Landbau- und Kolonisationsfragen bestehen, die die Landbeschaffenheit und Entwicklungsmöglichkeit des Landes genau erforschen werden. Die besagten Mitglieder der Johannesburger Gemeinde haben sich diesbezüglich mit Dr. Herzl in Verbindung gesetzt. Die Offerte der englischen Regierung hat bei allen Klassen und Parteien Johannesburgs Anklang gefunden. Die öffentliche Meinung in Südafrika ist den Juden und ihrer nationalen Bewegung sehr gewogen. Dafür sprechen die höchst sympathischen Artikel vnd Kundgebungen in den angesehensten südafrikanischen Zeitungen, wie z. B. in dem „Rand Daily Mail", „Star" u. s. w. Der „Ran d D a ily Mail" bringt in der Nummer vom 25. September einen Artikel über die zionistische Bewegung von E. A. Nathan, worin dieser für das Ostafrikaprojekt eintritt und den Nachteil desselben für das Ziel des Zionis* mus bestreitet. * Ein Blaubuch über die Ugandabahn. Die englische Regierung hat dem Parlament ein Blaubuch über die Entwicklung der Uganda-Eisenbahn in dem Zeitraum von Anfang des Jahres 1902 bis März 1903 zugehen lassen, das man zum angelegentlichen Sludium empfehlen kann. Seitdem die englische Regierung die Fortführung der von der Britisch-Ostafrikanischen Ge-