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Die Welt · 1903-09-25 · 39 (25.9.1903) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
39 (25.9.1903)
Article
[Kommentar]
Date
1903-09-25
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 flbie & weit" Nr. 39 „Daily Chronicle"(London)widmet demKongress lange und ausführliche Artikel, worin er zu den brennenden Fragen Stellung nimmt. So heisst es in einem Artikel vom 26. August v. M.: „Berg Zion oder Ostafrika? Das war die Alternative, die gestern dem grossen Zionistenkongress in Basel gestellt wurde. Wir glauben nicht, dass eine Niederlassung in Britisch-Ostafrika im Ernste als ein permanenter Ersatz für Jerusalem vorgeschlagen wurde. Die Zionisten bleiben treu ihrem Ideal der Rückkehr eines grossen Teiles des jüdischen Volkes in das heilige Land ♦ . . Britisch-Ostafrika ist nicht auf dem Wege nach Zion; es hat nicht die örtliche und historische Anziehungskraft von El-Arisch auf der Sinai-Halbinsel, aber wenn man in Ostafrika ein fruchtbares und gesundes Gebiet finden könnte, wäre es möglich dort zu wohnen, und das Leben unter britischer Herrschaft ist glücklicherweise verschieden von dem unter türkischer oder russischer. Was für Kolonisten die Masse der schändlich misshandelten Juden in Russland und Polen ergeben würde, wenn sie als Körperschaft sich niederlassen und für sich selbst arbeiten würden, ist eine andere Frage, die gewiss in Erwägung gezogen war, bevor der Vorschlag gemacht wurde. Aber wir zweifeln nicht, dass die Kolonie rasch voll wird, wenn die Zionisten mit ihrer gewaltigen Anzahl von Mitgliedern und Geldsummen den Vorschlag ernstlich annehmen werden." In einem anderen Artikel sagt dieselbe Zeitung: „In diesen Konferenzen (bezüglich Ostafrikas) wurde es jedem Beobachter klar, dass der Jude die Fähigkeit zu träumen besitzt, und wie immer er uns sonst auch erscheinen mag, wenn er einmal die blau-weisse zionistische Fahne hält, ist er mit Kopf und Herz seinem Ideal ergeben. Es muss gesagt werden, dass durch dieses Anerbieten (Englands) der Zionismus eine harte Feuerprobe bestand und daraus klar und glänzend, stark und glaubend hervorging. Niemand kannte bisher die wirkliche Tiefe des zionistischen Ideals; jedes Gesicht auf dem Kongress bewies, dass das Ideal tief bis ins Mark dieser jüdischen Delegierten gedrungen ist." Nach der Annahme des Votums für die Ostafrika- Kommission schrieb dasselbe Blatt: „Die Annahme der Offerte der englischen Regierung am Zion istenkongress ist nicht, wie man glauben möchte, die Aufopferung des Ideals, den drängenden Forderungen der harten Wirklichkeit zuliebe. Denn Ostafrika ist nur ein provisorisches Heim, obwohl, wie es wohl möglich ist, die Zionisten sich damit zufrieden geben, ohne die Träume einer endgiltigen Wiederherstellung der Nation in Palästina zu realisieren. Es ist ein Experiment, welches der westliche Jude, der mit seiner angenommenen Nationalität meistens zufrieden ist, mit seinen bedrückten Brüdern des Ostens vornehmen will. Aber das heisst noch nicht, dass der Traum der Restauration Palästinas aufgegeben worden ist. Die Notwendigkeit einer Zufluchtsstätte für die heimatslosen Juden, die die Resultate des Zionismus nicht abwarten können, war dringend und der Kongress fühlte mit Recht, dass er eine solche Gelegenheit nicht vorübergehen lassen dürfe. Es ist eigentümlich, dass gerade die russischen Delegierten mit der grössten Erbitterung dem Vorschlage sich widersetzten; die Geschichte aber lehrt, dass der beste Nährboden für Enthusiasmus Leiden und Verfolgung ist. Die britische Offerte hat nach unserer Vermutung aus zwei Gründen stattgefunden. Der Strom der jüdischen Immigration nach England ist gerade kein Segen für England und doch kann England sich nicht der Sympathie für die unglücklichen Immigranten entäussern. Zu gleicher Zeit gibt es ein Stück Land, das beinahe ganz unbewohnt und für europäische Kolonisation geeignet ist. Eine energische weisse Bevölkerung ist nötig, um die verborgenen Schätze zutage zu fördern . . . Und wenn der enthusiastische Zionist in dem Plan nur ein spärliches Surrogat für das nationale Heim in Palästina sieht, das der höchste Traum seines Volkes ist, so muss es ihm doch angenehm sein bei der Aussicht auf einen Staat, der von Israel selbst verwaltet wird für Israel, eine Sache, die das Judentum seit der Zerstörung des Tempels nicht gesehen hat/ .*. Die Londoner illustrierte Zeitung „Black and Whi te" bringt in ihrer Nummer vom 12. September einen illustrierten Artikel über die Ostafrikafrage und meint, dass man, wie man sich der diesbezüglichen Politik des Lord Landsdowne gegenüber auch verhalten w^lle, immer auch an die Interessen der britischen Bürger zu denken habe. Dies bekräftigt ein Brief aus Mombassa, von Mr. W. D. Young, dem bekannten Residenten von Mombassa : „Den wenigen Briten, die sich in Britisch-Ostafrika niedergelassen haben und all ihr Hab und Gut in diesem schönen Adoptivlande verzehrt haben, kam es immer merkwürdig und peinlich vor, dass das Ministerium des Aeussern keine bestimmten Schritte unternommen hat, um unser neues Besitztum dem britischen Volke in der ganzen Welt bekannt zu machen und keine Mittel ausfindig machte, um die Kolonisation grosser Strecken dieses fruchtbaren Landes durch Grossbritanniens eigme Kinder zu erleichtern. Am Anfang vermutete man, die heimische Regierung werde nur so lange zurückhaltend sein, bis di« Ugandabahn vollendet sein werde, und in Ermangelung einer besseren Erklärung neigten wir uns dieser Ansicht zu. Nun ist aber die Ugandabahn seit einiger Zeit ein fai t acco.mpli und als die Ansiedler die Regierung drängten, entschiedene Schritte zu unternehmen, um den Einwohnern des Landes zu helfen — da unternahm das Foreign Office einen Schritt, aber in einer ganz unerwarteten Richtung. Der Plan, das Land jüdischen Fremden zu übergeben, trat uns wie ein grosser Schlag. Es wäre ein so grosses Unglück, dass man gar nicht an die Ausführung des Planes glauben kann. Das Foreign Office wird auf den einmütigen Protest der eigenen Untertanen von Grossbritannien in Britisch-Ostafrika stossen. Man sagte, dem britischen Steuerzahler sei schon der blosse Name Ostafrikas peinlich. Die Ausführung der Ugandaeisenbahnlinie habe sechs Millionen Pfund verschlungen und je weniger das Publikum in der Heimat von diesem Land lese, desto besser sei es. Das ist entschieden eine Ungerechtigkeit und eine beklagenswerte Haltung. Es müsste eine Aenderung entstehen und rasch. Wenn wir das ganze Land von der Küste bis zum Victoria Nyanza in Betracht ziehen, so sind nur die ersten 200 Meilen auf der einen Seite und das Ufer des grossen Sees für den britischen Kolonisten und Arbeiter untauglich. Von Makinda, $07 Meilen im Innern des Landes und ungefähr 400 Meilen weiter ist die Gegend unbeschreiblich schön. Die Fruchtbarkeit des Bodens ist wunderbar und die klimatischen Verhältnisse in jeder Beziehung ausgezeichnet. Es ist nicht die mindeste Uebertreibung in dieser Behauptung. Es ist tatsächlich ein ideales Land, das Grossbritannien für seine eigenen Untertanen behalten müsste. Es sind Kolonisten aus Australien und Südafrika nach Ostafrika zur Erforschung des Landes gekommen; sie waren Spezialisten in Viehzucht und Meierei; sie haben das ganze Land durchreist und erklärten es für besser als alle Länder, die ihnen bekannt wären: aber die Zahl der „roten Streifen" und die Bodengesetze zwangen sie, andere Kolonisationsgebiete zu suchen. Wenn der Brite daheim über die wenig bekannten Teile von Afrika liest* so stellt sich ihm unwillkürlich etwa folgendes Bild dar: „Eine grenzenlose Sandebene, sengende Sonne, eine einzige Palme, ein Löwe und ein Neger!" Aber in der Wirklichkeit ist es bei weitem nicht so. Britisch-Ostafrika ist eines der schönsten Lander der Welt. Gut bewaldet und bewässert, meilenlange Grasebenen, auf denen zahllose Wildherden weiden. Abgesehen von den Kästen- und Seegegenden, ist die Hitze gar nicht so ungeheuer und im Vergleich mit den Ebenen von Indien, sind diese Ortschaften sogar gut. Von Makindu bis Nairobi und über Mau Escarpment bis in die Loudianiebenen (die Sir Harry Johnston Paradiesebenen nennt), ist das Klima ein ideales. In der Richtung des Ackerbaubetriebes sind die Möglichkeiten unbeschränkt sowohl hinsichtlich der Quantität als der Qualität und Varietät. Es gibt nichts, was in diesem Lande nicht wachsen könnte. Die wenigen Kolonisten hierzulande bauen die besten Kartoffel in der Welt und es wird eine Organisation geplant, um die südafrikanischen Märkte für dieses Produkt zu sichern, und Südafrika ist es, das dies anstrebt. Vor einiger Zeit organisierten die britischen Baumwollfabrikanten eine Expedition zur Erforschung der Baumwolle produzierenden Länder. Warum sandten sie keine Expedition nach Britisch-Ostafrika? Sie könnten hier die feinste Baumwolle haben, so viel sie wollten. Während Mr. Chamberl ains Besuch im vorigen Dezember sprach er die Ansicht aus, dass Britisch-Ostafrika in Getreide- und Bäumwollprodukfcion unerreicht dastehen könnte. Dem Aussenstehenden würde e3 scheinen, dass das Protektorat direkt von der Heimat regiert wird und dass die örtlichen Behörden keine Macht haben, eigenmächtig Gesetze zu erlassen oder Konzessionen zu verleihen, die die Wohlfahrt des Landes fördern würden. S. Majestät Commissioner Sir Charles Eliot ist entschieden beliebt und geschätzt im Lande. Und wenn die ihm gewährten Vollmachten ihm freie Hand lassen würden, wäre Britisch-Ostafrika bald auf dem rech-

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