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Die Welt · 1903-09-18 · 38 (18.9.1903) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
38 (18.9.1903)
Article
Ein Chalukah-Amt
Date
1903-09-18
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 Jfbi$ # W^lt" Seite 3 geistig ersticken. Und nebenbei steht die grosse, helle, luftige Schule und die Kinder dürfen nicht hinein! Diese Zustände sind eine Schande und ein Skandal, sie schreien förmlich nach Abhilfe. Ausserhalb der beteiligten Kreise gibt es in Palästina niemand, der das bestehende System nicht ernstlich tadelte und es für zahlreiche Missstände im öffentlichen, wie privaten Leben verantwortlich machte. So, wie man heute gibt, schädigt man den Einzelnen, trägt man die Unmoral in die Familien, das Gemeindeleben, säet man den Zwist selbst in den Kolonien und stört jede gesunde Entwicklung. Wir können für diese unsere Meinung Männer von unbezweifelt grösster Frömmigkeit anführen. Auch die Kolonisation wird direkt geschädigt, denn ein Bauer, der Unterstützungen erhält, verliert das Verantwortlichkeitsgefühl, er wird träge und anmassend. Die Verwaltungen täten am besten, die neuen Ansiedler dahin zu verpflichten, jedes Ghalukah-Anerbieten glattweg abzulehnen. Wir betonen nochmals: wir greifen nicht die Ghalukah als solche an. In Palästina herrscht grosses Elend und es ist gut und verdienstvoll, wenn fromme Wohltätigkeit es zu mildern sucht. Es täte uns leid, wenn auch nur ein Pfennig weniger gegeben würde, als bisher. Aber fromme Spenden sollen nicht der Korruption und der Heuchelei zugute kommen, nicht die sollen es erhalten, die wohlhabender sind als die Geber, sondern die wirklich Bedürftigen, die Alten, Kranken und Schwachen. Unsere Gesinnungsgenossen sollten zunächst dahin wirken, dass die engherzige Verteilung nach der Herkunft ein Ende nimmt. Der gegenwärtige Modus ist des grossen Nationalgedankens, der alle Juden als Brüder betrachtet, unwürdig. Es müsste eine Zentralstelle in Jerusalem geschaffen werden, an welche die Chalukahkomitees aller Länder die gesammelten Gelder abführen. Dieses Chalukah-Amt müsste die Verteilung der eingehenden Gelder durchführen, unabhängig von der Geburt, der Herkunft, der bisherigen Berechtigung und unter strengem Ausschluss aller derer, die arbeiten können. In das Ghalukah-Amt gehören natürlich nicht Leute, die irgendwie selbst an der Ghalukah beteiligt sind, sondern unabhängige Personen. Am besten wäre es, einen ständigen Beamten an die Spitze zu setzen und ihm einen Beirat von angesehenen, unbeteiligten frommen Männern zu geben. Und diese sind, trotz gegenteiliger Behauptungen, zu finden — wenn man will. In den entfernteren Orten könnte man Lokalkomitees gründen, deren Tätigkeit einer eingehenden Kontrolle der Zentralbehörde unterliegen müsste. Erst wenn man die Ghalukah gründlich reformiert haben wird, kann sie Segen stiften und darum bitten wir nochmals alle Gesinnungsgenossen, soweit es ihnen möglich, auf die Chalukahkomitees in unserem Sinne einzuwirken, eingedenk des oft zitierten Satzes, dass nicht nur Wohltätigkeit, sondern auch Gerechtigkeit bedeutet. Dr. Adolf Friedemann. Die Stimmen von draussen. Wir leben unter fremdem Kommando. Unseres Lebens Hinab und Hinauf, die Gesetze, die uns lenken, das Gewerbe, das wir treiben, wo wir wohnen und wohin wir wandern sollen — das steht in jedermanns Macht mit Ausnahme der Juden. Letztere können bestenfalls hinter den Kulissen des Welttheaters ein gutes Wörtchen reden mit den Trägern der Hauptrollen. Auf der Bühne selbst aber spielen sie nur die nach Belieben gut oder nach Belieben schlecht, befiiaäefüin %tümmen Diener/ v So sahen es Jahrhunderte. In neuester Zeit aber hob sich* der Vorhang zu einem erstaunlichen Zwischenakt, und je eine geschichtliche Sekunde lang stand der Diener von früher im Vordergrund des Dramas „Der Mensch"; aber nicht mehr stumm und* ergeben wie vordem, sondern mit lautem Ruf nach Herrenrecht und Freiheit Das war in Basel. Als sich dort im Geburtshaus des friedlichen Kampfes um den jüdischen Frieden die ersten Streiter zusammenfanden, war ihre Entschlossenheit nicht frei von banger Sorge. Denn die Lebensfrage ihres Beginnens harrte noch der Antwort. Es war die Frage nach der Masse der gleichgesinnten Juden, von deren Zahl die Wucht des Verlangens abhieng; es war die Frage nach dem Wohlwollen der übrigen menschlichen Gesellschaft als mächtiger Förderung des Guten. Haben schon die früheren Kongresse begeisternde und stärkende Antworten gebracht, so wurden sie vom sechsten noch weitaus übertroffen. Niemals noch gab es so viele Kundgebungen der Juden an den Kongress, nie so viele Erörterungen der Oeffentlichkeit nach dem Kongress. In den vorigen zwei Nummern der „Welt" standen die besten zionistischen Artikel, die jemals geschrieben wurden* Sie standen im Text und unter der Rubrik Nationalfonds und hiessen: Begrüssungen an den sechsten Kongress. Diese besten zionistischen Artikel sind gar nichts als eine Flut von Namen — Namen nur, aber sie kamen vom Kaukasus und von den Cordilleren, sie kamen von Transvaal und von Schweden, von der Mongolei und aus Kanada. Aus der Lektüre dieser nackten Namen nehmen wir Zionisten unser stolzes Selbstbewusstsein gegenüber allen anderen jüdischen Institutionen. Diese nackten Namen sind die Rechtsgrundlage unserer Forderungen an sie. Denn wir sind die Allianz der Welten, der Bruderbund, der die Meere umspannt; wir sind die jüdische Kolonisationsgesellschaft, die keinem Widerspruch der Lebenden begegnen wird, wenn sie das Testament eines grossen Toten erfüllt. Die nackten Namen in unseren amtlichen Mappen geben in einer Reihe gelesen das jüdische Volk! Nur aus dem sumpfigen Grabhügel des deutschländischen Liberalismus entspriessen noch Blätter mit ehrlichem jüdischem Mantel und ehrvergessener Assimilation als Kern. Dort herum sind die letzten Exemplare der aussterbenden Gattung Mauschel noch am Werke. Ihnen ist es eine Genugtuung — eine erbarmenswerte — einer Volkserhebung Abbruch zu tun, die von der Presse aller Länder begrüsst wird. Dieses Echo aus den Kreisen der Nichtjuden entspricht an Stärke dem Rufe nach Freiheit der es weckte. Aegypten, Kanada, Argentinien; kein Land, dessen Augen uns nicht sehen. Bis auf den bekannten Ungenannten, dessen Namen der Rabbiner kennt, sind die Kritiker überall voll Verständnis und Billigung für unsere heisserstrebten Ziele. Die Führer der öffentlichen Meinung kennen das Wesen des Staatslebens: Die Anerkennung einer Volksleitung durch die Regierungen. Sie erinnern sich aus ihrem Studium der Geschichte an die umwälzenden Wirkungen eines Volkswillens. Deswegen würdigen sie unsere grossen Erfolge, und deshalb künden sie uns das Beste. Wenn dem aber auch nicht so wäre — uns genügt es, dass wir überall in der Oeffentlichkeit auf-

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