Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (28.8.1903)
- Article
- Mittwoch-Nachmittagssitzung
- Date
- 1903-08-28
- Page
- 9 (sequence 3)
- Language
- German
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No. 5 Separat-Ausgabe. „Die Welt" Seite 9 ganisation und Agitation«. Aber eine immer grössere Unruhe gewinnt die Zuhörer und der Präsident ordnet (6.30) eine viertelstündige Unterbrechung an. Wiederaufnahme der Sitzung 7 Uhr. Präsident Dr. Herzl wird bei seinem Erscheinen mit jubelndem Beifall begrüsst. Er erteilt das Wort Sir Francis Montefiore, welcher folgende Rede hält: Rede Sir Francis Montefiores. Meine sehr geehrten Damen und Herren! Hochgeehrter Herr Präsident! Wenn ich mich nun erhebe und das Wort ergreife, geschieht es, um Ihnen einige Beobachtungen über Organisation und Agitation zur geneigten Kenntnisnahme zu bringen. So sehr ich mich auch zu diesem Vortrage hingezogen fühle, so sehr ich auch wünschen würde, gleich damit zu beginnen, kann ich mich dennoch nicht dazu entschliessen, ehe ich dem Vergnügen Ausdruck verliehen habe, dass ich mich erneuert in Ihrer Mitte befinde und Ihnen gesagt habe, wie überaus glücklich ich mich schätze, wieder einmal zwischen gleichgestimmten Herzen mein eigenes schlagen zu hören, mit Bundesgenossen zu harmonieren, deren Seelen gleiche Gefühle, gleiche Gesinnung bewahren — mit einem Worte — wie mich die Tatsache erhebt, in einer grossen Versammlung von Stammesgenossen zusprechen, die alle von dem höchsten und heiligsten Motive geleitet, zusammenkamen, ein Ziel zu verfolgen, welches noch keine andere Vereinigung der Juden zu erreichen im Stande war. Wir, die unsere grosse nationale Bewegung mitzumachen Gelegenheit fanden, wissen doch alle, dass wir jenes segensreiche Mittel sind, den entferntesten Weltteilen die frohe Kunde zu überbringen, dass wir gewinnen müssen, und dass, wenn wir nur Vertrauen in uns selbst bewahren und treu bei unserer Aufgabe bleiben, die Tage des Leidens und der Knechtschaft zu Ende gehen und jene des Ruhmes und der Freiheit ihren Anfang nehmen werden. Wir haben es über alle Massen klar gestellt, dass wir uns auf uns allein verlassen müssen, wenn das Judentum den ihm gebührenden, seiner Vergangenheit und seiner Geschichte würdigen Platz einzunehmen gewillt ist. Haben wir doch das nationale Bewusstsein so zu wecken gewusst, dass wohl jeder Unparteiische schon heute die Tatsache anerkennt, das »Volk Israel« sei eine Nation in des Wortes vollster Bedeutung, eine Nation, an welche wir glauben, zu der wir Vertrauen hegen, eine Nation, welche, wie wir mit Sicherheit voraussehen können, bald im vollem Besitze aller ihrer Rechte und Freiheiten sein wird, eine Nation für sich und untrennbar. Für alle diejenigen, die sich an der Organisation unserer grossen nationalen Bewegung beteiligen, giebt es einen der wichtigsten Faktoren, der volle Berücksichtigung verdient. Es ist dies die verhältnismässig grosse Zahl unser Stammesgenossen, welche Zahl jedoch, wie ich glaube, irrtümlicherweise häufig als für unsere Zwecke hinderlich bezeichnet wird. Oftmals ist von verschiedener Seite die Bemerkung gemacht worden, dass die Stammesgenossen, die sich bisher noch nicht unter unsere Fahnen einreihen liessen, unsere Gegner seien. Nun, die von mir selbst in Gross- Britannien gemachten Erfahrungen haben mir die Ueberzeugung beigebracht, dass dies absolut nicht der Fall ist. Im Gegenteil, ich habe vielfach gefunden, dass viele unserer Stammesgenossen, die innig mit uns und unserer Bewegung sympathisieren, bisher aus verschiedenen Gründen noch nicht offen hervorgetreten sind und wie wir, tatkräftige Anhänger des Zionismus wurden. Die meisten Einwände wurden damit gegründet, dass unsere Ziele praktisch wohl kaum erreichbar scheinen. Wie oft musste ich doch sagen hören: »Die Bewegung der Zionisten ist tatsächlich eine grossartige, heilige Sache — wir würden Euch ja mit dem besten Willen folgen, aber wir befürchten, dass es ihnen niemals gelingen wird, ihr Ziel zu erreichen, dass ihnen hierzu die Fähigkeit abgeht. Unserer Ansicht nach ist ihr Ziel eins von denen, v/elches wohl zu erreichen theoretisch sehr wünschenswert scheint, aber praktisch gar nicht ausführbar ist, und aus diesem Grunde können wrir ihrer Bewegung nicht folgen, obgleich unsere Herzen der Sache und ihnen völlig zugetan sind." Aber andererseits habe ich auch vielfach erzählen hören, dass, wenn solchen Leuten das Wesen des Zionismus erklärt, wenn ihnen auseinandergesetzt wurde, wie sich die Sache denn eigentlich verhält, indem man ihnen die Beweise vorbrachte, dass wir nicht bloss mit Gefühlen, sondern mit gesundem Menschenverstände vorgehen, dass unsere Bewegung von einer grossen Zahl hervorragender Menschen gutgeheisen wurde, die sich in hoher Stellung befinden, die als wissenschaftlich hochgebildet gelten, und dass die Bewegung auch von anerkannt praktisch denkenden Männern als gut bezeichnet wurde — dass dann viele Stammesgenossen, die sich vormals zurückhaltend benahmen, sich alsdann unserer Bewegung anschlössen und unser Heer vergrösserten. Dass noch viele andere folgen werden, davon bin ich vollständig überzeugt, und ebenso ist es gewiss, dass, wenn sie uns ehrlich und aufrichtig Folge leisten, der ihnen dargebotene Empfang von Seiten derjenigen, welche sich bereits als Zionisten bekannt haben, ohne Frage ein herzlicher und sympathischer sein wird. Dann wieder gibt es manche, die sich dem irrtümlichen Glauben hingeben, sie würden, im Falle sie sich an der grossen nationalen Bewegung beteiligen, den Hass und die Verachtung ihrer Mitbürger, das heisst, der Leute, mit denen sie leben und verkehren müssen, nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf das gesamte Judentum lenken. Was nun diese Ansicht betrifft, sei mir denn doch die Bemerkung gestattet, dass wir dieselbe noch nirgends und von keinem verlässlichen Zeugen bestätigt oder bewiesen erhielten. In England haben bei den letzten Parlamentswahlen viele Bewerber schon im vorhinein erklärt, der Zionistenbewegung günstig gegenüberzustehen, und eine grosse Zahl dieser Bewerber haben die bezügliche Erklärung nach erfolgter Parlamentswahl abgegeben. Es steht jedenfalls fest, dass diese Erklärung nicht zur Erlangung von Stimmen, sondern vielmehr behufs Darlegung einer schönen Denkweise und edlen Gefühlen Ausdruck gebend, gemacht wurde. Ich bin davon durchdrungen, dass es kluge und vernünftige Männer in allen Ländern gibt, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes Glaubensbekenntnis sich der Zionistischen Bewegung gegenüber in günstiger Weise ausgesprochen und zugetan gezeigt haben. Es dürfte — so glaube ich mit Bestimmtheit, von der grössten Wichtigkeit sein, festzustellen, dass wir alle Ursache haben, den Triumph des Zionismus als die richtige Lösung der von uns — wegen Mangels eines besseren Ausdrucks — sogenannten »Judenfrage« anzusehen, einer Frage, deren Lösung wahrhaft dringend und von der grössten Notwendigkeit ist, da wir alle, die wir jene