Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 37 (11.9.1903)
- Article
- Die Rede Zangwills
- Date
- 1903-09-11
- Page
- 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „bi* $ w^t Nr. 37 Die englischen Zionisten. Meine Damen und Herren! Wir danken Ihnen nochmals für Ihren Empfang. Wir sind stolz, nicht nur auf Ihr Vertrauen, sondern — soll ich's gestehen — auf uns alle als ein Ganzes. Denn auf dem Kongresse hat es sich herausgestellt, dass die englischen Vereine mehr Geld für den Nationalfonds geschickt haben als alle anderen und dass ein englischer Delegierter, Mr. Moser, die grösste Spende für die Kosten der Kommission gegeben hat. Dann: die Resolution, die wir gleich nachdem wir von dem Ostafrika-Plane gehört haben, gefasst haben, dass man eine Kommission ernenne, um die Sache zu studieren und am nächsten Kongress darüber zu berichten, wurde, wenn auch nach hartem Kampfe, vom Kongresse eingenommen. Und in unseren Reihen war auch Mr. Greenberg, der von der Foreign Office unseres geliebten Landes das grösste Zeichen der Anerkennung erhalten — den ersten de 1 artigen Brief, den ein Jude seit dem Falle Jerusalems von einer Regierung erhalten hat. Und in Bezug auf diesen Brief schlage ich folgende Resolution vor: Die Versammlung der Londoner Juden möge so rasch als möglich die Gelegenheit ergreifen, für das edelmütige Anerbieten der Regierung Sr. Majestät an die zionistische Bewegung zu danken. Zweite Resolution: Die Versammlung hegt ungeschmälertes Zutrauen zu Dr. Herzl und dankt den englischen Delegierten, die auf dem VI. Zionistenkongress ihm mitgeholfen haben. Schlussrede des Herrn Dr. Margulies, Oberrabbiners von Florenz, in der letzten Nachmittagssitzung des VI. Kongresses. Verehrte Kongressmitglieder! Der VI. Zionistenkongress neigt sich seinem Ende zu und uns alle überkommt eine Stimmung, der ähnlich, die am Ausgange unseres heiligsten Tages, des Jom-Kippur, sich unser zu bemächtigen pflegt Auch hier hat die judische Volksseele einen heissen Kampf mit sich seihst zu bestehen gehabt, auch hier hat sie schwer und schmerzlich mit sich selbst gerungen, aber auch hier hat sie sich zur Versöhnung der Gegensätze, zu weihevollem Frieden und zu freudigem Hoffen hindurchgerungen. Die Woche, die hinter uns liegt, war eine Woche, deren welthistorische Bedeutung von niemandem wird verkannt werden können, und die vielleicht einen der wichtigsten und glücklichsten Wendepunkte in der Geschichte des jüdischen Volkes zu bilden bestimmt ist. Ich spreche hier hauptsächlich von dem Anerbieten der Britischen Regierung, dem jüdischen Volke eine freie Heimstätte auf autonomer Grundlage zu gewähren. Führen wir uns noch einmal die Bedeutung dieses Anerbietens so recht vor Augen. Auch im Mittelalter kam es oft vor, dass Fürsten und Regierungen einzelnen Juden oder Judengruppen Wohnsitze in ihren Staaten anboten; aber dies geschah lediglich zu dem Zwecke, damit die Juden für sie die Kastanien aus dem Feuer holten und sich daran die Hände gründlich verbrannten. Nach dem bekannten Schwammsystem wurden die Juden als Mittel gebraucht, um die Bevölkerung auszubeuten, und wenn sie dann ihrerseits gründlich ausgepresst waren, dem Hasse und der Verfolgungswut des Pöbels preisgegeben. Ganz anders ist das Anerbieten, welches uns hier gemacht wird. Wir sollen auf eigenem Grunde und Boden in freier Selbstverwaltung nach eigenen nationalen Gesetzen und nach angestammter Vätersitte uns ausleben können. Darnach hat die jüdische Volksseele stets mit brennender Sehnsucht geschmachtet. Im 10. Jahrhundert lebte in Spanien ein jüdischer Minister, Ghasdai ibn Schaprut. Von fürstlichem Glänze umgeben und mit fürstlicher Macht ausgestattet, konnte er mit seiner Stellung zufrieden sein. Und dennoch — als die Kunde zu ihm drang von der Existenz eines freien, jüdischen Staates im fernen Ghazarenreiche, da ergriff ihn ein übermächtiges Sehnen, jenes Land mit eigenen Augen zu schauen und dort zu leben. „Wenn es wahr ist," so schrieb er an den jüdischen Fürsten, „was man mir erzählt, ich würde all meinen Glanz und alle Herrlichkeiten meiner hiesigen Stellung verlassen und würde wandern nach dem Lande, wo Juden frei von fremdem Joche, nach eigenen Gesetzen und unter eigenen Herrschern leben." Noch besser als durch diese geschichtliche Tatsache, wird jene tiefe unauslöschliche Sehnsucht des jüdischen Volkes nach Freiheit durch die bekannte, in allen jüdischen Gemeinden verbreitete Sage veranschaulicht, wonach in einer fernen, fernen Weltgegend hinter den „finsteren Bergen" ein freies jüdisches Reich existiert, dessen Bewohner als hochaufgerichtete, kräftige und stolze Gestalten gedacht wurden. Aber ach! Das war bis jetzt nur eine Fata Morgana, eine jener Luftspiegelungen, wie sie dem verdurstenden Wanderer in der Wüste rauschende Wasserquellen vorgaukeln. Zum erstenmale soll dieses Phantasiebild der Sehnsucht von Millionen unserer Brüder zu greifbarer Wirklichkeit werden. Zum erstenmale wird dem verdurstenden Wanderer ein wirklicher Labetrunk gereicht. Zwischen den „ünsteren Bergen" des Golus dringt ein belebender Lichtstrahl hindurch. Noch ist es nicht die Sonne, die nur von Zions Höhen uns erstrahlen kann und wird, aber es ist ein verheissungsvolles Morgenrot, welches das Nahen der Sonne verkündet und vorbereitet. Dies, meine verehrten Kongressmitglieder, ist die grosse unvergleichliche Bedeutung des Anerbietens, welches dem jüdischen Vnlke von der hochherzigen Regierung des mächtigen Britenreiches gemacht wird. Ich wiederhole, zum erstenmale in der Geschichte unserer Diaspora wird uns ein Anerbieten gemacht, das nicht aus eigensüchtigen Motiven entspringt, sondern aus reiner Menschenliebe und aus edlem Vertrauen zu der zivilisatorischen Kraft unseres Volkes. Welches also immer auch die Ergebnisse der zu entsendenden Expedition sein werden und wie immer auch der nächste Zionistenkongress über diese Frage entscheiden möge, so viel steht fest, dass heute schon das ganze jüdische Volk mit den Gefühlen innigster, tiefster Dankbarkeit zu Englands König und zu Englands Regierung emporschaut, und dass überall, wo jüdische Herzen schlagen, der Ruf erschallen wird: Heil, dreimal Heil dem mächtigen, grossmütigen Britischen Volke! Eindrücke vom VI. Zionistenkongress/) Er hat all seine Vorgänger weit übertroffen, unser VI. Kongress, an äusserem Glanz und Machtstand sowohl, als auch an innerem Gehalt. Die Kongressverhandlungen, für die ehedem 3, 4, dann 5 Tage genügten, beanspruchten diesmal volle 6 Tage, nicht gerechnet die bunte Reihe von Vorbesprechungen, Volksversammlungen und Schaustellungen der zionistischen Landsmannschaften, Fraktionen und Zweckverbände. *) Aus der Monatsschrift „Zion", Mitteilungen des Verbandes „Zion" der österr. Vereine.