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Die Welt · 1903-10-09 · 41 (9.10.1903) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
41 (9.10.1903)
Article
Jewish Chronicle [Kommentar]
Date
1903-10-09
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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Seite 6 „bis & weit" Nr. 41 Es ist gesagt worden, wenn einer jüdischen Ansiedlung die Autonomie in Ostafrika gewährt werden würde, so werden die russischen und polnischen Juden, aus denen eine solche Ansiedlung bestehen würde, ihre missliebigen nationalen Eigentümlichkeiten mitbringen und ein fremdartiges Ghetto bilden. Dasselbe aber kann man dann ja von den östlichen Juden immer behaupten, wo sie sieh auch n iederlassen. Sie bilden Ghetti in Amerika, England, Argentinien, Kanada und Südafrika. Zugegeben, dass es dort zur BilduDg eines neuen Ghettos käme, so könnte dieser Umstand doch zur Erleichterung der gegebenen Verhältnisse beitragen. Jedenfalls werden sie nicht fremde Eindringlinge sein, da die Ansiedlung ihnen gehören wird und sie in der Majorität sein werden. Ihre Stellung wird ungefähr der der Franzosen Kanadas ähnlich sein, die doch niemand als Fremde betrachtet. Was ihre angeblich missliebigen Gewohnheiten betrifft, so ist es Geschmacksache. Schliesslich könnten sie sich unter freieren Institutionen bessern. Es wurde dann behauptet, die Juden könnten sich selbst nicht regieren. Das muss erst nachgewiesen werden; es geht nicht an, in einer so ernsten Angelegenheit ein voreiliges Urteil zu fällen. A priori gibt es gar keinen Grund anzunehmen, dass sie in der Verwaltungsfähigkeit anderen Völkern nachstehen müssten. Dann wären sie doch nicht ganz unabhängig. Sie werden bloss eine munizipale Home-rule haben, in allen Beziehungen werden sie britischer Kontrolle unterliegen. Sie werden britische Bürger sein mit dem Privilegium, ihre religiösen und nationalen Sitten wahren zu können, und dies beseitigt ebenfalls die Einwände des Sir Harry Johnston, dass Ostafrika zi schätzbar ist. um Fremden gegeben zu werden. Die Juden Russlands und .Rumäniens werden keine Fremden mehr sein, sobald sie sich im britischen Protektorat niedergelassen haben werden. Lord Delamere spricht von der öffentlichen Meinung, die dem Projekt feindlich sei. Es gibt aber in Ostafrika, welches kaum 1000 europäische Einwohner hat, die über das ganze Gebiet zerstreut sind, überhaupt keine Öffentliche Meinung. Und wenn es auch eine gäbe, so wäre es interessant, zu erfahren, wie es Lord Delamere zustande gebracht hat, ein Plebiszit abzuhalten in so kurzem Zeiträume, dazwischen dem Verlassen des Lokalklubs und dem Eintreten ins nächste Telegraphenamt verfloss. Zweifellos gibt es eine Anzahl von Konzessionsjägern in Nairobi, denen der Regierungsvorschlag gar nicht in den Kram passt. Man könnte schon eher mit der Ansicht Sir Harry John stons, dass die Kolonie in erster Reihe britischen Untertanen gehöre, sympathisieren. Aber bis zur Stunde haben die britischen Untertanen nicht die geringste Lust gezeigt, diese entfernten Läudtreien zu besiedeln. Es ist ein prächtiges Land, nur europäische Einwohner fehlen dort. Da nun einmal die Regierung einen Teil des Landes — es bliebe noch Raum genug für viele Millionen anderer Einwanderer übrig — den russischen Juden angeboten hat, fo hat sich ein Gezetter erhoben im Namen derjenigen, die sich des Teufels um Ostafrika scheren. Viel schwerwiegender ist der Einwand, uass wir an der Ugandabahn eine Flut von „Unerwünschten" herausstürzen zu sehen bekommen werden; aber auch hier haperts : Warum sollte Ostafrika nicht ebenfalls tüchtige Kolonisten herbeilocken, wie Argentinien und Kanada? Es hat eine Anziehungskraft, wie sie kein anderes Land der Welt den jüdischen Siedlern bietet: eine eigene Autonomie. Warum sollen wir uns nicht vorstellen, dass Juden sich denken werden: Wenn wir einmal Kolonisten werden wollen, wollen wir ein Land kolonisieren, das unter jüdischer Verwaltung steht? Und auf diesen Ruf hin werden Tausende von jungen, kräftigen und arbeitsfähigen Juden kommen. Wieder andere haben die religiösen Schwier igkeitec hervorgehoben. Wie wird es möglich sein, meinten sie, einen modernen Staat auf der talmudischen und biblischen Basis zu gründen? Es fällt jedoch niemand ein, dergleichen zu tun. Ausser der staatlichen Anerkennung des Sabbats und der jüdischen Feiertage werden bei der Regelung der Staatseinrichtungen der neuen Gemeinde andere religiöse Momente kaum in Betracht kommen. Die leitenden Männer, die mit der Staatsgründung betraut werden, werden praktische Männer sein, die keine Minute zögern werden, mit manchen alten Gebräuchen, wie zum Beispiel dem Ruhejahr, die in der ostafrikanischen Siedlung undurchführbar sind, aufzuräumen. Die Lage des Landes. Wo ist die angebotene Siedlung gelegen? Es wurde noch nichts bestimmt festgestellt und Mr. Chamberlain utete etwa eine Landstrecke ungefähr 200 Meilen lang zwischen Nairobi und Mau Escarpment, angrenzend an die Ugandabahn und die Niederung, die unter dem Namen Rift- Valley bekannt ist, einschliessend, an. Im Rifttal befinden sich d e Seen Naivasha und Nakuro, sowie andere kleinere Seen. Es ist ungefähr 40 Meilen breit und liegt um 2000Fuss tiefer, als die umliegenden Hochländer, die ungefähr 8000 Fuss hoch sind. Mau Escarpment selbst ist beinahe 9000 Fuss hoch. Die angebotene Siedlung wäre somit in den Hochländern Ostafrikas gelegen, die sich 300 Meilen der Ugandabahn entlang hinzieheu, am Kiu beginnen und bis an das Plateau von Nandi heranreichen. Dadurch erklärt sich die eigentümliche Tatsache, dass trotz der Lage des Landes unter dem Aequator oder etwa um einige Grade weiter, das Klima dennoch ein gemässigtes ist, so dass Europäer dort ganz gut leben können. Die Nächte sind kühl, oftmals kalt. Europäer können zu jeder Jahreszeit sieben Stunden des Tages arbeiten, in manchen Jahreszeiten ist der ganze Tag zur Arbeit geeignet. Menschen, die sowohl Indien als Ostafrika kennen, ziehen das Klima des letzteren * Landes vor, manche geben ihm sogar den Vorzug vor dem südafrikanischen. Darüber schreibt der High-Commissioner von Mombasa, Sir Charles Eliot, in seinem letzten ßpricht folgendes: „Es wird sicher unwahrscheinlich klingen, wenn ich sagen werde, dass die afrikanischen Regionen, die einige Meilen vom Aequator entfernt sind, ein mässiges, für Europäer und europäische Gewächse erträgliches Klima haben und diese scheinbare UnWahrscheinlichkeit ist zweifelsohne der Grund, weshalb der Wert Ostafrikas so unterschätzt wird. Aber es ist kein Zweifel daran. Eine zehnjährige Erfahrung bewies, dass das Klima gesund und stärkend ist, und dass europäische Kinder, die im Lande geboren werden, dort leben und gedeihen können." Ostafrika ist in dieser Hinsicht verschieden von Westafrika. Nairobi liegt am Fusse der Kikuju - Hügel, die sich nordöstlich zum Kenya hinziehen. Das Klima ist kühl und die Kikuju - Hügel sind eines der reichsten Gebiete des Protektorats, reich an Wasser und Bauholz, allerlei Getreidepflauzen und ßambuswäldern. Da aber dieses Gebiet schon von den eingeborenen Stämmen wie gleichfalls von den sich in beträchtlicher Anzahl dort tummelnden europäischen Einwanderern dicht besitzt ist, so wird es sich kaum eignen für eine grosse jüdische Siedlung. Wir können aber annehmen, dass die Kikuju-Hügel die östliche Grenze bilden werden, so dass die Kolonie die Niederung zwischen Kikuju und Mau Escarpment, die gewöhnlich Rift-Valley heisst, einnehmen. Das Land ist eigentlich kein Tal im gewöhnlichen Sinne des Wortes und wird nur deshalb so genannt, weil es um ein paar tausend Fuss niedriger ist, als die umgebenden Länder. Es hat seine Berge unü seine Seen. Man bekommt erst» die Niederung zu sehen, wenn man von der Höhe der Hochländer, die über dem Meeresspiegel 8000 oder 9000 Fuss erhöht sind, herunterblickt. Es ist selbst 6000 Fuss hoch und erreicht somit die Höhe des Engadin in der Schweiz. Die erste grosse Station in diesem Gebiete ist Naivasha, auf einem Hügel an einem gleichnamigen See malerisch gelegen. Naivasha könnte leicht ein neues Tiberias werden. Die benachbarten Ströme — Morendat und Gilgil — über die die Eisenbahn geht, wenn sie von Naivasha kommt, bieten die schönsten Landschaftsaussichten im ganzen Protektorat. Wälder und Wasserfälle sind in Fülle vorhanden. Auch das Land, das hinter Naivasha, östlich vom Rifttale liegt, ist eine der schönsten Provinzen des Schutzgebietes. Es besteht aus einer Reihe von Hochplateaux, die mit Waldzonen sich abwechseln. Das Klima ist massig und Wasser reichlich. Nach der A sieht des High-Commissioner enthält es manche der b sten Weidegründe der Welt. Dieses Land, das den Europäern beinahe unbekannt ist könnte sehr wohl einen Teil der Siedlung ausmachen. Aber begeben wir uns nach dem Nordwesten und weiter zur Eisenbahnlinie, hinter Naivasha und Nakuro. Zehn Meilen hinter Nakuro befindet sich eine Station Njow genannt, wo die ersten niederen Abhänge des Mau Eskarpment (die westliche Grenze der jüd. Siedlung nach Mr. Chamberlains Vermutung) auf der Ebene sichthar werden. Hierüber die Worte des High-Commissioner: Dieses Gebiet ist eines der begünstigsten in Ostafrika. In seinen rauhen Umrissen könnte es mit dem Lande um Nairobi und die östlichen Abhänge der Kikuju- Hügel verglichen werden, übertrifft sie aber in allen Beziehungen. Das Klima ist reizender, das Wasser reichlicher, der Boden fruchtbarer. Die Landschaft ist wie in vielen anderen Teilen des Protektorats überraschend englisch. Die grünen Hügel und Wälder wären eine Zierde für einen Park im

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