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Die Welt · 1903-10-23 · 43 (23.10.1903) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
43 (23.10.1903)
Article
Aus Palästina
Date
1903-10-23
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „m* # weit" Nr.?3 Bäuerinnen nach Wunsch. Kommt ihr Judenfeinde, schauet und bewundert! Sonnverbrannt, vergrämt, Tonnen voll Trinkwassers aus ft^pt0i mpö»> über eine Strecke von 2 deutschen Meilen bis Rischon vor sich hinwälzend. Die Leute sorgten um den nötigen Laib Brot für den kommenden Morgen, ohne zu wissen, was für das kommende Ackerbaujahr anzufangen wäre. Ob sie den Platz, den lieben, werden verlassen müssen oder dableiben werden und verkümmern. So stand die Sache für diese Leute. Aeusserlich aber waren es die echten Friedemann'schen Bauern! Innerlich waren es in der Tat die wirklichen Grundsteinleger des tEHnn Denn haben Sie einmal den Boden des Landes ihrer Väter betreten — wie er auch sein mochte — der Boden ihres heissersehnten Vaterlandes ist und bleibt er. Sie schwuren, ihn nicht zu verlassen, bis alles versucht sein werde, ihm Ertrag abzugewinnen. Man beriet und fand, dass Weinstöcke eher als jeder andere Anbau daselbst gedeihen werden. Um kurz zu sein, werden wir die Geschichte der langjährigen Experimente übergehen. Ueberiassen wir sie lieber dem Urteile berufener Geschichtsschreiber. Zur Sache wollen wir nur das Eine bemerken : dass eiserne Geduld und unerschütterliche Liebe zur grossen Unternehmung dazu gehörten, um auf dem Platze auszuharren trotz der zahlreichen Opfer an Menschenleben, welche die Malaria und ihre Folgen hinwegrafften, bis die Leute die Möglichkeit erlangten, in angemessenen, räumlichenHäusern zu wohnen und so weniger von den bösartigen Krankheiten heimgesucht zu werden. Zum vielhundertsten Male muss leider auch hier betont werden, dass in Malariagegend er, um bestehen zu können, nurhygienisch eingerichtete Häuser bewohnt werden dürfen und nur solche eine dauerndeAnsiedlung ei möglichen. Im entgegengesetzten Falle aber werden, wenn zum Beispiel, um die Einrichtung billiger zu machen, kleine Häuser als genügend erachtet werden, schwerlich länger bestehende Dörfer von wohlhabendem Aussehen als Eesultat zu erhalten sein. Nun, den Rischonern .ist es endlich doch gelungen, ein umfangreiches Gebiet für den Weinbau im heiligen Lande zu schaffen, welches auch in Europa als Muster gelten könnte. Das sollte eigentlich einen Zionisten zum einzig richtigen und wahren Urteil veranlassen : „Wir haben bis jetzt eine Weinbauprovinz mit praktischen erprobten Winzern. Auf geeignetem Boden in Palästina werden unsere Brüder sicherlich ebenso schöne AckerbaukoloLien zustande bringen.'' Herr Dr. F r iedemann klagt ferner über Rentiers, welche Araber beschäftigen. Sollte man etwa ein Journal führen über die Arbeit, welche ein jeder täglich ausführte, und welche er andern überlassen musste, um es jedem Durchreisenden vorzuzeigen? Ja, müssen wir uns denn den deutschen Berichterstattern auch im Lande der Väter als ekelerregende Polaken, wie sie die unglücklichen polnischen Juden zu bezeichnen gewohnt sind, zeigen, um Bauern nach ihrem Zuschnitt zu sein?! Mögen doch erst unsere deutschen Brüder Musterdörfer und Musterbauern hier schaffen und dann auf ihre zweckmässigeren Leistungen hinweisen und dann erst die unsern als unzureichend verdammen! In Rischon, fährt Herr Dr. Friedemann in seiner Beweisführung fort, wurde am meisten experimentiert. Die Leute sind gewöhnt, aus dem Vollen zu wirtschaften. Verdorben durch die imaginären Traubenpreise, anspruchsvoll gemacht, ohne je zur Selbständigkeit gelangen zu wollen. Das entspricht einfach nicht der Wahrheit. In Rischon wohnen fast zur Hälfte unabhängige Weinbauern, welche sich auf eigene Rechnung niedergelassen und erhalten haben. Auch die Abhängigen leben fast alle vom Ertrage ihrer Weinberge. Seit 6-7 Jahren wird auch das Budget für den Gemeindehaushalt, in den ersten Jahren nur teilweise, später aber gänzlich von Seiten der Kolonisten gedeckt. Was fehlt noch zur Selbständigkeit? Was die imaginären Preise betrifft, so wurden solche nur insolange gezahlt, als man noch des Glaubens war, dass die Bordeaux-Varietäten, wenn auch quantitativ wenig produzierend, doch entsprechend erstklassige Weine liefern würden. Als man aber einsah, dass man auf besonders günstige Resultate noch warten müsse, wurden die Preise herabgesetzt, so dass hier in Palästina für Bordeaux-Reben bei den deutschen Weinbauern höhere Preise ei zielt werden als bei uns. Will man bei den herrschenden Preisen die Arbeitskoäten, Gemeinde- und Regierungsspesen abziehen, so bleibt bei hiesigen Verpflegungfcverhältnissen kaum das nötige Brot! Das ist docti noch weit entfernt von Wohlhabenheit! Natürlich werden die Risehoner beim Empfange von Gästen stets nett und reinlich erscheinen. Im Innern voll bewusst, ihre Pflicht dem Wohltäter gegenüber, dem Lande, dem Volke und jedem klarschauenden Zionsfreunde gegenüber erfüllt zu haben! Auch die Frauenarbeit, welche der geehrte Herr Doktor ins Feld führt, erscheint dem Kenner hiesiger Klimaverhältnisse als eine wenig bedachte Beobachtung. Die eingewanderte Generation hat folgende Erfahrung erworben und sehr teuer bezahlt: Von noch jungen Frauen sind einige erblindet, andere, welche mehreren Kindern das Leben gegeben, sind ganz blutarm geworden. Hiezu kommen noch die Einwirkungen der häufig vorkommenden bösartigen Fieber. So wandeln fast alle geschwächt und entnervt einher. Der Gatte ist höchst zufrieden, wenn die Frau den Haushalt und die Erziehung der Kinder besorgt. Grösstenteils aber verzehren die notwendigen Kuren die ganze Wohlhabenheit! Es ist zu hoffen, dass kommende Generationen strammere Bäuerinnen haben weiden, vorläufig ist aber alles Gerede darüber nur Einbildung oder Verblendung. Die Anpassung und Abhärtung kann eben in den Tropen nur langsam und rationell vor sich gehen. Die buntfarbigen Kostüme der Ramlaer Bäuerinnen, welche dem geehrten Doktor als Rebekka & Komp. erschienen, liefern noch lange nicht den Beweis für die Brauchbarkeit zur Kolonisation eines aus gemässigten Zoren eingewanderten Menschenmaterials! Es erhellt eben daraus, dass es noch lange nicht genügt, Leute in Mengen in tropische Gegenden zu bringen. Die eigentliche Arbeit und die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen erst an Ort und Stelle, wo in jedem Landbetriebe für sich langjährige Erfahrungen gesammelt werden müssen, die man nicht aus Büchern und Reisebeschreibungen gewinnen kann. Darum, wenn Dr. Frieuemann Lehren für die zionistische Arbeit ziehen wollte, so hätte er länger im Dorfe verbleiben und allseitig alles betrachten müssen. Dann wäre er gewiss zu ganz anderen Schlüssen gekommen* u. zw. dass erstens: Ueberall nur die Kultur einzuführen ist, zu welcher der Boden sich eignet; zweitens, dass Ansiedlungen nur da zu gründen sind, wo der Platz fieberfrei ist, da sonst die Ansiedlung unbedingt über kurz oder lang zugiunde gehen müsste; drittens, und dies ist das Wichtigste: dass sich unbedingt überall eine gemischte Landwirtschaft, d; h. Weinbau undgraiidecultureals das Beste erweist, weil nötigenfalls der eine die andere ersetzen könnte. Viertens müssen die Wohnräume laut den Instruktionen eines Arztes eingerichtet werden, sonst degeneriert die-robusteste Menschenrasse. ,.;

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