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Die Welt · 1903-10-30 · 44 (30.10.1903) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
44 (30.10.1903)
Article
Antwort
Date
1903-10-30
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 lfbi$ ❖ W^lt" Nr. 44 senden. Diese Erben haben sich geirrt, der Moment ist noch nicht da. Der politische Zionismus, zu dessen Urhebern., Pflegern und Verteidigern, zu gehören ich mich rühme, dieser Zionismus steht noch aufrecht., unverändert und unveränderlich. Zu diesen Leuten will ich Herrn Ussischkin doch noch nicht rechnen. Aber nichts gibt ihm das Becht:, sich für einen besseren jvs nmn zu halten, als meine Freunde und mich. Hat er meine Eröffnungs- und Schlussrede im Kongressbericht nicht gelesen? Oder hat er sie nicht verstanden? Ich habe dem in Basel Gesagten nichts hinzuzufügen. Herr Ussischkin hat freilich ein Vorurteil gegen das „Diplomatisieren und Politisieren", wie er wegwerfend sagt. Es erinnert mich an das Vorurteil/ das viele einfache, brave Menschen gegen die studierten Leute haben. Die Ungebildeten wären demnach den Gebildeten überlegen, und in einer Sache von politischem Charakter, die nur auf diplomatischem Wege vorwärts zu bringen ist, sollte man anders als diplomatisch vorgehen? Hier verstehe ich Herrn LTssischldn nicht mehr. Was will er eigentlich? Er wird vielleicht sagen: Taten, nicht Worte! Und mit einer schwungvollen Wendung verweist er auf seine „Arbeiten an Pal ästin a", auf seine „Tätigkeit in den Bergen Israels"'. Sehen wir uns diese Taten näher an. Herr Ussischkin aus Ekaterinoslaw hat eine kleine geheime Versammlung in Sichron-Jakob veranstaltet, die verschiedene Eesolutionen fasste und diese Zusammenkunft wurde in den Blätter- { berichten pomphaft „palästinensischer Kongress" genannt. Ich will hoffen, dassdie unter türkischer Verwaltung wohnhaften Teilnehmer dieser harmlosen Besprechung keine unangenehmen Folgen davon zu verspüren haben werden. Jedenfalls warne ich sie hiermit ernstlich vor einer Wiederholung dieser Unbesonnenheit. Ich kann mir nämlich nicht gut vorstellen, dass die türkische Regierung gerade den Juden in Palästina eine selbständige Volksvertretung gestatten wird, da sie selbst unter dem militärischen Druck aller Grossmächte anderen, und zwar mohammedanischen und christlichen Völkern ihres Reiches solche Selbständigkeiten nicht erlaubt. Ich will es nur mit der völligen politischen Unerfahrenheit des Herrn Ussischkin entschuldigen, dass er auf seiner Besuchsreise in Palästina die Brüder, die dauernd dort leben, in Gefahren brachte, auf die ich jetzt nicht näher eingehen will. Den Teilnehmern der Kongress genannten Besprechung von Sichron-Jakob gebe ich aber hiemit den Rat, diese Unbesonnenheit nie mehr zu wiederholen. Sonst weiss ich von Herrn Ussischkins Taten nur noch, dass in der „Welt" nach eiiner Anregung des Herrn Ussischkin für die Ansiedlung der Kischenewer Waisen in Palästina gesammelt wird, und dass die Gesellschaft Geulah Grundstücke ankauft. Ich nehme an, dass Herr Ussischkin die Geldspenden anderer mildherziger Leute für die Opfer von Kischencw weder zu seinen „Arbeiten in Palästina", noch zu seiner „Tätigkeit in den Bergen Israels" rechnet. Was aber die Landkäufe der Geulah betrifft, hat diese Sache eine ernste und eine heitere Seite. Die ernste Seite ist, dass hier wftfFer der alte Irrtum grossgezogen wird, man könne durch den Kauf von Grundstücken ein Land kaufen. Baron Edmund Rothschild konnte das nicht, Baron Hirsch konnte das nicht, und ebensowenig könnte des letzteren Erbin, die Ica es, selbst wenn sie den guten Willen dazu hätte. Ich habe es tausendmal erklärt, dass zwischen privatrechtlichem und völkerrechtlichem Erwerb ein Unterschied ist, und gerade auf diesen Unterschied kommt in unserer Bewegung alles an, alles! Ich will es Herrn Ussischkin noch einmal, zum letztenmal erklären. Selbst wenn er in Ekaterinoslaw alle Grundstücke aufkauft, gehört Ekaterinoslaw politisch nicht ihm, sondern dem russischen Souverän, und wehe Herrn Ussischkin, wenn er es sich einfallen liesse, irgend .etwas gegen die Gesetze und Verordnungen des Reiches oder auch nur gegen die Verfügungen des Gouverneurs oder Polizeimeisters auf den Grundstücken zu tun, düe er privatrechtlich erworben hätte. Genau dasselbe ist auch in der Türkei, ist in allen Ländern der Fall. Jeder Student der Rechte im ersten Jahrgang wird Herrn Ussischkin bestätigen, dass ich ihm die Wahrheit sage, und dass das von mir kein „Politisieren oder Diplomatisieren" ist. Nun gibt es aber Leute, die das Kaufen von Grundstücken für „praktische" Arbeit halten, weil Kauf und Verkauf Vorgänge des praktischen Lebens sind. Auch hier liegt ein Irrtum vor, den ich aber nur insoweit ernst nehme, als er Verwirrung bei unseren Anhängern hervorruft. Dass einige wackere Leute Geld auf törichte Weise ausgeben, ist nicht allzu schlimm. Geldverluste sind nicht tragisch zu nehmen. Schlimm wäre es nur, wenn unsere zionistische Bewegung daran irgendeine Schuld hätte. Ein Verwaltungsrat der Ica machte mir einmal im Gespräche den Vorwurf, dass der Zionismus die Bodenspekulation in Palästina aufgezüchtet hätte, und er nannte mir einige Spekulanten, die sich dort bereichert hätten. Ich konnte ihm glücklicherweise antworten, dass in unserer Bewegung für solche unsaubere Elemente kein Platz se>i, und dass ich diese Menschen überhaupt nicht kenne. Dass die Landkäufe der Geulah, die allgemein bekannt wurden rj,.— namentlich durch Herrn Ussischkin, der vom Diplomat V#V feieren und Politisieren nichts hält — dass diese Land- , käufe die Spekulanten nur encouragierten, ist ganz selbstverständlich. Die Geulah wird teuer kaufen. Ich habe diese Sache ursprünglich nicht nur nicht verhindert, sondern nachdrücklich unterstützt, wie Herr Ussischkin weiss, da er zu mir kam!, um meine Hilfe zu erbitten. Ich bewilligte die Hilfe, ohne die es wohl kaum gegangen wäre, weil ich erwartete, dass die Sache in einer ruhigen, geschäftlich vernünftigen Weise gemacht werden würde. Bei freien Erwerbungen darf doch der Verkäufer nie vorher wissen, welches Gewicht der Käufer darauf legt. Das ist so wahr, dass es in den höehstzivilisierten Ländern die Einrichtung der Expropriation gibt für Fälle, in welchen ein höheres Interesse der Gesanitheit nicht vom Belieben oder vom Eigennutz der einzelnen abhängig bleiben darf. Und nun komme ich zur heiteren Seite der Sache. Wlie gross die diplomatischen Fähigkeiten des Herrn Ussischkin sind, weiss ich nicht. Aber dass er nicht einzukaufen versteht, das sehe ich. Er ist gewiss ein redlicher Mann; auch jetzt, wo ich über ihn Klage zu führen habe, stelle ich seine ehrlichen Absichten ausser allen Zweifel. ISTur eignet er sich nicht für solche Aufgaben, und die Geulah wird gut tun, wenn sie überhaupt noch Grundstücke in Erez Israel kaufen will, dies durch einen weniger lauten und auffallenden Mann besorgen zu lassen. Durch den Zionismus lernt man wirklich die Juden von einer neuen Seite kennen. Bisher hielt man uns für pfiffiger. Ich habe leider gar keine geschäftliche Erfahrung, da ich mich bisher noch nie mit Geschäften abgegeben habe. In meiner Unerfahrenheiit stelle ich mir aber das zweckmässige Vorgehen dennoch anders vor. Nehmen wir an, ich will ein Haus kaufen, und wäre es selbst mein in andere Hände gekommenes Vaterhaus, so werde ich mich doch dem jetzigen Eigner nicht auf Gnade und Ungnade ausliefern. Ich werde ihm vielleicht, wenn es durchaus nicht anders mögliich ist, einen direkten Antrag stellen. Geht er darauf nicht ein, bleibt er unträtabel, so werde ich vielleicht sogar in einem, gegebenen Augenblicke erklären, dass ich auf die Sache verzichte. Ich werde mir das Haus nebenan oder ein Haus in einer anderen, selbst in einer entlegenen Gasse ansehen und darauf ernstlich zu unterhandeln beginnen. Es wird mich bei dieser Gelegenheit nicht im geringsten

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