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Die Welt · 1903-09-25 · 39 (25.9.1903) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
39 (25.9.1903)
Article
Jom Hadin
Date
1903-09-25
Page
14 (sequence 1)
Language
German
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Seite 14 „bi* weit11 Nr. 39 Feuilleton. Jörn Hadin. Von W. Horoszowski. Herbstgerötet lag bereits ein Teil des verschiedenartigsten Laubes im Waldgras verstreut. Nur noch wie aus Gnade leuchtete und wärmte die Sonne, mitleiderfüllt mit dem Lebe 1. Leise klagte ein lauer Wind in den Bäumen, die erschauerten wie im Gebete, es möchte der Herbst sie nur noch eine Spanne Zeit verschonen . . . Und in ernstklarem Blau sann der Himmel dem Verhängnis nach, das mit todeskalter jleichgiltigkeit über allem Erdenleben schwebt . . . Nur dann urd wann hüllte er sein klares sinnendes Antlitz in ein leichtes schnippisches Daunenwölkchen, damit die schauernden, bangenden Bäume seinen tieftraurigen Ernst nicht merkten und nicht noch seelentiefer erschauerten . . . Mittag war's und im Walde schlummerte die Stille . . . Doch so oft der Himmel sein Antlitz verhüllte, erhob sich die Stille und schlich auf den trauerreichen Sohlen der Bangigkeit in: Walde umher . . . Und jedesmal erschauerten ahnungsvoller und lebenentfremdeter die Bäume und neigten die Häupter in bangem Verstehen bodenwärts zum umherliegenden herbstgeröteten Laub . . . Und der Mittagsstille lauschte alles ringsherum trauerselig . . . Nur die Hiebe einer Axt schlugen ihr schadenfroh Wunde um Wunde, dass die Lüfte, mitfühlend, stöhnten . . . ,/Helf Gott!" Der Bauer liess die soeben erhobene Axt sinken und wandte sich danKend: „Helf Gott!4'. Den Waldsteig vom Städtchen her war ein Bauer gekommen. Der Angekommene liess sich Michajlo gegenüber auf einem Baumstrunk nieder, nahm die kurze Pfeife aus dem Mund und klopfte sie am Stiefelabsatz aus. Michajlo wollte seine Arbeit wieder aufnehmen, da begann der andere, das Pfeifchen zwischen den Zähnen md in den Händen den Tabaksbeutel: „In der Stadt ist alles wie ausgestorben . . . Alle Juden sind heute in der Synagoge/4 Bei den letzten Worten versank Michajlo in tiefes Brüten. „Und weisst du auch," fuhr jener fort, „was für einen Tag die Juden heute haben? — Den Versöhnungstag. Und am Versöhnungstag, sagen die Leute, muss in jeder Gemeinde ein Jude „tanze n" gehen . . . Hehe! Was? ..." Michajlo war ganz in sich versunken und irr schweiften seine Blicke umher. „He, Michajlo, ist wohl schon lange her, da du am Versöhnungstag in der Synagoge warst. Bin wirklich reugierig. Alle, heisst es, zittern heute ..." Doch der Angesprochene starrte noch immer wie irr vor sich hin und hörte auf kein Wort. Dann bückte er sich plötzlich, wie unter dem Druck einer starken unsichtbaren Hand, nach seinem am Boden liegenden Serdak (kleinrussischer Bauernmantel) und betrat schweigend den Waldsteig dem Städtchen zu. Der Zurückgebliebene sah ihm hämisch nach und brach in ein rohes Gelächter aus. Jener aber begann zu laufen. Er lief und lief. Doch dass er lief, mochten nur andere sagen und wissen. Er selber wusste nichts davon, de.,?i e: ruhte — im Wachsen seines Lebens; ruhte darin und lauschte diesem Wachsen. — — — — — — — Die früheste Kindeszeit dämmert zuerst heran. Der Vater, ein Dorfläufer, kommt abends todmüde nach Hause und verlangt nach Essen. Er verlangt bloss ein Stück trocKC ies Brot, allein das letzte haben die Kinder verzehrt. Streit un^ Flüche. Seelenempörende Flüche! Häufig Schläge. Darauf für gewöhnlich das Gejammer und Geheul von vier erschieckten Kindern. Daun Schlaf und Träume. Träume von dufu-n den, wohlschmeckenden Mahlzeiten, wie sie der Gutspächter genoss. Träume von einem schönen reinen Anzug, wJe ihn der Sohn des Gutspächters anhatte, und von einer liebten, sauberen Wohlstube, wie ihrer der Gutspächter fünf oder sechs hatte. Und dann der taufrische Landmorgen und wieder Hunger und Elend. So die ganze Woche hindurch — bis Freitag abends, da das Elend blank geputzt war mit schläfrigem Talgkerzenschimmer darüber . . . Freitag abends und Samstag, wo es doch stets Fleisch geben musste — Fleisch und w?i<ses Sabbat-Brot. Sabbat . . .! So viel Seligkeit in einem Wort! An diesem Tage geht er mit dem Vater zum Beten. Und alle beten, nur er nicht, weil er nicht lesen kann. Sein Vater hatte kein Geld, ihn. sei es in einer der Landessprachen, sei es in der hebräischen, unterrichten zu lassen. Nicht einmal in dieser — der heiligen Sprache seiner Väter. Dann jedes Jahr die ,,gefürchteten Tage", an denen man ins nahe Städtchen muss, um in der Synagoge zu beten. Und er kann niemals mitbeten . . . Aber diese wehen Klänge, diese wilden, seelenerschütternden, nach Befreiung verzweifelt weinenden Schmerzenstöne fühlt und versteht er. Und so sitzt ei neben dem in einen Betmantel gehüllten und zu Gott um ein besseres Jahr betenden Vater und seine Lippen bewegen sich ohne sein Denken und Wollen in brünstigem, stummem Flehen — und grosse Tränentropfen brennen ihm auf den Wangen . . . So betet er mit dem Vater jahraus, jahrein um ein besseres Jahr, doch Jahr um Jahr wird's ärger. — — — — — Und er lief und lief, ohne es zu spüren —■ zu wissen. Nur ganz unbewusst fuhr er sich von Zeit zu Zeit mit beiden Händen nach den Schläfen: da hämmerte es, riss und hämmerte . . . So fliessen die Jahre dahin, bis . . . an:? Morgen des Tages, der sein fünfzehnter Geburtstag ist. weist ihn der Vater aus dem Hause mit dem Bedeuten, ein Mensch v. r. 15 Jahren müsse schon selbst für seinen Unterhalt sorgen. Die Mutter reicht ihm seine Habe: zwei geflickte Hemden, die Tefilin und ein Gebetbuch. Nachdem er daraus ein ßiinJclchen gemacht, sieht er sich kummergedrückt und wehrnuterfüllt noch ein letztesmal in der ärmlichen Stube um und geht — sein Bündelchen in der Hand . . . Beklommen 'äss* der Vater seine verbitterten Blicke auf den zurückbleibenden Kindern ruhen . . . Das Auge der Mutter schimmert feucht und unter verhaltenem Schluchzen bringt sie ein „Guten Weg, Sohnleben" hervor . . . Mit dem ersten Abenddämmern kommt er im fünften Dorfe an, wo der Gastwirt an ihm Gefallen findet und ihn auch nach kurzem Ausfragen in den Dienst nimmt. — Wie froh er auch ist, fühlt er sich dennoch tief unglücKlich. Der Mann. Tinter dessen Dach er fortan verbleiben soll, trägt nicht die langen Kleider der Frommen und isst blossköpfig. Und er riirchtei, dass er gelegentlich durch einen Bissen, den er in diesem Hause zu sich nehmen wird, ersticken könnte. Und erst Freitag abends und Samstag! . . . Nicht einmal Sabbatlichter werden angezündet. Der Wirt geht mit der Pfeife im Zimmer hei um und schmaucht, und er selber — der fromme Bocher — muss im Keller an den Branntweinfässern herurnmai;ipuU<?ren. Doch als er am Sonntag noch frisch und gesund erwacht, stellt er sich gleich die Frage, warum ihn der liebe Gott r.cch am Leben liess, da er doch dessen heiligen Sabbat entweiht. Und weil die Antwort ausbleibt und er sich trotzdem wohlauf spürt, macht er sich weiters kein Kopfzerbrechen darüber und ist bald beruhigt. In der ersten Zeit tetet er noen, das heisst, er legt Tefilin und sagt einige Sätze her, die ihm zum Tefüinlegen eingeprägt worden waren. Und wieder Sabbat -- und wiederum muss er wie an anderen Wochentagen arbeiten. -- Und Sonntags steht er dennoch vollkommen gesund tut. Langsam, langsam — und er legt überhaupt keine I^xiT.n r ehr, hat

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