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Die Welt · 1903-09-30 · 40 (30.9.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
40 (30.9.1903)
Article
Briefe aus Homel
Date
1903-09-30
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „bis W*lt" Nr. 40 christlichen Bevölkerung gegen die dortigen Juden schon unheimliche Formen angenommen. Kundmachungen des Gouverneurs, welche überall affichiert sind, fordern die Einwohner auf, sich ruhig zu verhalten und der Polizei zu gehorchen» Aber in Kischenew sowohl wie auch in Hornel waren diese Kundmachungen ebenfalls plakatiert, und dennoch haben die Exzesse gegen die Juden stattgefunden und einen solchen Umfang angenommen. ,. .. * Bei der Beerdigung der während der Exzesse getöteten Juden, die unter kolossaler Beteiligung der jüdischen Bevölkerung Hornels stattfand, spielten sich herzzerreissende Szenen ab. Eine Störung des Leichenzuges, die man befürchtet hatte, fand dank den getroffenen Vorsichtsmassregeln nicht statt. Die Homeler Juden flüchten zu Hunderten aus der Stadt, da sie eine Wiederholung der Exzesse für sicher halten* -— gh. Antisemitische Bewegung in Ostgalizien. Man schreibt der „N. Fr. Pr." aus Lemberg: Die intensive antisemitische Bewegung, welche sich im benachbarten Russland; geltend macht, hat auch bei uns ihre Reflexströmung hervorgerufen. Ein grosser Teil der russischen Presse, mit der „Novvoje Wremja" an der Spitze, , predigt täglich flammenden Judenhass und die ruthenischen Blätter Ostgaliziens schöpfen aus diesen russischen Quellen. Diese Saat fällt umsomehr auf fruchtbaren Boden, als die ruthenische Propaganda seit langem, den galizischen Juden es sehr verübelt, dass sie bei allen Wahlen mit den Polen stimmen. Aus diesem Gesichtspunkte müssen jene Judenexzesse beurteilt werden, welche sich in den letzten Tagen in rascher Folge in Zablotow, Gwozdziec und Kulaczkowce abspielten, also in Orten, die fast ausschliesslich von Ruthenen bewohnt sind. Aus der Art der bedauerlichen Ausschreitungen ist aber auch eine gemeinsame Hand erkennbar, denn vor allem ist in allen diesen drei denn doch nicht so nahe beieinander liegenden Ortschaften eine neue einheitliche Form der Inszenierung deutlich erkennbar. Ein Bauer tritt in die Handlung eines Juden, verlangt eine Ware, eignet sich dieselbe an und versucht das Lokal zu verlassen, ohne den Kaufpreis zu bezahlen. Der Jude % lässt sich dies nicht gefallen und verteidigt sein Eigentum; der Bauer erhebt Geschrei, ruft Genossen herbei, der jüdische Händler wird blutig misshandelt. Dieser Vorgang hat sich in allen drei Orten wiederholt und daran knüpften sich auch Ausschreitungen gegen ganz unbeteiligte Juden. Alle diese Fälle haben eine höchst gefährliche Gährung gegen die Juden in der Bauernbevölkerung erzeugt. Nach jedem Exzess gegen die Juden taucht ein Agitator auf, welcher die Unterweisungen gibt, wie sich die Bauern vor den Behörden verteidigen und wie sie alle Schuld auf die Juden wälzen können. Eine Beruhigung gewährt allerdings die Energie, mit welcher der jetzige Landeschef dieser gefährlichen Bewegung begegnet. Die Ausführung seiner Verfügungen liegt aber in den Händen der Lokalbehörden und diese haben sich in den alten Kurs umso inniger eingelebt, als er ihren eigenen Neigungen und Anschauungen näher liegt. Delegiertentag zur Bekämpfung des Handels mit jüdischen Mädchen. Ueber Veranlassung des Hilfsvereines der deutschen Juden haben dieser und das jüdische Zweigkomitee des deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels, der deutsche Rabbinerverband und die Lemberger Kultusgemeinde den Delegiertentag nach Lemberg einberufen. Es waren erschienen: Reverend Singer aus London (Jewish-Protection Society for Women and Girls), Dr. Pappen hei m—Wien (Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien), Dr. Sonnenschei n— Troppau (österreichische B'nai Brith-Logen), Dr. Rosenack-Bremen (DeutscherRabbinerverband),Dr. P. Nathan und W. Bambus-Berlin (Hilfsverein der deutschen Juden), Dir. Hirschler und Frl. P a p p e n h e i m—Frankfurt (Komitee für die osteuropäischen Juden in Frankfurt), Gustav Tuch und Alfred Cohn-Hamburg, sowie Goldschmid t—Lübeck (Jüdisches Zweigkomitee des deutschen Nationalkomitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels), Paul Laskar—Hamburg (Israelitischer Unterstützungsverein für Obdachlose), D. Rott er—Wien (Jewish Coionisation Association und Alliance israelite universelle), Dr. A. Kam inka—Wien (Israelitische Allianz) etc. Aus Galizien sind viele orthodoxe Rabbiner erschienen, darunter Rabbiner S c h m e 1k e s—Lemberg, Hör o vi tz—Krakau, Schmelkes — Kolomea, S c h u r—Tarnow, Lewin— Rohatyn etc. Auch ihr Gegenpart ist vertreten, die beiden Prediger Dr. Caro-Lemberg und Dr. Thon—Krakau. Drei jüdische Abgeordnete sind anwesend: Dr. Byk, Rapoport von Porada und Dr. Kolischer, die Vorsitzenden der Gemeinde in Lemberg und Krakau und viele andere angesehene Persönlichkeiten aus Galizien. Dr. Byk eröffnete die Versammlung um 11 Uhr mit einer Ansprache, die eine Skizze der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der östlichen Judenheit enthielt. Er begrüsste das Zusammengehen von Ost und West in jüdischen Fragen und endlich die fremdländischen Delegierten. Im Namen der letzteren dankten die Herren Rev. Singer—London und Dr. N a t h an—Berlin. Das Präsidium wird gebildet aus den Herren: Dr. Byk, Dr. Nathan, Reverend Singer, Rabbiner Schmelkes und Dr. Hör o vit z. Eingangs der Tagesordnung hält Dr. E. Tuch-Hamburg ein Generalreferat über das Wesen des Mädchenhandels. Er beschreibt dessen Grundlagen und Ausdehnung, seine Wege und Ziele, sowie seine Bekämpfung. (Wir werden wohl Gelegenheit haben wie im Vorjahre, eine Broschüre mit diesem Vortrage zu sehen und zu besprechen. Die Red.) Rabb. Dr. R o s e n a c k—Bremen spricht über die einschlägigen Arbeiten des Deutschen Rabbinerverbandes. Er wünscht eine ähnliche Leistung von allen in Betracht kommenden Rabbinern und zwar: Soll der Einüuss auf die Jugend energischer werden, die sittliche Erziehung auch beim männlichen Geschlecht straffer durchgeführt, die Lust zur handwerksmässigen Arbeit gefördert, die Chedarim reformiert und der Zug vom Lande in die Stadt eingedämmt werden. Dr. M. Münk sprach in seinem Referat über Massregeln zur geistigen und körperlichen Hebung der jüdischen Mädchen. Er beantragte die Errichtung von Anstalten zu diesem Zwecke wie: Asyle, Kindergärten, Dienstbotenheime und -Schulen, Pflegerinnen schulen, Stellenvermittlung. Er wünscht dabei die Mithilfe der offiziellen jüdischen Kreise und der Oeffentlichkeit, auf die in Wort und Schrift einzuwirken wäre. Ferner wünscht er Warnungen an öffentlichen Stellen und Orten. (Wir können nicht umhin, von den grossen Ideen dieses Redners zu sagen, dass sie schon seit langem und zuerst in das Programm der seit langem bekämpften Zionisten aufgenommen wurden.) Aus der lebhaften Diskussion über die Details dieser Referate ist namentlich ein Antrag Rev. Singer- London hervorzuheben, der sich gegen die illegalen Trauungen und Scheidungen richtet und ein vom selben Redner vorgelegter Glückwunschbrief von Lady E. L. R o t Ilse h i 1 d—London. In der Nachmittagsitzung desselben Tages erstattete D.Rott er—Wien sein Referat: „Wie kann durch die Hebung der wirtschaftlichen Lage unserer Glaubensgenossen dem Handel mit jüdischen Mädchen vorgebeugt werden?" Redner bespricht die allgemeinen industriellen Verhältnisse Galiziens und die Anteilnahme der 800.000 Juden daran, die zirka 12°/^ der Bevölkerung bilden. Bergmännisch, ferner als Gerber, Weber, Seifensieder kommen unsere Männer, als Näherinnen,. Flechterinnen etc. unsere Mädchen stark in Betracht. Die Industrie und die Haasindustrie sind noch sehr schwach, die Handwerkerschulen überfüllt. Handel und Kleingewerbe waren bis vor kurzem ganz in jüdischen Händen, aber eine rapid anschwellende und energisch geförderte antisemitische Konkurrenzbewegung (Kolka rolnice) trägt hier beängstigende Früchte. Es gibt keine Juden als Staatsbeamte, dagegen sehr viele als Advokaten und Aerzte. Prägnant für das ganze Erwerbsleben ist die Tatsache, dass durch den Massenandrang der Juden zu den wenigen ihnen offenstehenden Berufen in jedem dieser unerträgliche Lebensbedingungen geschaffen werden. Redner beantragt: .Dienstboten- und Nähschulen mit einschlägiger Stellenvermittlung. Ackerbauschulen für Knaben und

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