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Die Welt · 1903-10-16 · 42 (16.10.1903) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
42 (16.10.1903)
Article
Zwei russische Delegierte über den sechsten Kongress
Date
1903-10-16
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr, 42 „bis & W^lt" Seite 5 die Lesehalle und sagen: Der fünft* Kongress hat dss in sein Programm aufgenommen. Wir kemerken aber nicht, oder wollen nicht bemerken, dass Hunderte und Tausende, die von hier fortgehen, für das Judentum verloren sind. Und wenn wir nun zum erstenmal die Möglichkeit haben, etwas Grosses zu vollbringen : Nicht das „Mustereheder*, sondern die jüdische Emigration zu nationalisieren, eine grosse Masse Juden an einer Sülle zu konzentrieren, da schreit man : „Das Vaterland ist in Gefahr, «lern Baseler Programm ist ein töiiicher Schlag versetzt worden.* Das Baseler Programm lautet: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung eimr öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, also nur in Palästina. Das steht fest. Aber hat etwa das Baseler Programm auch den Weg vorgeschrieben? Wenn man nicht den kürzesten Weg gehen kann» dann wählt man Umwege. Ich bin tief davon überzeugt, dass die Schaffung eines autonomen Judenstaates dem Baseler Programm zu seiner Verwirklichung verhelfen wird. Die freien, national erzogenen Juden werden sich nicht beruhigen, so lange das jüdische Volk noch eine „ungeweinte Träne" hat, solange seine alte Heimat, sein Heiligtum, ihm entzogen ist. Nicht wir, die Zersplitterten, sondern sie, die Ganzen, werden die Schmach von den 12 Millionen des jüdischen Volkes nehmen, welche diese auf sich geladen haben, als sie im Jahre 1898 nicht die Mittel hergaben, um Herren ihres Landes zu werden." „Aber Herr Doktor", wendete ich ein, „fürchten Sie nicht, dass das Ostafrika-Projekt; uns zu viel Kräfte entziehen wird?" A.: „Das ist doch k^in Einwand! Ich spreche nicht von H e r z 1 und N o r d a u. Ihre Kraft wird nicht nur für Palästina und Ostafrika ausreichen, sondern es wird noch ein ganz gehöriger Vorrat für das Judentum übrigbleiben. Was unsere, d. h. die russischen Kräfte anbelangt, so kann ich Ihnen sagen, dass es gar nicht schaden könnte, wenn man manche verschimmelte Kraft nach Ostafrika hinsendete, um sie dort auszulüften. Wenn auch viele foitgehen werden, so werden neue Kräfte hinzukommen und dieser Materialwechsel kann nur zu unserem Nutzen dienen. Was auch die Herren, welche ein Winkelchen des Lebens aus ihren Büchern oder ihrer kleinen Arbeitsstube übersehen, sagen mögen, wie eifrig sie sich auch mit den verschiedensten zionistischen ^Messungen" in der Breite, Tiefe u. s. w. beschäftigen mögen, Herzl, der das ganze jüdische Leben umfasst, sieht ein, dass das Volk, das Zion als Symbol, als Mystizismus schon längst in seiner Religion hat, dass dieses Volk ein lebendiges, reales, greifbares Zion haben will. Der Vorschlag Englands ist, falls nur das Land geeignet sein sollte, kein Luftweg, sondern ein naitrWeg zum lebendigen, greifbaren Zion. Herzl hat diesen Gedanken ungefähr folgendermassen zum Ausdruck gebracht: Man hat mich vielfach mit Moses verglichen, aber ich bin kein Moses, schon deshalb nicht, weil Muses das jüdiscae Volk v >lie 40 Janre durch die Wüste führen konnte, wahrend ich nicht imstande wäre, sie auch nur eine viel kürzere Zeit anzuführen. Auch dort hörte man zwar murren, auch dort fanden Revolten statt, aber das Volk stand fest. Jetzt aber ist es, um das Volk zu halten und sicher nach Zion zu bringen, notwendig, die sich unteiwegs befindende Wüst© urbar zu machen und zwar weit eher als in 40 Jahren." „Hat nicht Dr. Herzl etwas von seinem Ansehen eingebiisst?" A.: „Für Leute, denen weite Gesichtshorizonte fremd sind, hat Herzl das „Programm" verraten. Menschen aber, die Verständnis haben für die ^eue Seite, mit der sich unsere Geschichte bereichert hat, für die neuen Bedingungen, die dem jüdischen Genius die Möglichkeit geben, zu einer wunderbaren Höhe sich aufzuschwingen, die begreifen, dass ein autonomer jüdischer Besitz der Schlüssel zu Zion ist — für die ist Herzl zum Nationalhelden emporgewachsen und wenn der Dichter sagt: ,Wie klein i*t der Sinai, wenn Mo*es auf ihm steht," können wir sagen: „Wie klein ist die Kongresstribüne, wenn Herzl darauf steht/ „Weshalb haben die russischen Delegierten gegen Ostafrika gestimmt und die ausländischen für das Projekt?« A : „Auf dem Kongresse entschieder die „Neinsager" diese Frage sehr einfach. Wir sind die wahren „Patrioten" Zioüs und sie smd bloss „Judenstaatler". Das ist aber toch lange nicht richtig. Abgesehen davon, dass viele russische Delegierte,denen man gewiss nichtz ouistischen Patriotismus absprechen kann, wie zum Beispiel: M a n d el s ta m m, der Geschu htschieiber Jawetz, Dr. Chasan ow itz, B ar basch und die Teilnehmer der historischen Kattowitzer Konferenz Jassin owsky und Pines für Ostafrika waren, wäre es der Gipfel der Ungerechtigkeit, unsere ausländischen Gesinnungsgenossen zu verdächtigen, umsomehr. da sich unter ihnen viele verdienstvolle Zionisten befanden. Eher Hesse es sich folgendermaßen erklären: Die politisch erzogenen Ausländer hielten den Vorschlag Englands als Mittel, später nacti Z on zukommen, für gut, die Russen betrachteten ihn als Hindernis. Die Notwendigkeit der Kommission zur Erforschung Ostafrikas sahen auch diejenigen ein, welche prinzipiell gegen Ostafrika sind. Selbst die Kommission, welche die russischen Delegierten gewählt hatten, um den Vorschlag Englands näher kennen zu lernen und deren Mitglied auch ich war, sprach sich nacn sorgfältiger A» beit einstimmig für Entsendung einer Expedition nach Ostafrika aus." Herzl, der souBt mit eiserner Faust seine Pläne durchführt, nahm nicht nur keinen Anteil an den Debatten, sondern Hess nicht einmal die Frage unmittelbar räch der Rede Nordaus abstimmeu, sondern machte eine einstündige Pause, Natürlich war es nicht Weichheit von Herzl, sondern seine tiefe (Jeberzeugung. dass die Mehrheit des Kongresses für Einsetzung einer Kommission sein wür-ie. Wir musaten entweder eingestehen, dass wir nicht die Vertreter des ganzen judisctien Volkes, sondern bloss eine Partei sind, und das Geschenk nicht an die richtige Adresse gerichtet war, oder beweisen, dass wir der einzige offizielle Vertreter der Judemchafi sind, dass Ei glana nur mit uns zu verhandeln hat. Wir hätten auch eine zu grosse Verantwortung auf uns geladen, wenn wir im Namen des Volkes uns ablehnend verhalten hätten gegen etwa*, was nicht uns, sondern dem ganzen Volke angeboten wurde. Mit der Annahme der Expedition hat der Kongress jede Verantwortung von sich genommen. Ich begegnete auf dem Kongresse „Antiafrikaner", welche im Interesse des jüdischen Volkes wohl wünschten, dass der Vorschlag Englands sofort verwirklicht werde, aber da sie das nicht alsSache desKongresses, sondern als die allerJuden betrachten,stimmten sie mitBNem". Ich glaube, dass viele Neinsager heute dem Himmel dankbar sind, dass der Vorschlag Englands nicht abgelehnt wurde. Die Arbeiten der Expedition wird mau jetzt mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgen und wenn das Resultat nur günstig sein wird— wird kein Zionisten-Kongress den Vorschlag Englands ablehnen, weil der Kongress das leibliche Kind seines Volkes ist und niemals das verwerfen wird, was sich mit den Interessen des Volkes deckt, und zweitens wird er sich unter dem Drucke der öffentlichen Meinung der ganzen Welt befinden. Auf Initiative der Zionisten möge dann ein allgemeiner

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