Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Article
- Ernte
- Date
- 1903-10-16
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „biC & W^lt Nr. 42 Die Steiners, die das Haus bewohnten, sassen seit altersher in einem behäbigen Wohlstand. Man zählte sie darum auch zu den ersten Bewohnern der kleinen Stadt und begegnete ihnen überall mit jener ungerechten Reverenz, die der Kleinstädter für den Reichtum und seine Träger immer bereit hat. So hat sie die Oeffentlichkeit allmählich verzogen und die Steiners trugen den Kopf ein wenig hoch, wenn sie unter die Leute gingen. Zuhause war das freilich anders. Hier, wo das Staunen der Menge und ihre Kniebeuge wegfiel, begegnete man sich mit einer Art natürlicher Innigkeit, der allerdings wieder jede Extase fehlte. Das war nun einmal so der Charakter dieser Steiners. Inneilich gutmütig und von offener Hand, die nur im Stillen wirkte, nach aussen etwas rauh und hochmütig, ohne die Fähigkeit, das Gute laut zu achten und ihre Neigungen laut zu bekennen. Die Frau, die Jakob Steiner vor nun mehr sls zwanzig Jahren heimgeführt, war aber von anderer Art. Ihre Heimat war der schwarze, schweigende Wald, in dem die Mühle ihres Vaters stand. In den stillen Stuben des weissen Hauses "am Bache lebten sich die Stunden in gleichmässiger Friedlichkeit und selten kam die Sorge des Alltags und eine Kunde von dem fernen Leben zu den einsamen Menschen. Im ersten Fiührot zogen die schweren Getreidekarren den Sandweg zur Mühle und das Knirschen der Wagen und das Brausen des Baches waren tagsüber die eintönige Musik, die alle Räume des Hauses füllte. Nachmittags fuhren die Wagen wieder heim und liessen drei einsame Menschen zurück. Da musste jeder sehen, wie er sich und dem andern das Leben erträglich machte und die drei schlössen sich darum eng an einander und fanden in ihrer gemeinsamen Liebe den Ersatz für den Verkehr mit der Gesellschaft und für die Vergnügungen des lauten, fremden Lebens. Wenn die Arbeit vorüber war führte die Mutter das Mädchen in den Wald und hier träumten sie in einfachen Spielen dem Abend entgegen, bis der Vater sie holte. Allmählich lernte das Kind allein den Weg zu den Tannen finden und es gewann das grüne leuchtende Moos und die schweigenden Bäume und die rote Sonne so lieb, als wären es Menschen, gute Freunde, deren Umgang ihm Bedürfnis wurde. Sie wuchs mit den gelben Wegblumen und mit den zarten Stämmen und lernte endlich auch das grosse Geheimnisdes Waldes, seine stille Feier und seinen tobenden Sturm verstehen. Und in dem Rauschen der hundertjährigen Tannen erwachte für sie der Sinn für das Erhabene. Jedes Fest des Jahres wurde hier in grosser Form begangen und sie verband das Reden des Waldes an solchen Tagen mit der eigentümlichen Bedeutung des Festes. Als sie dann in die Stadt hinüberzog und den Steiner heiratete, schien es, als sei der Charakter der Mutter trotz der fremden Umgebung in ihrer ältesten Tochter erhalten geblieben. Es war ein schmuckes, stilles Mädchen, für alles im Hause mit einer seltsamen, offenen Liebe bedacht, die gar nicht in der Art der Steiners lag. Sie war wie die Mutter, so sorgsam und so still und hatte ihr warmes, dunkles Auge und ihre sinnige Liebe für die Natur. Und dabei war ihr Haar so schwarz wie das Schwarz der Tannen und ihr Nacken so strahlend weiss wie die hellen Blumen auf sonnigen Wegen. An dem Feste, das gerade gefeiert wurde, waren Verwandte aus einem nahen Dorfe jährliche Gäste im Stein ersehen Hause, Mutter und Sohn, ein junger Student von heller und fröhlicher Art. Er kam auch sonst im Jahre zu Steiners herüber, wenn ihm das Leben im Dorfe nicht mehr behagte und hatte an Rachel eine gute Freundin, die seinen regen Schönheitssinn verstand und liebte. Sie sM^sen dann oft lange Stunden in einer entlegenen Stube zusammen und sprachen von den neuen Bewegungen des Tages. Dabei führte der Student immer das Wort und Rachel hörte zu. Sie war eine dankbare Schülerin und verstand es gut zu horchen. Ihr warmer Blick sah den Sprecher mit gleichmässiger Ruhe an und sie hatte keine anderen Gedanken. Doch seit geraumer Zeit war es anders geworden. Wenn sie ihm jetzt gegenüberstand und ihre Augen sich trafen, geschah es oft, dass sie arg verlegen wurde und eine tiefe Röte über ihre Stirn und Wangen huschte. Sie blieben nun auch oft länger als früher in der Stube und wenn es Abend wurde, zündete sie nicht wie vormals die Lampe an und ging auch nicht aus dem Zimmer, trotzdem keines ein Wort sprach. Sie sassen beim Fenster und blickten auf die Strasse. Drüben in den Häusern war es noch dunkel. Dann kam der Lampenmann, die Gasse herauf und nun erwachte hier und dort, auf der Gasse und in den Fenstern ein warmes, rotes Licht, eines nach dem anderen. — Erst wenn man zum Essen rief, gingen sie aus der Stube. * Der zweite Tag des Festes. Die Steiners und ihre Gäste sassen bei Tisch in der Hütte auf dem Dachboden. Die Kinder des Hauses blickten mit funkelnden Augen und lehnten eich lief und behaglich in das grüne Sofa, um im Anschauen des wirren Farbenspieles, das sie umgab, sich auf alte Märchen zu besinnen. Sie waren müde geworden, den Spässen Jontels, des Narren, zuzuhören, der während des Mittagstisches mit kauenden Kiefern von den weiten Fahrten des letzten Jahres erzählte. Es war ein seltsamer Gesell, eine Art fahrender Sänger. Denn das war er wirklich: er reiste und sang. Sonntags früh ging er ins Dorf von einer Schenke zur anderen, an dem Schulterriemen eine braune Guitarre, das Haar in faltige Locken gekräuselt und den dicken Bart spitz aufgedreht. Und überall spielte und sang er. Und überall spielte und sang er das Gleiche, drei Lieder, immer dieselben drei Lieder. Zwei von ihnen hatte er auf der Gasse gelernt, sie waren dumm und tonarm. Das dritte war das wunderliche Lied von dem Lieben eines jüdischen Mädchens, das um ihres kranken Vaters willen entsagt und zu einer Zeit, da ihr das Glück vor den Füssen liegt, sich schweigend abwendet. Jontel hatte eine schnarrende Stimme und die braune Guitarre nur zwei verstimmte Saiten. Aber das dritte Lied klang doch immer ergreifend, wenn er es mit eigentümlich pathetischer Geberde sang und spielte. Nach dem Essen gingen die Eltern hinunter ins Haus und die Kinder liefen in die nächste Kammer und naschten dort von dem Winterobst, das hier in offenen Säcken für die langen Winterabende bewahrt wurde. Rachel und der Student blieben zurück. Sie hatten einander vieles zu sagen. Er war in der freien Zeit draussen gewesen in fernem Lande und Rachel hatte inzwischen in den Büchern gelesen, die er ihr vorlängst geliehen. Doch blieben sie nicht lange bei solchen Gesprächen. Der heisse Tag ruhte drückend in der Hütte und die Luft war hier mit tausend goldigen Körnern gefüllt. Sie traten an die weite Oeffnung des Daches. Von hier aus sah man auf reife Felder und durch den Goldglanz des Kornes sauste die Sense, von kräftigen Händen geführt. Mitten aus dem glitzernden Gelb leuchteten Klatschrosen und Kornblumen in sattestem Rot und in zarterem Blau. Daneben lag ein Acker, mit langstieligen Mohnblüten bestanden. Ihre Kelchblätter flatterten, wie zartfarbige Schmetterlinge, die sich von dem Duftrausch der Rose nicht losreissen können. Weit drüben stand der Wald, schwarz und schweigend und hart an seiner Seite fiel ein weisser Steinbruch, der in der Sonne wie Marmor .erglänzte, steil in die Tiefe.