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Die Welt · 1903-10-16 · 42 (16.10.1903) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
42 (16.10.1903)
Article
Laubhüttenfest vorbei
Date
1903-10-16
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Tal^phon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration : Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion tag ich von 10—12I2 Uhr. Preise der Anzeigen : laut aufliegendem Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag aber.da geschlossen Einzt Ine Nummern 30 Heller. Rp7llflQni*f)io0' Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vinieljahug Kr. 3.—. Für aas Ausland: IJC£Uyd|JI DlOö. Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3 45, England ganzjährig Shg. 14. —, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8 50, vierteljährig P'rcs. 4 25, Amerika ganzjährig Doli. 340, halbjährig Doli. 1.70. vierteljährig Doli. —.85. Nr, 42. Wien, 16. Oktober 1903 — 25. Tischri 5664. 7* Jahrgang. Laubhüttenfest vorbei. W. Laubhüttenfest vorbei! Nun werden die Hütten abgebrochen, all der farbenschimmernde Schmuck, der den Kindern die Sukkah so prächtig erscheinen Hess, wird herabgenommen und erweist sich, in der Nähe besehen, als schlechtes Papier oder gläserner Tand, und die Kinder staunen und erschrecken, genau so wie wir staunen und erschrecken, wenn wir die glänzenden, imponierenden Dinge des Lebens in der Nähe besehen. Wie würden die Kinder erst staunen, wenn man ihnen sagte, dass diese gebrechliche, mit ein wenig Laub bedeckte, meist nur aus einigen armseligen Brettern errichtete Hütte das trefflichste Symbol der heutigen Judenheit sei? Wir wollen es ihnen noch nicht sagen. Sie werden früh genug selbst dahinter kommen, und andere werden dafür sorgen, dass sie es wissen. Langsam wird ihnen eine Blume nach der anderen welken, das saftige, grüne Laub, durch das Sonne und Sterne so fröhlich glänzen, wird verdorren, und die Hütte brüchig werden und zerfallen, zerfallen . . Uni sie werden die Tragik ihres Volkes begreifen, das elende Bretterhäuschen mit einem Laubdach baut, während die anderen stolze, allen Unbilden der Zeit trotzende Paläste errichten, das sich mit papierenem und anderem Tand begnügen muss, wenn die anderen an dem leuchtenden Glänze der Schönheit unsterblicher Heimatkunst sich erheben. Und sie werden die Tragik ihres Volkes erst recht verstehen, wenn sie der schmerzzuckenden Lippen ihrer Väter gedenken werden, die für diese Hütte noch danken mussten und den Herrn priesen, der sie „diese Zeit erleben liess und sie erhalten hat bis hierher". Das werden schlimme Stunden für sie sein, und leicht mag es dann geschehen, dass sich die Schwächlinge und Furchtsamen von diesem armen Volke abwenden und selbst zerstören helfen, was von den Hütten geblieben ist. Die Kraftvollen aber, die Mutigen werden daran gehen, andere, festere Häuser zu bauen, die nicht, gleich den Hütten versteckt, sich vor den feindseligen Blicken Fremder in den engen Winkel eines Hofes schmiegen, sondern die trotzig und mächtig emporstreben werden auf freiem Boden, auf dem Boden, dem die Sehnsucht unserer Väter galt, und der auch unsern Kindern verheissen ist, auf dem Boden der Urelternheimat, im Lande unserer Vergangenheit und unserer Zukunft Die nach uns kommen, werden das Aufbauen verstehen, wenn auch wir ihnen dazu helfen. Wir müssen ihnen von unserem Volke erzählen, von seiner früheren Kraft und Herrlichkeit, von seiner späteren Schwäche und Erniedrigung. Und wir müssen ihnen die Prophetenworte einprägen : „.. . * Es ist ein geraubtes, geplündertes Volk. Verweht in Höhlen liegen sie alie und in Gefängnissen sind sie versteckt. Sie sind zur Beute geworden und niemand rettet; geplündert, und niemand spricht: Gib zurück!" Damit sie wissen, dass nur eigene Arbeit ihnen frommt. Damit sie von uns lernen, dass sie nur auf* sich selbst bauen dürfen, dass ihr Trotz erstarke und ihre Kraft, mehr aber noch die Liebe zu ihrem Volke. Dass sie die alten Feste mit Wehmut feiern und mit Jubel sich neue schaffen, Feste der Arbeit, Feste des Lebens, Feste der Hoffnung und der Erfüllung. Wir werden ihnen auch nicht verhehlen, dass der Weg zu unserem Ziele, das, wie wir hoffen, auch das ihrige sein wird, ein langer und dornenvoller ist. Wir werden sie ermutigen, wenn ihre Ungeduld an der Erreichung des Zieles verzweifeln will, und werden sie warnen, sich nicht von unseren Feinden betören zu lassen. Das wird für uns und für sie eine harte Schule der mühseligsten Arbeit und oft getäuschter Erwartung werden, das wird sie aber auch in ihrem Kampfe stählen und sie befähigen auszuharren. Wir werden sie darauf vorbereiten, wie viel Unglück ihrer Volksgenossen sie sehen müssen werden, wie ohnmächtig alle die Hilfe ist, die mit Almosen solches Unglück eines Volkes heilen will. Sie werden unterscheiden lernen zwischen dem oberflächlichen, leicht erregten und leicht vergessenen Mitleid des Augenblickes und dem tiefen, unwandelbaren Erbarmen, das eine ganze Seele füllt. Wir werden ihnen zeigen, dass das eine ganz andere Erfolge zeitigt als das andere, und dass ein Flickwerk oft schädlich ist, weil es den damit Abgefundenen meist hindert, selbst darnach zu streben, sich endgiltig zu helfen, weil es oft

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