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Die Welt · 1903-10-16 · 42 (16.10.1903) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
42 (16.10.1903)
Article
Ernte
Date
1903-10-16
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 42 „bi* & W^lt Seite 15 Ueberall war Friede und es war wie eine Feier in der Natur. Das fühlte auch Rachel: „Ist es nicht, als wisse das Feld und drüben der Wald von dem Feste, das wir feiern. Sieh wie ruhig der Mohn sich wiegt, sonst flattert er wild im Winde. Und das Korn und die Sense, sie feiern das Fest der Ernte, der Fülle, des Friedens." Es lag ein seltsamer Wohlklang in ihrer Stimme, als sie so sprach und man fühlte, dass sich daran ihr tiefstes Wesen, ihre Verwandtschaft mit der Natur, offenbarte. „Kachel. — Weisst du, dass dieses Fest noch einen andern Sinn hat, einen tieferen und vergessenen? Wir leben heute in Hütten und diese Hütten sind eng und alles, was sich liebt, sitzt zusammen und sieht sich lachend an. Niemals weiss ich so sehr, was Heim ist und Familie als heute in dem engen Raum." Rachel schwieg, als sinne sie den Worten nach. Sie wagte nicht aufzublicken, denn sie wusste, wie erregt er gesprochen hatte. Da legte er seinen Arm ganz sacht um ihren feinen, weissen Nacken. Sie zitterte in innerer Angst vor dem Neuen und tat doch nichts, um sich zu befreien. Und er wiederholte: „Weisst du, Rachel, Was sich liebt, sitzt heute eng zusammen und sieht sich lachend an. Niemals weiss ich, wie lieb ich jemand habe, als heute in der Hütte. Rachel, sieh mich an und habe keine Angst. Heute ist ein Fest. Wir feiern die Ernte und die Hütte. Ueberall liegt Segen und Gewährung und heisst uns selbst, Segen zu spenden und zu gewähren. Hörst du Rachel?" Sie verstand wohl, was er sagte und sie wehrte sich auch nicht, als er ihren Kopf fasste und sie auf die roten Lippen küsste, Ein schelmischer Windstoss riss von der geschmückten Dachdecke einen papiernen Kranz, den die Kinder aus roten, gelben und blauen Ringen geflochten hatten. Er warf ihn über die Köpfe der beiden und schlang so um sie ein festliches, schillerndes Band. Und das feorn und die roten Blumen im Felde und die Mohnblüten und der Wald glühten im Sonnenbrande und hielten sich ruhig, als wussten sie, was für Feste heute gefeiert wurden. Max Eisler. Beschwerdekästchen. Jüdischer Handwerksbursche. Sie beschweren sich darüber, dass Sie sich jetzt genötigt sehen, das Vaterunser, sowie andere Gebete, die nicht der mosaischen Konfession angehören, auswendig zu lernen, und dass Ihnen das Memorieren grosse Qualen verursacht, weil Sie mit einem nicht sehr tüchtigen Gedächtnis begabt seien. Sie begründen Ihren Lerneifer mit dem ungeheuerlichen Fall, der sich jetzt in der Gegend von S c h 1 o c h a u , im Konitzer Gau, zugetragen hat: kam da ein harmloser jüdischer Handwerker, der Schriftsetzer L e v y aus Warschau, in eine Herberge und setzte sich an einen alleinstehenden Tisch. Der arme jüdische Schriftsetzer hatte sich in der Heimat mit Hunger und Knute nicht befreunden können, und so war er nach Deutschland gewandert. Denn in Warschau war das Gerücht verbreitet, dass in Deutschland die Juden fast wie vollwertige Menschen behandelt werden. Er nahm also an dem Herbergstische Platz und bestellte einen Imbiss. An einem benachbarten Tische sassen vier Bürger der Stadt: der Schlossermeister Jahn, der Schuhmacher Gräber, der Nachtwächter V e r g i n und der Tischler S t u t z k e. Die begannen den jüdischen Schriftsetzer zu hänseln, und als L e v y nicht reagierte, trat einer der ehrsamen Bürger auf ihn zu, würgte ihn und verlangte hierbei nähere Aufklärungen über — den Mord in Könitz. L e v y hatte, nie den Namen Könitz gehört und konnte daher die gewünschte Aufklärung nicht geben. Infolgedessen wurde er von den vier Banditen mit Schlägen überschüttet und aufgefordert, das Vaterunser zu beten. Der russische Jude musste niederknien, vermochte aber dem Wunsche seiner Peiniger nicht nachzukommen, weil er es in seiner Jugend verabsäumt hatte, sich auf der jüdischen Schulbank vom Rabbiner das Vaterunser beibringen zu lassen. Diese Lücke in der religiösen Bildung des Juden erbitterte die vier Christenmenschen so sehr, dass sie wütend über ihn herfielen, ihn auf den Hof hinaushetzten und so lange auf ihn losschlugen, bis der Aermste schwerverletzt und bewusstlos zusammenbrach. Jetzt wurde der regungslose Körper in den Stall geschleift und in einen Winkel geschleudert. Am Morgen wurde L e v y im Stall als Leiche aufgefunden. Die Juden werden also fürderhin nicht mehr leugnen können, dass sich tatsächlich in der Konitzer Gegend fremde Juden gezeigt und einen religiösen Mord veranlasst haben: das Opfer des Mordes heisst L e v y. Antisemit, Währinger Hauptstrasse. Wir finden Ihren Missmut recht begreiflich: es macht Ihnen jetzt keine Freude mehr, zu einer Premiere ins Währinger Stadttheater zu gehen. Im Vorjahre, als das Theater noch im antisemitischen Gerüche stand, durften Sie zu einer Erstaufführung mit der frohen Erwartung gehen, dass im fünften Akt auf der Bühne bei bengalischer Beleuchtung eine reichhaltige Kollektion von Juden eine möglichst tötliche gerechte Strafe erleiden werde. Diese schöne Zeit ist nun vorbei, das genannte Theater hat sein judenfeindliches Banner klüglich eingezogen, und Sie setzen sich, wenn Sie zu einer Premiere gehen, der Gefahr aus, dass auf der Bühne im fünften Akt ein Mann namens Kohn den Haupttreffer macht oder paar Häuser erbt oder sonstwie mit Ihren Gefühlen in krassen Widerspruch gerät. Wir können Ihnen daher folgendes raten: Entweder müssen Sie eine Jahresloge unten im Wurstelprater nehmen und sich täglich an dem Schauspiel weiden, wie Casperl mit der Pritsche den Juden totschlägt. Oder Sie müssen nach Stücken mit judenfeindlichem Einschlag fahnden, die auf anderen Wiener Bühnen gegeben werden. Ein solcher Einschlag hat beispielsweise kürzlich im Raimundtheater sehr wirksam eingeschlagen. Dort wird jetzt einigemale in der Woche ein urdummes Stück gegeben, das den Titel: „Mit vereinten Kräften" führt und unter anderem einen Juden demonstriert, dessen Anblick Ihnen sicherlich Vergnügen bereiten wird. Da Sie sich an den läppischen Figuren eines dramatischen Autors nicht stossen, falls sie nur zeitweise hinlänglich mauscheln, so werden Sie sich hoffentlich fast ebenso gut amüsieren, wie unten im Wurstelprater. Gefährlicher Einsender. Sie haben gestern drei antisemitische Redakteure bei einer Jüdin gesehen!-- Und zwar war die Jüdin von Halevy und ging über die Bretter des Hofoperntheaters.--- Wir warnen Sie ernstlich, uns noch einmal solche Neuigkeiten mitzuteilen! Sozialistenverzehrer. Das wurde ja schon oft und oft an deutlichen Beweisen dargetan! Aber wenn Ihnen daran liegt, wieder einen kleinen Beweis dafür anzuführen, dass selbst in den Koryphäen der Sozialdemokratie eine Abneigung wider die Juden tief innen würmelt — wohlan: in dem wunderlichen Kampfe, der jetzt zwischen Maximilian Harden und den deutschen Arbeiterbataillonen tobt, reibt Bebel dem Harden die jüdische Abkunft unter die Nase. Er sucht mit der Titulatur „Herr Witkowski-Harden" auf ihn einzuhauen, eine Taktik, deren Tendenz Harden im dieswöchentlichen Heft der „Zukunft" folgendermassen kommentiert: „Gewiss, denkt dann der Leser, hat dieser Streber den Namen gewechselt, um die Spur jüdischen Ursprunges zu verwischen —" etc. Student, Berggasse. Ein Wiener pangermanisches Blatt ist ungemein entrüstet über die russischen Juden. Man hat ihm nämlich mitgeteilt, dass die Juden in Russland sehr viel Kunst wein erzeugen. Da der Alkohol ein Stoff ist, der bei unseren Teutonen allezeit hoch in "Eliren stand, muss der Ingrimm des Blattes ganz berechtigt erscheinen. Dass die Juden

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