Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 6 (29.8.1903)
- Article
- Donnerstag-Vormittagssitzung
- Date
- 1903-08-29
- Page
- 5 (sequence 4)
- Language
- German
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No. 6 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 5 Bank schaffen, in dem Sinne, dass die Bank als Trust die Länder kauft, das Geld verwaltet und juristische Vertreterin ist. In der Sitzung in Wien haben die dort anwesenden russischen Vertreter sich gegen eine Verschmelzung ausgesprochen, ebenso in der folgenden Abstimmung sämtliche russische Mitglieder des grossen A.-C. mit Ausnahme des einzigen Ussischkin. Daraufhin sagte ich mir: Wenn die Vertreter der grössten Masse der Zionisten dagegen sind, wäre es zwecklos, hier einen Vorschlag zu machen, der nicht im Geist der Masse ist. Auch legte Herr Bontwich keinen ausgearbeiteten Entwurf vor. Dann beschäftigte uns die Frage: Wo soll der Sitz des Nationalfonds sein? In England oder einem andern Land? Wir glaubten, England sei der Vorzug zu geben, da der englische Schutz im Orient viel gilt. Auch die Kolonisten Palästinas haben mir in einem Brief einen dahingehenden Wunsch ausgedrückt. Das führte wieder zur Frage, welche Form man dem Fonds dort geben solle. Wir haben den prinzipiellen Beschluss gefasst, die juristische Form zu wählen, die uns am meisten Freiheit gibt, d. h. selbst zu verwalten ohne Einmischung der Behörden. Ich ging daraufhin nach London und konferierte mit englischen Anwälten und Konsuln. Die Meinung der Anwälte war, class man die Form einer Share — einer Aktiengesellschaft wählen müsse. Nach aussen ist es eine Aktiengesellschaft, aber eine Aktie kann nur ein Mitglied des Aufsichtsrates der jüdischen Bank oder ein Mitglied des A. C. erwerben. Und wir haben beschlossen, dass diese Aktionäre sich den Beschlüssen des Kongresses fügen müssen. Für die Verwaltung müssen wir zwei Behörden haben, das kleine Aktionskomitee als Aufsichtsrat, als zweite Behörde ein Direktorium. Das A. C. soll das Land kaufen, das Direktorium es verwalten. Um Land zu kaufen muss die Behörde wegen der schnellen Verständigung an einem Orte sein. Für die Verwaltung kommen lokale Verhältnisse nicht in Betracht, sondern die Fähigkeit der Betreffenden; es müssen volkswirtschaftlich, technisch gebildete Leute sein. Wir wollen ein Fachmännerdirektorium. In der Zwischenzeit fanden in Basel wieder zwei Sitzungen statt und hier vertraten die russischen Mitglieder die Ansicht, man solle jetzt überhaupt nichts beschliessen, weil sie glaubten, man werde vielleicht nach einigen Monaten mehr Klarheit haben. Ich bemerke, dass damals von Ostafrika noch nicht die Bede war. * Wir beantragen Ihnen darum, dass Sie heute dem Wunsch der russischen Mitglieder entgegenkommen; dagegen empfehlen wir Ihnen, sich im Prinzip über zwei Dinge zu einigen: 1. Den Zweck des Nationalfonds; 2. Wann der Nationalfond Land zu kaufen beginnen soll. Es ist hier unter Ihnen ein gedruckter Antrag der Nationalfondskommission verteilt worden. Zu II. betone ich, dass wir unter „Nachbarländern" nicht Länder wie Ostafrika, sondern die benachbarten Länder wie El-Arisch verstehen. Wir sagen weiter: „anzukaufen oder zu verkaufen." „Verkaufen" steht aus einem praktischen juristischen Grund. Es hat nicht die Meinung, dass wir mit Land handeln wollen, sondern dass wir das Recht haben sollen, Land zu verkaufen, etwa um zur Abrundung eines Territoriums anderes zu bekommen. Dann haben wir den „Ausschluss der Afterpacht" gefordert. Wir wollen nicht einzelne Unternehmer haben, die nichts arbeiten und den Profit einsacken. Wer das Land bearbeitet, soll den Gewinn einheimsen. Sodann sagen wir : „alle möglichen oder denkbaren Unternehmungen." Es genügt nicht, Land zu kaufen; man muss auch etwas mit dem Ertrag machen. Stellen wir uns vor, wir bauen Wein, Rüben, Zucker u. clergl. Dann wollen wir uns doch nicht eines dritten bedienen, der es verkauft und uns den niedrigsten Preis zahlt. Aber es soll dies keine Pflicht, sondern ein Recht sein. Ueber den Beginn der Tätigkeit haben wir zu III in erster Linie den Beschluss des V. Kongresses aufgenommen, dass Land gekauft werden soll, wenn der Nationalfonds 5 Millionen Er. beträgt. Nun hat aber die Minsker Konferenz beschlossen, dass Land sofort gekauft werden soll. Wir haben gesagt: Wir müssen uns dem Willen der grössten Masse des jüdischen Volkes fügen, und haben beigefügt, dass das geschehen kann, wenn eine dreiviertel Mehrheit der Generalversammlung des grossen A. C. damit einverstanden ist. Nebenbei bemerkt, es empfiehlt sich aus praktischen Gründen keineswegs, heute zu beschliessen, sofort zu kaufen : die Herren würden uns sofort höhere Preise diktieren. Das wäre die prinzipielle Frage. Was das Materielle betrifft, empfehlen wir ihnen, die Sache an eine Kommission zu weisen und eine llgliedrige Kommission zu wählen, die ihre Entschliessungen einem eventuellen kleinen Kongress vorzulegen hätte, in einigen Monaten, wenn die Bedenken der Russen nicht mehr existieren. Ich erlaube mir auch formelle Anträge über die Art, wie wir debattieren wollen, zu stellen. Ich würde empfehlen, dass man erstens zuerst debattiert und abstimmt über die Frage des Eintretens, d. h. ob der vorgelegte Entwurf durchberaten oder an die Kommission gewiesen wird. Wenn Sie mit uns einverstanden sind, dass wir den Entwurf nicht behandeln, dann ist die Sache erledigt. Wenn nicht, müssen wir die einzelnen Paragraphen vornehmen. Dann empfehlen wir ihnen als zweitens, dass sie den Zweck beraten und drittens die Tätigkeit des Nationalfonds, ob sofort oder später gekauft werden soll. (BeifalL) Vorsitzender Dr. B o d e n h e i m e r. Es liegt hier ein Antrag des Herrn Dr. Färb stein zur Geschäftsordnung vor. Ueber diesen Antrag werde ich jetzt nicht abstimmen lassen, sondern eine Pause von anderthalb Stunden eintreten lassen. Nach dieser Pause wird die Fortsetzung der Berichterstattung erfolgen. Der erste Punkt der Tagesordnung für die Nachmittagssitzung, welche um drei Uhr beginnt, wird die Abstimmung über den Antrag Levin sein. (Es werden noch einige geschäftliche Mitteilungen gemacht und dann die Sitzung um l1 't Uhr geschlossen.) Donnerstag-Nachmittags-Sitzung. Beginn 3 Uhr 40 Minuten. Krenowitz aus Buenos-Ayres schildert den Zustand der Juden in Argentinien. Die genaue Ziffer der jüdischen Bevölkerung ist nicht festzustellen, belaufe sich jedoch schätzungsweise auf 85—40000 Seelen und zwar ca. 8000 Kolonisten, 10—12000 Juden in Buenos- Ayres und der Rest zerstreut in anderen Städten. 80 Prozent sind russisch-polnische Einwanderer. Die Einwanderung reicht auf die Gründung der Hirsch'schen Kolonien im Jahre 1898. Die Franzosen und Engländer sind meist wohlhabend, allerdings sind dieselben bereits bemittelt hierhin gekommen. Der grösste Teil