Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 43 (23.10.1903)
- Article
- Mr. Greenberg über das Ostafrikaprojekt
- Date
- 1903-10-23
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „bie # weit" Nr. 43 Es sind viele Punkte angegeben, über die ich heute referieren sollte. Es ist überflüssig ihnen über den Verlauf des Kongresses zu berichten, der ihnen ja bekannt ist. Es gibt viele Fragen, über die ich sprechen möchte; in der Tat, die Pfade der Jadenschaft sind mit Fragen bestreut, die tief in uns stecken, und die die Bazillen frischer Fragen, die eines Tages auftauchen werden, in sich bergen. Die Entwicklung der zionistischen Bewegung war eine merkwürdige. Zuerst hatte der Zionismus nur ein verhältnismässig kleines, obwohl auch zugleich ein verhältnismässig immenses Ziel — die Wiedergewinnung Palästinas für unser Volk. Aber die Umstände haben es mit sich gebracht, dass der Zionismus, der ein Synonym der Organisation der Judenschaft ist, von allem, was sich auf die Judenschaft bezog, Notiz nehmen musste. Hier ist der Punkt, den unsere Kritiker ganz vergessen zu haben scheinen. Ich glaube aber, dass eine Frage ihnen jetzt vor allem am Herzen liegt, und darüber werde ich speziell referieren — über das Angebot einer Kolonie in Ost-Afrika von Seiten der britischen Regierung. Was den Ort selbst betrifft, so kann ich nur sehr wenig über ihn sagen, aus dem einfachen Grunde, weil ich darüber nichts mehr weiss, als der Mann von der Strasse im Sprichwort. Man kann über die Aussichten der vorgeschlagenen Siedlung vor dem Berichte der Kommission nichts bestimmt aussagen. Vor allem wissen wir nicht genau, für welches Gebiet Ostafrikas das Angebot gemacht wurde. Alles was wir über dieses oder jenes Gebiet gelesen haben, nützt uns wenig, denn die in Frage stehende Kolonisation ist eine eigenartige und nicht mit anderen Siedlungsversuchen zu vergleichen. Was einem gewöhnlichen Kolonisten passen kann, könnte unserem Volke vielleicht nicht passen und bevor wir die genauen Bedii gungen und den bestimmten Platz erfahren werden, ist es eitel, darüber zu diskutieren. Aber über die Politik dieses Planes können wir wohl diskutieren. Ich will kein Wort des Vorwurfes sagen gegen diejenigen, die sich gegen diesen Plan auflehnten. In einer B*wegun#, wie der zionistischer, muss für jede ehrliche Meinung Pla'z Fein,-auch wenn sie von der unsrigen abw-icht. Die Zionisten. die ihre Stimme gegen das Proj-kt erhoben haben, werden wohl die wichtigsten Gründe daiür, die beste Absicht und die vollkommenste Ehrlichkeit gehabt haben, wenn ich auch glaube, dass sie Unrecht hatten. Ich wohnte zusammen mit M». ZangwHl der Szene auf dem Kongresse bei, die ich nie vergessen werde. Ich meine die Sz*ne, die stattgefunden hat, nachdem der Kongress beschlossen hatte, eine Kommission für Ostafrika einzusetzen. Ich befand mich im Komitee-Saal der russischen Lan ismannschhft und ic h kann die Sz^ne, die ich dort gesehen habe, nicht aus dem Sinne bringen. Man? er und Frauen, deren Fasse noch vorn Blute ihrer massakrierten Brüder schlüpfrig sein mußten, Menschen, deren Leben von uusäglichen Qualen umgeben war, zeigten sich fest entschlossen, richts zu unternel men, was nur um em Joia ihr lang gehegtes Ideal — ei es Tages unser Volk in uns*-r»-m geliebten Lande Paläbtina zu sehen — schmälern köunte. Ich würde nie ein Wort des Tadels denjenigen zurufen, die offenbar von so edlen und tchälzbaren Gefühlen bewegt waren. Dies alles ist ja prachtvoll, aber ist es ein Kampf? Ist es praktischer Zionismus und ist es ausführbare Politik? Wenn man mich fragen würde, welcher der grösste Fehler unseres Volkes sei, ich würde sagen, es sei der, dass wir als Individuen zu materialistisch und als Vo.k zu idealistisch eyid. Wäre , das Gegenteil der Fall, wir wären meiner Ansicht nach nie in den schrecklichen Zustand gekommen, in dem sich die Judenschaft jetzt befindet. Es war für mich deshalb nichts Ueberraschendes, dass es auf dem Kongresse schliesslich eine Partei gab, die empfunden hat, der Plan sei zu praktisch und zu wenig idealistisch. Wollen wir einige Einwürfe gegen den ostafrikanischen Plan betrachten. Es besteht vor allem die Furcht, der Kolonisationsplan werde unser Palästinaideal schmälern. Ich habe in der Tat nie so etwas Absurdes gehört. Zweitausend Jahre lang war unser Volk mehr oder weniger, oder eher mehr als weniger unter dem eisernen Tritte der brutalen Verfolgung. Es hat gelitten wie kein zweites Volk ... Aber wir sehen, dass auch heutzutage, in diesem zwanzigsten Jahrhundert mit seinem ganzen Materialismus, unser Volk wie nie zuvor mit dem Gefühl der Liebe zu Palästina durchtränkt ist, einem Gefühle der Verehrung für das alte Heim der j üdischen Rasse. Ist es vernünftigzuvermuten, dass, weil eine Siedlung in Ostafrika, einem verhältnismässig kleinen Bruchteil unseres Volkes angeboten wurde, wir Jerusalem vergessenwürden? Ich glaube es nicht, und wenn ich es glauben würde* ich würde nicht die Kolonie befürworten. Ich glaube, dass _ eine der ersten und blühendsten Institutionen, die in diesem Neu-Judäa entstehen wird, eine starke zionistische Gesellschaft sein wird, und ich zweifle nicht im mindesten, dass diese zionistische Gesellschaft, oder dieser Bund nicht nur die tatkräftigste und hilfreichste Stütze für unsere Bewegung sein wird, sondern dass sie einst aus der besten Art von Juden in physischer, geistiger und moralischer Beziehung bestehen wird, die diesem freien und gesegneten Landen Treue wahren werden. Ein zweiter Einwand gegen Ostafrika ist folgender: Haben Sie die Kraft, beide Projekte — das Palästinensische und das Ostafrikanische — zu realisieren? Diejenigen, die so fragen, argumentieren gegen sich selbst, weil sie die inhärente überströmende Liebe für Palästina zu gering schätzen und die Tatsache verkennen, dass es in unserer Bewegung immer Leute geben wird, die ihr Leben für Palästina einsetzen werden. Aber die Frage dieht sich ist nicht bloss um Palästina. Wir Zionisten.vergessen, dass anerkannte Zionisten heute erst nur einen kleinen Bruchteil der Judenheit bilden. Es mag etwa eine Million Zionisten geben, aber es gibt zwölf Millionen Ju ien! Dieses Orftafrikani^che Proj kt wird, ich bin dessen sicher, eine Anzahl von Juden, die bis jetzt sich vom Zionismus oder überhaupt von einer jüdischen Bewegung fern hielten, ausser dass sie hie und da für Wohltätigkeitszwei ke zeichneten, nunmehr anziehen. Wenn wir diese für unser O-tafj ikaproj^kt bekommen kömer, dann haben wir zwischen uns und ihnen eine Brücke geschlagen, die sie zu uns brii gen wird. Glauben Sie mir, es wird nicht lange dauern, bis sie durch und durch Nationalisten und Palästinenser sein werden. Dann sagt man, unsere Bewegung sei eine zionistische und keine ostafrikanische. Ich gebe das vollständig zu, aber sie werden doch nicht einen Mann in Kleider stecken wollen, die er als Kind anhatte? In der zionistischen Bewegung haben uns die Vorgänge um uns, die wir nicht berücksichtigt höben, gezwungen, das Feld unserer Tätigkeit au zudehnen. Es wurde uns einerseits gezeigt, dass uns Palästina Licht sofort zugänglich ist, andererseits sehen wir, dass die Bedingungen, unter denen wir leben, es verlangen, dass wir etwas unternehmen, um den Druck, unter dem die Judenschaft jetzt leidet, zu erleichtern, was durch die Errichtung einer jüdischen Kolonie unter der freiesten und besten, Eegierung, die die Geschichte je gekannt hat, bewerkstelligt werden könnte. Was ist schliesslich unsere Bewegung, wenn nicht eine Bewegung der jüdischen Nationalisierung,? Ich war immer der Ansicht, dass■'anaer#iB^^gupJgi^«sta^,gi^|^ische Bewegung Jüdisch-Nationale Bewegung genannt werden