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Die Welt · 1903-09-30 · 40 (30.9.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
40 (30.9.1903)
Article
Briefe aus Homel
Date
1903-09-30
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 40 „bi* # weit" Seite 3 wurden verbreitet und sie fanden unter der Bevölkerung Glauben. Das war sozusagen der Dünger für den Boden, auf dem die Judenexzesse emporgeschossen sind. Ein nichtssagender Streit, welcher sich am 11. d. M* auf dem Markte zu Hornel zwischen einer armen jüdischen Verkäuferin von Heringen und einem Flossknecht entwickelte und der wahrscheinlich inszeniert war, wurde von den Judenhetzern als ein jüdischer Gewaltakt gegen die Christen ausgegeben. Als die arme Jüdin das Fässcheo mit den Heringen, das ganze Um und Auf ihres Geschäftes, den Händen des Flössers entreissen wollte, der den ausgemachten Preis noch nicht voll erlegt hatte, da rotteten sich viele Bauern zusammen, um für den Flösser Partei zu ergreifen. Die Jüdin wurde niedergeworfen und mit Schlägen traktiert. Ihre Hilferufe lockten viele Juden herbei, welche die Jüdin den Händen ihrer Peiniger entreissen wollten. Und so entstand eine allgemeine Prügelei, welche gewiss keine so besonders blutigen Folgen gehabt hätte, wenn der auf dem Markte zufällig anwesende Chef der Eisenbahn-Werkstätten, Ingenieur K., nicht plötzlich die Lust verspürt hätte, die Bauern aufzufordern, „den Juden den Garaus zu machen0. Unter wildem Gejohle und Geschrei stürzten sich die Bauern und der Marktpöbel auf die Juden und wollten ein zweites Kischenew veranstalten. Aber die bedrängten Juden, für alle Fälle vorbereitet, eilten herbei und entwickelten soviel Bravour und Todesverachtung, dass die ganze Volksmenge in die Flucht gejagt wurde. Einige Bauern, welche mit Juden einen Raufhandel anfiengen, wurden von den letzteren weidlich durchgeprügelt. Das Traurigste an der Sache aber war, dass der Ingenieur K. es nicht verschmähte, eigenhändig einen Juden zu misshandeln und sogar den Versuch machte, den von ihm misshandelten Juden in einen Brunnen zu werfen. Doch die Juden prügelten den Ingenieur durch und befreiten so ihren Volksgenossen vom sicheren Tode. Die Arbeiter der Libau-Romny-Eisenbahn, von böswilligen Personen aufgehetzt, erklärten am 14. morgens die ihrem Ingenieur zugefügte Beleidigung rächen zu wollen. Pünktlich um die Mittagsstunde übersetzten sämtliche Arbeiter den Eisenbahnkörper und begannen sofort die jüdischen Häuser und Geschäfte zu demolieren, Hab und Gut zu vernichten und zu plündern. Den plündernden Banden giengen Rufer voraus, welche die Christen laut aufforderten, in den Fenstern ihrer Wohnungen Heiligenbilder auszustellen. Und der alten Praxis gemäss vernichteten die Plünderer alles, was sie bei den Juden vorfanden. Aber die benachrichtigten Juden eilten sofort bewaffnet herbei und stellten sich den Arbeitern entgegen. Und die Juden stellten ihren Mann. Mit unglaublicher Kühnheit stürzten sich die Juden auf die Plünderer und begannen sie zu bearbeiten, indem sie laut riefen: „Wir lassen uns nicht wie Schafe abschlachten!" Und die Juden hätten die Arbeiter gewiss in die Flucht gejagt, wenn man ihre Selbstwehr nicht verhindert hätte. Die requirierten 10 Detachements des Abchasischen Regimentes drängten die Juden zurück, um sie zu isolieren. Aber diese Taktik, welche in Kischenew vielen Juden das Leben gekostet hatte, versetzte die Juien in Hornel in Verzweiflung und man begann Steine zu werfen und sogar einige Schüsse abzugeben. Und zwar geschah dies in einer Seitengasse, wo die Juden, auf die Hilferufe ihrer Kinder und Frauen herbeieilend, vom Militär brutal zurückgedrängt wurden, während die Plünderer ihr Vernichtungswerk ruhig fortsetzen konnten . .. Natürlich schössen die Soldaten sofort auf die Juden und töteten 5 u^d verwundeten 8 Personen, welche den Kordon durchbrechen wollten, um ihren in Todesangst schwebenden Kindern und Frauen zu Hilfe zu eilen. Und während von den Soldaten kein einziger berührt, geschweige denn ernstlich verwundet wurde, fielen während der „Unterdrückung der Unruhen durch das Militär" von den Juden an Toten 14 und an Verwundeten 48 Personen, während die Zahl der vernichteten jüdischen Häuser und Geschäfte nach zuverlässigen Daten gegen 400 beträgt . . . * Der Gouverneur von Mohilew, General Klingenberg, welcher erst drei Tage nach der Katastrophe in Hornel eintraf, hielt an die Vertreter der jüdischen Gemeinde von Hornel eine Ansprache, welche die Juden in Russland mit tiefem Kummer erfüllte und ihre Angst um die Zukunft bedeutend verschärfte. General Klingenberg, welcher einst als Gouverneur von Kowno die bekannten Massakres der Katholiken in der Kirche zu Kroze veranlasst hatte, sagte unter anderem : Meine Herren! „Ich bin ausschliesslich Ihretwegen hierhergekommen. Mir tun die unglücklichen, unschuldigen Opfer sehr leid, denn gelitten haben nur Unschuldige und Arme. Woher könnte eine solche Erbitterung einer Bevölkerungsgruppe der anderen gegenüber, die eine andere Religion bekennt, entstehen? In Russland existiert eine vollkommene Religionsduldung. Das wissen am besten die Juden selbst, die die jüdische Religion bekennen. Die Ursachen dieser letzten Ereignisse müssen viel tiefer gesucht werden. Ich kenne das Mohilewer Gouvernement seit 25 Jahren. Früher waren die Juden ganz treue Untertanen, nahmen an keinen politischen Bewegungen teil, und da war keine Ahnung von Krawallen. Die Krawalle, die in den Achtziger-Jahren stattfanden, trugen einen ganz anderen Charakter: Dieselben waren eine Folge des jüdischen Joches unter welchem die christliche Bevölkerung sich befand. Aber jetzt ist es gänzlich anders geworden. Jetzt treten die Juden als Leiter, Rädelsführer bei sämtlichen regierungsfeindlichen Bewegungen hervor. Der ganze Bund*) und die gesamte Sozialdemokratie**) bestehen nur aus Juden. Allerdings kommen in denselben Bewegungen auch Leute anderer Religionsbekenntnisse vor, aber die letzteren sind nur die Aufgehetzten, die Aufhetzer sind aber nur Juden. Im Gymnasium verderben die jüdischen Schüler die Jugend; in denUniversitäten machen alle verbotene Zusammenkünfte nur die Juden. Ueberhaupt sind die Juden jetzt sehr frech und ungehorsam, haben jede Achtung vor der Regierungsgewalt verloren. Seht nur einmal, wie die untere Polizei jetzt gar keine Bedeutung mehr hat, man will dieselbe gar nicht mehr anerkennen. Immer und überall äussern die Juden ihre vollkommene Missachtung, Unduldsamkeit den Christen gegenüber. Da haben wir Beispiele: Ein Radfahrer hat meine Frau angerempelt. Wer ist es? Ein Jude. Ich begegnete auf der Strasse einem Gymnasiasten mit einer Zigarette im Munde, der mich, ohne zu grüssen, passiert. Wer ist es? Ein Jude. Eine Gymnasiastin hat beim Kleiderablegen meine Frau mit dem Arm gestossen; auf die Frage seitens meiner Frau weshalb sie nicht um Entschuldigung bitte, folgt eine Antwort: „Ich habe nichts bemerkt/ Wer ist es? Wieder eine Jüdin. Da, meine Herrn, liegen die Ursachen. Ihr selbst seid an allem Geschehenen schuld. Die Regierung ist gänzlich unparteiisch und ich bin auch unparteiisch. Und ganz parteilos bin ich gezwungen, Euch zu sagen : Ihr seid schuldig. Und in diesem Sinne werde ich Sr. Majestät dem Kaiser berichten. Ihr erzieht nicht gehörig Eure Kinder, Ihr könnt nicht auf sie wirken. Aber Ihr könnt sie doch blosstellen, indem Ihr dieselben der Regierung anzeigt. Ihr tut das aber nicht. Ihr verhehlt dieselben. Jetzt erntet Ihr die Früchte Eurer Aufführung. Ihr verbreitet unter einer unzivilisierten Bevölkerung Ungehorsam und Kampf mit der Regierung, aber die russische Volksmasse will dies nicht und richtet sich gegen Euch selbst. Seht einmal zu, wohin Ihr es gebracht habt. Wo ist denn gehört worden, dass Juden sich bewaffnen und das Militär, das Euch selbst geschützt hat, beschiessen sollten? Auf die Weise werden wir nicht Euch, sondern uns vor Euch schützen müssen. Mir tun die getroffenen unschuldigen Opfer herzlich leid, aber Ihr selbst, meine Herren, seid schuldig, Ihr tragt die moralische Verantwortung für all das Geschehene vor Euren Glaubensgenossen auf Euch*. Es gab aber auch Beispiele echter Nächstenliebe von Seite einiger angesehener christlicher Bürger von Hömel. Der reiche christliche Bürger D. W i t o w t o w mit seinen Söhnen setzte sein eigenes Leben auf das Spiel, um das Leben und das Eigentum seiner jüdischen Mietparteien zu schützen. Die Plünderer verwundeten diesen wahren Christen durch Steinwürfe, weil er die Juden in Schutz nahm. Doch gelang es ihm, 60 Juden in seiner Wohnung zu verbergen und sie während einiger Tage mit Nahrung zu versehen. Diese vereinzelten Fälle von Menschlichkeit vermochten jedoch nicht, das Unheil zu verhüten, welches die Juden von Hornel im Allgemeinen betroffen hat. Handel und Gewerbe liegen darnieder, viele Existenzen sind vernichtet worden. Die Armut der Unglücklichen lässt sich kaum beschreiben. Noch schlechter aber ist, dass die Exzesse von Hornel ihre unheimlichen Schatten auch schon auf andere Städte werfen. In Mohilew am Dnieper hat die Stimmung der *) Unter diesem Namen ist der „Bund jüdischer sozialistischer Arbeiter Russlands und Polens" zu verstehen. **) Darunter ist wahrscheiulich die «Russische sozialistische Partei" gemeint.

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