Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-09-11 · 37 (11.9.1903) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
37 (11.9.1903)
Article
Eindrücke vom VI. Zionistenkongress
Date
1903-09-11
Page
9 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316057-3336780--43016-3336873
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 37 „bis # weit" Seite 9 Die Zahl der Delegierten war trotz der stetigen Verschärfung der Wahlmodalitäten von 200 im I. Kongressjahre (1897) und 350 am V. Kongress (1901), heuer auf über 600 angeschwollen, so dass, um dem rapiden Wachstum des Zionismus Rechnung zu tragen, und um einem weiteren Anschwellen der Delegiertenzahl vorzubeugen, die Zahl der zu einem Delegierten berechtigten Schekelzahler von 100 auf 200 erhöht werden musste. Ueber 2000 Gäste, Juden und auch Christen, waren oft aus weiter Ferne herbeigeeilt, um dem grossen Schauspiel beizuwohnen, und für einen Platz auf den überfüllten Galerien wurden dem N.-F. bis zu 100 Rubel gezahlt. Auch die Zahl der anwesenden Journalisten und die Menge der Begrüssungs- und Huldigungsschreiben an den Kongress ist enorm gestiegen und auch viele österreichische Kultusgemeinden hatten sich endlich zu solchen aufgerafft. Der Kongress konnte aber auch auf geleistete Arbeit, auf Ehren und Erfolge hinweisen. Die Schekelzahler haben sich seit dem letzten (V.) Kongress allein um nahezu 130% vermehrt, der Schekelertrag ist auf 221.567 K angewachsen. Der erst am V. Kongress (Dez. 1901) gegründete Nationalfond hat bereits ein Reinvermögen von £ 19.767,11,1 (K 476.000) aufgespeichert. Die Jüdische Kolonialbank, welche langsam, aber stetig ihr Kapital vermehrt, hat alle ihre Versprechungen erfüllt, ein Tochterinstitut in Palästina selbst eröffnet und aus dem ersten erzielten Gewinn von SS 5.874,13,1 (K 140.000) die Auszahlung einer 2°/0igen Dividende beschlossen. Wie weit aber stehen diese mehr materiellen hinter den moralischen Erfolgen zurück, welche die unausgesetzten diplomatischen Bemühungen unseres obersten Führers, Dr. Theodor Herzl, erzielt haben! Mit der türkischen, russischen, britischen und ägyptischen Regierung hat er wiederholt um Zions willen unterhandelt, überall respektiert und gewertet als der Repräsentant eines ganzen, nach Freiheit dürstenden Volkes. Die köstlichste Frucht jener Bemühungen ist zweifellos das hochherzige Anerbieten der englischen Regierung, uns Juden ein autonomes Gebiet in Britisch- Ostafrika zur nationalen Besiedlung, kurz einen „Judenstaat" zu überlassen. Dies welthistorische Ereignis besagt nicht mehr, noch minder, als dass wir Juden, durch Jahrtausende die Opfer der Verachtung und bestenfalls des Mitleides der Völker, wieder als aktiver politischer Faktor gewertet werden. Und diesen Erfolg haben mit kaum 7jähriger Arbeit die „Träumer", die „Utopisten", die „jüdischen Antisemiten" erzielt! Wie nichtig stehen nun heute Zions Wiedersacher, die Khille-, Allianz-, und Uniongrössen da, die sich als berufene Vertreter Israels durch lange triste Jahre gebläht! Wir wollen ihnen verzeihen, trotz allem, und sie als reuige Brüder begrüssen! Die Ostafrikafrage beherrschte den Kongress so ausschliesslich, dass selbst die ausgezeichneten Referate eines Doktor Oppen heim er über „ Ansiedlung" und eines Z a n g w i 11 und S o k o 1 o w über „ Jüdische Wohltätigkeit" nicht zur vollen Geltung kommen konnten. Anstatt der zur Diskussion gestellten Frage, ob eine Kommission zur Prüfung des Ostafrikaanbotes einzusetzen sei, wurde die weitergehende prinzipielle Frage, ob Zionisten überhaupt mit einer Besiedlung Ostafrikas zu schaffen haben, in heisser, tagelanger Debatte erörtert. Unsere Hasser möchten aus dieser — ach gar so gerne! — eine unüberbrückbare Entzweiung und also den Anfang vom Ende des lästigen Zionismus herauslesen. Ganz anders aber stellt ^ies Bild sich unserem Auge dar. Das eine steht fest, dass auf keinem zweiten Kongresse die Einheit der zionistischen Bewegung eine so schwere Probe zu bestehen hatte, und einen Augenblick schien sich der so glücklich zwischen Ost und West geknüpfte Bruderbund zu lockern. Die „Neinsager" aus Russland glaubten ihren westindischen Kampfgenossen, die meist für die Kommission waren, den Mangel eines tiefgründigen Zionismus und rückständige Rachmonestendenzen nachsagen zu müssen und die Westland-Delegierten antworteten vielfach mit dem Vorwurf, dass die Neinsager aus Russland, von ihrem doktrinären Fanatismus verblendet, der abwägenden. Vernunft keinen Raum gönnen und sich so als politisch unreif erwiesen. Doch die einigende Macht des Zionismus bestand die harte Probe aufs Rühmlichste und über die vorübergehende Verstimmung hinweg —- und mit durch die Bemühungen der österreichischen Landsmannschaft — knüpfte das gegenseitige Vertrauen die alten Bande doppelt fest. Und gerade der Streit, der von beiden Gruppen mit solcher Glut und Begeisterung geführt wurde, verriet den unendlichen Born von Liebe, der in den Herzen der Zionisten für ihr Volk aufgespeichert ist und in dem einen Ideal für Zion waren sie alle, alle einig und es musste sich dem zähesten Zweifler die Ueberzeugung aufdrängen, dass diese Bewegung nicht auf zwei Augen gestellt und dass sie manchen Schlag, er mag kommen von wo immer, zu überdauern gerüstet sei! Der Kongress erwies seine politische Reife auch dadurch, dass er wohl das Recht sachlicher Kritik in vollstem Masse in Anspruch nahm, hingegen jede Darbietung persönlicher Eitelkeit und Ehrgeizelei im Keime erstickte. Allerdings, Dr. H e r z 1 s Grösse macht es schwer, sich neben ihm aufzurecken. Seine überragende Persönlichkeit kam bei keinem Anlasse so zur Geltung, wie gerade auf diesem Kongress. Nicht nur dass Herzl seine Neider mit leichter Mühe zur Strecke brachte, zwang er in der Ostafrikafrage seinen unbeugsamen Willen dem Kongresse geradezu auf. Denn darüber kann kein Zweifel walten, dass sich die Mehrzahl gegen den Gedanken einer Besiedelung Ostafrikas vor jener Erez Israels zuerst heftig sträubte und dass schliesslich die Achtung vor dem Willen des verdienten Führers und das so oft bewährte Vertrauen in seinen klareren Blick bei der Abstimmung den Ausschlag gaben, sogar für Einsetzung einer Kommission behufs Aussendung einer Expedition. Es war ein ästhetisches Vergnügen anzusehen, wie Herzl, der grosse Menschenkenner, mit wenigen schlichten Worten und einem hebräischen Zitat den Groll der Minorität in flammende Begeisterung zu wandeln verstand. Das Prinzip der Gliederung, Beratung und Schlussfassung nach Landsmannschaften wurde diesmal von dem Prinzip der Fraktionierung wohltätig durchkreuzt: Die orthodoxe Gruppe der „Misrachi" zum Beispiel, die den Kern ihrer Anhänger gerade aus Russland rekrutiert, stimmte fast geschlossen für Einsetzung der Kommission, ebenso die auf dem Kongresse selbst neugeschaffene und vorläufig 45 Delegierte aus Russland umfassende Gruppe der reinpolitischen Zionisten, die sich künftig in Ablehnung aller Gegeriwartsarbeit, bloss der Arbeit für das Endziel widmen will. Die demokratische Fraktion hingegen, welche übrigens angesichts der aufgeworfenen Kardinalfrage

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.