Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 39 (25.9.1903)
- Article
- Jom Hadin
- Date
- 1903-09-25
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 39 „bis # W^lt" Seite 15 aber auch keine Gewissensbisse.--Da opsu<.ht ihn eines Tages der Vater. Kaum bemerkt aber diese1*, Jass sein Sonn nicht „jüdisch44 gekleidet ist (der Herr hatte ihm zur Arbeit einen abgelegten „kurzen Rock' geschenkt), schleudcit er ihm den Fluch ins Gesicht: „Gott soll sich rächen'.44 und eilt davon wie vor dem Satan. Und seit diesem Tage hat er auch keine Familie mehr. Und gross ist sein Kummer. — — — — Die Sonne hat sich in einen Feuerkringel verwandelt und erhellte flammentarben den Horizont. Und am Himmel jagten sich flaumenweisse, helle und aschgraue Wölkchen, die über hellblaue oder glührote Flecke dahinhuschten. Die Lüfte fächelten kühl und duftig und umschmeichelten tröstend des Elenden fieternde Sinne und sehnsuchtskrankes Herz. Er lief und lief. — — — — — — — — — An seinem ganzen Leben läuft er vorüber, doch er glaubt zu stehen und staunend zuzusehen, wie es an ihm von den ersten Anfängen an vorbeizieht ... Da wird ihm weich ums Herz und weicher . . . Die ganze Welt möchte er umarmen vor lauter Glückseligkeit . . . Und Glück ist es ja. Das einzige seines Lebens. Fünf Jahre harter Arbeit verstreichen, bis es eines Tages kommt: Das sechzehnjährige Geschöpf, schlank und 1 iegsam wie eine junge Pappel und von at gerundeten Formen über sein Alter — die neue Gänsehüterin, die sein Herr aufgenommen. Alles, was ihm tislang gefehlt, jenes Unbestimmte, das ihm die Träume seiner arbeitsfreien Stunden ausgefüllt und seine Nächte — all das hat er jetzt. Und so oft sla die Gänse aul die Weide hinaustreit t, sieht er ihr verstohlen nach . . . Atends, wenn sie nach Hause kommt, wäscht sie sich; und nach dem Abendessen geht sie nicht wie die anderen Mägde in den Stall zu plaudern und zu schäkern, sondern streckt sich auf ihrer Pritsche in der Küche hin und scheint bald darauf in Schlaf versunken. Allein sie schläft nicht. Er weiss es. Denn so oft er an ihr vorbeigeht, um einen späten Auftrag des Wirtes auszuführen, schlägt sie die schwarzen, nachttiefen Augen auf und flüstert wie flehend seinen Namen: „Mechel . . . Mechel . . ,44 Und wenn er hinzutritt »streckt sie ihm die schneeichten Arme entgegen . . . Und jedesmal fühlt er, wie sich ihm alles Blut nach den Wangen drängt . . . Und jedesmal weicht er ihr instinktiv aus . . . Er aus dem Stamme des edlen Sem — sie aus dem des ungeschlachten Japhet! . . . Die Sünde — diese Sünde! . . . Doch gelingt es ihr einmal, ihn zu erhaschen — und bebend erglühen ihre roten Lippen auf den seinen ... Er taumelt ... Die Sünde! . . . Und er beschliesst zu fasten. Doch er fastet nicht. Und dann wiederholen sich diese Sünden ... Er sträubt sich nicht mehr, überlässt sich vielmehr glücKzerfliessend ganz dem Sündenrausch... Da überrascht sie einmal der Wirt. — Der Wirt ist aber sehr gütig, klopft ihm lächelnd auf die Schulter und sagt väterlich: „Mechel, a schöne Kalle, was? ...44 Und seit jenem Vorfall necken ihn Wirt und Wirtin mit der Kaleh.---Und so verstreichen Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre. Mit der Zeit hat er ein Dutzend schöner Hemden, zwei Anzüge und etwas Bares. Das macht ihn standsicher, er ist der Kassia gegenüber nicht mehr schüchtern und sie ihrerseits mag keinen Burschen im ganzen grossen Dorfe ausser ihn. In letzter Zeit hütet sie nicht mehr die Gänse und füttert auch nicht das Vieh, sondern bleibt in der Küche bei der Frau. Und sie sehen sich den ganzen lieben Tag. Und ihre stete Nähe macht sein Blut immer heisser . . . Doch ein Bursche fand sich, der ihm alles Ernstes im Wege steht. „Jud — droht dieser ihm stets — Jud, wehe dir, wenn du sie entehrst; mein Tod oder dein Tod!44 So erträgt er lange die Qualen des empörten Blutes mit grosser Geduld. Da kehrt er eines Tages aus dem Städtchen von der Assentkommission heim mit der frohen Botschaft: Frei! Frei für immer. Sein Herr tritt zu ihm, beglückwünscht ihn und sagt: „Frei bist du, acht Jahre dienst du mir treu; wie lange noch willst du dienen? Heirate. Ich habe eine schöne Kaleh für dich. — Gilt's? Kassia . . . Und ich will dir behilflich sein, dass du dir ein Grundstück ankaufst und dich festbauen kannst.44 Die Aussicht ist verlockend, aliein er spürt es, wie ihm die Stimme versagt, da er antworten will . . . Er sieht den Allmächtigen höchstpersönlich vom Himmel herniedersteigen, ihn zu züchtiger, weil er im Begriffe ist, seine eigenen frommen Vorfahren aus dem Gan Eden zu vertreiben. Er bebt an allen Gliedern. Endlich bittet er den Wirt, sich niederlegen zu dürfen, weil es ihm die Stirne sprengen wolle, dieses — was, weiss er nicht. Er sieht nur, dass ihm aus den Augen des allmächtigen Gottes heller Zorn entgegensprüht, aus den Augen jenes Gottes, der für die Sünden der Väter die Nachkommen bis ins vierte Glied hinein büssen iässt. Und von Angst und Entsetzen gepeitscht, keucht er die Leiter zum Dachboden hinauf, wirft sich ins Heu und versinkt in Schlaf und träumt — träumt . . . Kein Gott, kein Schreck mehr, nur Träume von ewigem, unendlichem Glück . . . Träume? . . . Nein. Denn, wie er erwacht, ruht Kassia an seiner Seite . . . Nach einer feurigen, verzehrenden Umschlingung entwindet er sich ihren Armen und eilt hinunter in die Schankstube. Und sein Herr legt ihm wieder väterlich-milde die Hand auf die Schulter und fragt: „Nu, hast dir's überlegt?44 Er antwortet kurzweg: „Ja.4 Und dann . . . Gott im Himmel! . . . Um acht Gojim die Welt vermehrt, auf dass seine Stammesbrüder, von denen er sich losgesagt, mehr Hasses haben ... Er — ein Jude! . . . Gott im Himmel! . . . Und . . . diese Gesänge . . . da...da...da — — — — — — — — — Er brach zusammen vor dem Häuschen, durch dessen weitgeöffnete Fenster ein schwüler atembeklemmender Talgkerzengeruch herausquoll u d flutende, schluchzende Melodien. Die vor der Synagoge spielenden Kinder riefen ihre Väter heraus. Diese traten aus dem Bethaus weissbekittelt, mit rilberbortigen Betkäppchen auf dem Haupt, blass vom Fasten und mit vom inbrünstigen Beten verweinten Augen. „Ich seh schon einen Stern,44 rief plötzlich eine Stimme. Alle blickten zum Himmel auf und zogen sich ins Bethaus zurück. Der Bauer lag da und röchelte: „Gott, du bist gerecht . , .44 Aus dem Innern des Hauses flutete indessen das Klaggewein der ersten Strophe des Schlussgebetes: „Oeffne uns die Himmelspforte, „Denn es will die Sonne scheiden, „Denn es neigt sich schon der Tag . . .44 Voller gefühlswarmer Güte breitete die Nacht ihre Fittige über Leben und Tod schattig-weich und leise . . . Der heilige Tag war zu Ende und mit niederbrennenden Seelenkerzen-Resten in den Händen strömten jetzt alle heraus und gruppierten sich um den Toten. „Mechel der Meschumed," sagte einer, beim Kerzenschei i den Toten erkennend. „Mechel der Meschumed,4' wiederholten die Umstehenden im Chore und zogen schreckengefoltert und ahnungsbang ihre Kleinen herbei, auf die Leiche weisend: „So endet ein Meschumed . . ,44 Und die Kleinen sahen einander ernst an, als wollte eines dem andern im Herzen lesen . . . und flüsterten einander zu — bebend, gottesfurchterfüllt: „So endet ein Meschumed . . Und nur die Bäume im anstossenden Garten säuselten mitleidsvoll ein Totengebet--- Briefkasten. Oie Redaktion dankt aufrichtig für die ihr zugesendeten Neujahrswünsche. Zionisten in Posen: Herzlichen Dank und Gru-s. H. Hr. G. Böhm, München: Besten Dank. Wir haben von Ihrer «eschätzten Zuschrift entsprechenden Gebrauch gemacht. Hr. Rabb. Dr. Joseph, Stolp: Besten Dank und Gruss,