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Die Welt · 1903-09-18 · 38 (18.9.1903) · p. 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
38 (18.9.1903)
Article
Ein Chalukah-Amt
Date
1903-09-18
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „bis # Welt11 Nr. 38 erworbenes Wochenerträgnis. Und das so zusammengebrachte Geld wird zum guten Teil wohlhabenden Leuten gegeben und dient dazu, Elend zu stiften. Am deutlichsten zeigt sich das in Jerusalem selbst. Das dortige Judentum zerfällt in zahlreiche kleine Gemeinden, die sich in keiner Weise vereinigen lassen. Die Schuld trägt zum grossen Teil die Chalukah. Sie wird nämlich nicht ohne Rücksicht auf die Abkunft an die Bedürftigen, sondern nach Landesabkunft verteilt. Da nun die Einkünfte aus den einzelnen Ländern sehr verschiedene sind, und überdies das Geld nach der Kopfzahl der Volksangehörigen verteilt wird, so setzen die Begünstigten jedem Einigungsversuch heftigen Widerstand engegen. Wo die Chalukah herrscht, erstirbt das Brüderlichkeitsgefühl. Das ist ganz menschlich, wenn man bedenkt, dass die grosse deutschholländische Chalukah nur an etwa 100 Familien geht. Es erhält demzufolge jedes Familienmitglied etwa 2y2 Napoleon vierteljährlich, auch der Säugling in der Wiege. Glücklich der kinderreiche Mann — wenn er kein Jemenit ist. Die Jemeniten erhalten nämlich überhaupt nichts, die Marokkaner noch nicht 75 Cents den Monat, obwohl sie sehr arm sind. Die Russen sind sehr zahlreich geworden. Ihre Strafe dafür besteht darin, dass sie nur etwa 5ya Mark monatlich erhalten. Aber auch innerhalb der Landsmannschaften geht die Verteilung in einer ganz kopflosen Weise vor sich. Wo in der ganzen Welt ist es noch erhört, dass die Empfänger von Wohltaten gleichzeitig Verteiler des Geldes sind? In Jerusalem aber verteilt Schlank deutschholländische Chalukahgelder, obwohl er selbst daran teilnimmt. Die Bezüge selbst werden nicht nach der Bedürftigkeit verteilt, sondern bilden eine Art lebenslänglicher Rente, die sich oft geradezu vererbt. Obwohl es sehr schwer ist, in Jerusalem Material zu sammeln, pfeifen doch die Spatzen von den Dächern, dass Abraham S„*) Chajim EL, Cor., Schi., sehr wohlhabende Leute sind. Unter den Russen glänzt Jacob Bl., der in Häuserspekulationen ein beträchtliches Vermögen erwarb. Aber die Chalukah nimmt er doch. Aehnliche Zustände herrschen in Jaffa. Dort erhalten russische Chalukah: die Gebrüder Schm., die Häuser besitzen; Rahan El., der als Angestellter 150 Franks monatlich bezieht; Ass., der Delikatessenhändler ist und Häuser besitzt. Oesterreich. Chalukah beziehen Hirsch W., der etwa 40.000 Franks und eine Mühle besitzt, deren Erträgnis man auf mindestens 500 Franks monatlich schätzt; M. gehört eine grosse Apotheke. Hazkiel Gr., Hirsch R, Icchona B. sind Hausbesitzer. Von den Ungarn ist Mayer H. früher Bankier gewesen. Diese Beispiele mögen genügen, wir verfügen noch über andere Namen. In Safed herrscht drückende Armut. Das Elend ist in dem galiläischen Städtchen so gross geworden, dass man eine Volksküche einrichten musste, aus der täglich hunderte von Portionen Essen unentgeltlich verabfolgt werden. Und in derselben Stadt erhält die Familie BL, Vater und drei Söhne, wohlhabende Händler, 6000 Franks Chalukah! Wohlgemerkt 6000 Franks!! Diese Tatsache hat mir schliesslich einer der Empfänger persönlich bestätigt. — Tiberias ist eine so arme Stadt, dass die Leitung der Alliance isr. univ. dort alltäglich den Schulkindern warmes Essen verabreicht. Cholera und Typhus haben den Ort entsetzlich mitgenommen, *) Wir geben hier nur die Anfangsbuchstaben der Namen, da es uns nicht darauf ankommt, Personen, sondern das System zu brandmarken. Wir sind aber bereit, privatim die Namen jedem Interessenten mitzuteilen. von 7000 Einwohnern, fast durchweg Juden, sind dort im letzten Winter gegen 800 gestorben und das Elend ist unbeschreiblich. Aber das Vorstandsmitglied der Gemeinde, Gr., der dortige Bankier der Ica und ein notorisch wohlhabender Mann, bezieht Chalukah. Man steht förmlich ratlos, wenn die Leute das ganz ruhig selbst erzählen. Sie sind so an das Unrecht gewöhnt und dadurch moralisch so depra viert, dass sie ihre Handlungsweise ganz gerechtfertigt finden. Wohltätigkeit errettet vor dem Tode. Sehr schön. Aber derartige Wohltätigkeit tötet Scham und Ehrgefühl. Auf meine, an den Mann gerichtete Frage, wie er das Geld nehmen könne, das er doch Armen entziehe, gab er zur Antwort: »Warum nicht? Es ist ja überall so Sitte/ Sehr richtig, es ist überall so. Jeder greift so schnell und gierig zu, wie nur möglich — warum soll sich da ein Einzelner als Moralmenschen aufspielen? Man würde ihn einfach für einen Narren erklären! Die Menschen sind stets eine Frucht des Milieus und die Chalukah hat hier das ganze Milieu verderbt! Denn im ganzen Lande wird durch sie Faulheit, Selbstgerechtigkeit und die widerlichste Heuchelei grossgezogen. Man missverstehe mich nicht. Niemand kann ehrliche Frömmigkeit aufrichtiger achten, als der Schreiber dieser Zeilen. Die gläubige Gesetzestreue eines überzeugten Mannes ist eine der schönsten Zierden. Aber wenn man das Gesetz beobachtet, weil das Geld einbringt, wenn man Religiosität zum Deckmantel der Habsucht macht, dann begeht man eine mehr als verwerfliche Handlung, ein 0^ ^fa. Da hat man mit grossen Opfern in Städten und Kolonien Schulen geschaffen. Aber die Chalukahempfänger senden ihre Kinder nicht in die Schulen, sondern in den Cheder, weil sie keine Chalukah mehr erhalten, wenn sie zur Schule stehen. Der Russe Bl. sandte in Jerusalem seine Kinder in die Schule. Darauf entzog man ihm die Chalukah. Er gab nun die Kinder in den Cheder und seitdem erhält er die Chalukah von Neuem. In Petach Tickwah ist von der Ica eine Schule eröffnet worden, nachdem die Bauern lange um dieselbe petitioniert hatten. An der Spitze steht ein tüchtiger Mann, dem niemand Mangel an Gesetzestreue nachsagen wird. Aber die Chalukahempfänger senden ihre Kinder nicht in die Schule — weil sie nicht dürfen. Um der Schule Abbruch zu tun, hat man sogar einen neuen Melamed aus Jerusalem gesandt. Er lehrt in einem Zimmer mit Lehmfussboden, in dem ein ungehobelter Holz tisch und zwei umgekippte Holzkisten das „Mobiliar" bilden. Ueber die Kisten hat man ein Brett gelegt, auf dem 13 unglückliche Kinder sitzen. Das ganze spricht jeder sanitären, hygienischen Einrichtung einfach Hohn. Auf dem blossen Fussboden hocken ein paar kleine Gestalten, und auf meine Frage, was sie dort tun, antwortet mir dieser Erzieher der Jugend: „Das ist die zweite Klasse/ Also geschehen am 2. Mai 1903!! In Tiberias verlangt man von den Chalukahempfängern, dass sie ihre Kinder, statt in die Allianceschuie, in die Cheder senden. Das gelingt zwar nicht in allen Fällen — weil die Kinder in der Allianceschule, wie oben bemerkt, warmes Essen erhalten. Aber die Eltern sitzen zu anderem Malheur noch in der Zwickmühle, des Verlustes der Chalukah gewärtig zu sein, oder die Kinder hungern zu sehen. Und mit solchen Mitteln glaubt man die Religiosität zu fördern? Man muss nur diese Cheder in Tiberias gesehen haben! Das sind dumpfe, halbdunkle Löcher, oft im Kellergeschoss, in denen die Kinder körperlich und

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