Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 42 (16.10.1903)
- Article
- Laubhüttenfest vorbei
- Date
- 1903-10-16
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „biS # W^lt Nr. 42 dort Schnorrertum erst züchtet, wo früher ehrlicher Arbeitswille war. Wenn sie so vorbereitet sein werden, dann mögen sie um Tau bitten und um Regen, denn sie werden dann wissen, was sie erbitten. Dann werden unsere Synagogen wieder werden, was sie einst waren, Häuser unseres Gottes und unseres Volkes. Dann wird es kein fürsorglicher Prediger wagen, uns Zion als Symbol hinzustellen und unsere Hoffnungen aus den Gebetbüchern unserer Kinder zu streichen. Freilich! Es werden viele Jahre vergehen, bis auch wir danken werden, dass wir „ diese Zeit erleben durften und erhalten blieben bis hierher/ Vielleicht auch, dass es uns nicht beschieden sein wird, dieses Dankgebet zu sprechen, vielleicht, dass wir von unserer Arbeit gehen müssen, ohne dass die armseligen Hütten zu festen Häusern geworden sind. Was tut es? Was ist eine, was sind mehrere Generationen im Leben eines Volkes, und gar eines Ewigkeitsvolkes, wie des unserigen? Wenn unser Volk wirklich wollen wird, dann wird es diese Zeiten schauen, dann wird es im Lande unserer Väter um Tau und Regen beten, dann wird es all das Unglück des Tages, das es treffen kann, als das betrachten, was es ist, als ephemer. Dann wird es wissen, dass alle die Opfer, die fallen, für seine Zukunft gebracht sind. Wohl wird alles geschehen müssen, um solche Opfer zu vermeiden. So lange das Volk aber selbst stark bleiben wird, werden auch diese Opfer nicht umsonst bluten. Auch für ihre Bedränger wird der Tag der Vergeltung kommen, ein Tag, den wir hoffentlich bereits von unserem sicheren Heim aus mitansehen werden, an dem wir aber nicht mehr werden teilhaben müssen, der furchtbare Tag des Gerichtes der Geschichte, der noch keinem Hasser und' Bedränger Israels erspart blieb. In jenen Tagen aber wird die Zeit der armseligen Hütten für immer vorbei sein. Ein festes Haus werden wir erbaut haben: Das Haus der Zukunft unseres Volkes in unserem Ahnenlande. Neues aus Palästina. (Ein Interview mit Ingenieur Ussischkin.) Vorgestern Früh kam Ingenieur Ussischkin nach dreimonatlicher fruchtbringender. Tätigkeit aus Palästina, voll Hoffnung auf dessen Zukunft, voll Energie für weitere Arbeit, obwohl etwas nervös und abgespannt, in Odessa an, um heute abend nach Hause zu reisen. Viel Schönes erzählte uns Ussischkin, viel Trostreiches aus Palästina brachte er mit sich. Wie Balsam flössen seine Worte auf die Wunden, die uns die letzte Zeit geschlagen hat In einem Privatgespräch legte ich ihm eine Reihe von Fragen vor und erhielt Antworten, die meiner Ansicht nach ein allgemeines zionistisches Interesse haben. „Wird nach Ihrer Meinung die geschaffene Organisation in Palästina ein verlässlicher Block sein, ein Kern, der uns über sämtliche bevorstehenden Schwierigkeiten hinweghelfen könnte?" U.: „0 ja! Alles spricht dafür, dass aus dieser Organisation das wird, was wir uns wünschen» Wenn wir die zionistischen und palästinophilen Faktoren in Palästina berücksichtigen, wenn wir in Betracht ziehen, welch ein Zutrauen die Juden Palästinas schon jetzt zu dieser Organisation haben und welche Hoffnungen sie daran knüpfen, so können wir mit Bestimmtheit sagen, dass die jetzt geschaffene Organisation, wenn wir sie moralisch unterstützen werden, uns eine solche Stütze bieten wird, dass wir für die Zukunft des Zionismus nichts mehr zu befürchten haben werden. Der Charter wird dann nur noch eine Frage der Zeit sein und die Möglichkeit seiner Erlangung bedeutend vergrössert werden." „In welchem Zustande befinden sich jetzt die Geulah-Angelegenheiten?" U.: „Aus verschiedenen Gründen kann ich Ihnen über das, was sich auf das Komitee Geulah bezieht, augenblicklich noch nichts Näheres mitteilen. Es gibt viele reiche Leute, die Grundstücke in Palästina erwerben wollen. Mehrere Landstriche habe ich bereits angekauft und wegen einiger grösserer Grundstücke stehen wir augenblicklich in Verhandlung. Die Interessen der „Geulah" befinden* sich in Palästina in sicheren und verlässlichen Händen/ „Was erwarten Sie von der Lehrerkonferenz?" U.: „Die denkbar besten Resultate für unsere Zukunft. Es ist ein grosses, schönes Stück Kultur geschaffen worden auf dieser Leserkonferenz. Die Einigung sämtlicher Lehrer und Lehrerinnen auf dem Boden eines Programmes, die Ausarbeitung einer Lehrmethode für sämtliche Lehranstalten Palästinas wird riesig viel zur Hebung des geistigen Niveaus des heranwachsenden Geschlechtes beitragen." „Wie ist jetzt die Lage in den Palästinakolonien?" U.: „Die materielle Lage der Kolonisten hat sich ganz bedeutend gebessert. Die Kolonisation hat in Palästina tiefe Wurzel geschlagen und für die bereits bestehenden Kolonien haben wir nichts mehr zu befür chten: ihre materielle Lage ist vollständig gesichert. Auch die rechtliche Lage der Kolonisten lässt nichts zu wün sehen übrig. Ueberhaupt finde ich, dass man sich heutzutage vorzüglich als Kolonist in Palästina einrichten kann, wenn man nur den guten Willen dazu hat. So zum Beispiel sind vor kurzem in der Nähe von Tiberia drei neue Kolonien begründet worden, die sich in blühendem Zustande befinden, und zwar dank dem guten Willen und der einsichtsvollen Arbeit einiger Personen. Sie kennen ja meinen Wahlspruch: ,j12nn now w p* Wenn bloss der Wille da wäre, dann wäre auch unsere Zukunft gesichert." „Wie steht es mit Ihrem Projekte betreffs der Kischenewer Waisen?" U.: „ Zu diesem Zweck habe ich bereits 200.000 Francs gesammelt. Diese Summe würde genügen, um die Schule auszubauen und für ein paar Jahre zu unterstützen. Die Sammlung wird fortgesetzt und ich bin sicher, dass die Lehrfarm auf fester Basis stehen wird. Man ist bereits zur Organisation derselben und zum Ankauf des Grundstückes geschritten. Die Schule ist sicher, denn ich gehöre nicht zu denjenigen, die auf halbem Wege stehen bleiben/ Aus der weiteren Unterredung erfuhr ich, dass dieAnglo-Palestine-Company bereits grosses Vertrauen in Palästina erworben und 200.000 Francs auf lautendes Konto eingezahlt erhalten hat; dass die hebräische Sprache die gewöhnliche Umgangssprache in Palästina ist, so dass es zum Beispiel viele Araber gibt, die hebräisch sprechen. Auch die Kongresssprache war nur hebräisch; dass Ussischkin einen Artikel über das Ostafrikaprojekt schreibt, den er nach Beratung mit einigen Freunden veröffentlichen wird, und dass er fest davon überzeugt ist, dass sämtliche Kolonisationsgesellschaften der Organisation in Palästina die wärmsten Sympathien entgegenbringen werden.