Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 5 (28.8.1903)
- Article
- Mittwoch-Nachmittagssitzung
- Date
- 1903-08-28
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 4 Präs. Dr. Herzl. Die namentliche Abstimmung wird in der Weise vorgenommen, dass ein Buchstabe des Alphabets gezogen wird und danach die Abstimmung beginnt, und es wird immer beim Namensaufruf mit ja und nein geantwortet, ob man für oder gegen den Antrag ist, den ich gleich verlesen werde. Ich bitte die Herren Schriftführer, dies zu übersetzen. (Geschieht). Zur Kontrolle werden hier die Stimmzettel in diese Körbe hineingeworfen. Ich lese Ihnen nun den Antrag vor, der vom grossen A. C. dem Kongresse vorgelegt wird, wozu ich bemerke, dass das A. C, das grosse A. C, als ein Gesamtkörper über diese Sache abgestimmt hat und die einzelnen Mitglieder des grossen A. C. beim Namensaufruf nicht mehr mitstimmen werden. (Lärm). Ich werde Ihnen jetzt den Antrag vorlesen. Erlauben Sie mir nur noch einige Schlussworte dazu zu sprechen. Ich halte es nämlich für eine Pflicht der Führer, einer Verantwortung nicht auszuweichen, sondern sich deutlich dazu zu stellen, und da ich ganz genau weiss, dass das weitere Fortarbeiten mit den grössten Schwierigkeiten verbunden wäre, ja vielleicht unmöglich wäre, wenn die ausserordentlich massvolle Fassung dieses Komiteeantrages nicht durchdringt, so lege ich Ihnen den ganzen Ernst dieser Abstimmung, bevor sie beginnt, nahe. Wir schulden Dank für das grossartige Anerbieten, welches wir bekommen haben; das können wir blos mit Worten oder Tücherschwenken nicht ausdrücken. Unser Dank in einer ernsten Angelegenheit hat vor allem darin zu bestehen, dass wir sie ernst behandeln, und zum Ernst dieser Behandlung ist es unerlässlich, eine Expedition zur Prüfung auszuschicken, unvorgreiflich, wie es Ihnen Herr Dr. Nordau in vollkommen klarer Weise auseinandergesetzt hat, unvorgreiflich den Prinzipien unserer Bewegung und ohne die Beschlussfassung über die Besiedlung selbst dem Kongresse vorweg zu nehmen, und ich mache Sie auf den Schluss dieses Antrages ausdrücklich aufmerksam, bevor ich ihn verlesen lasse. Der Beschluss über die Besiedlung Ostafrikas wird einem eigens hiezu einzuberufenden Kongress vorbehalten. Ich bitte, das, was ich sage, auf russisch zu wiederholen. (Geschieht.) Ich lese jetzt den Antrag vor. Der Antrag des grossen A. C. lautet: »Zur Prüfung der Frage der Ansiedlung des von der englischen Regierung so hochherzig in Aussicht gestellten Gebietes beschliesst der Kongress, eine Kommission einzusetzen. Diese Kommission hat aus neun Mitgliedern zu bestehen, und es ist ihre Aufgabe, dem engeren A. C. mit lediglich beratender Stimme zur Seite zu stehen bei Entsendung einer Expedition nach den zu erforschenden Gebieten. Es ist wohl verstanden, dass die Kosten der Expedition weder von der jüdischen Kolonialbank, noch von der.Anglo-Palästine Company, noch vom jüdischen Nationalfonds entnommen werden dürfen. Ueber die Beschaffung der Mittel hat sich der Finanz- Ausschuss mit dem engern A. C. ins Einvernehmen zu setzen. Der Beschluss über die Besiedlung Ostafrikas wird einem eigens hiezu einberufenen Kongress vorbehalten.« Das ist der Antrag des grossen A. C. Ich bitte den jetzt zu übersetzen. (Der Antrag wird von den Geschäftsführern in die verschiedenen Sprachen übersetzt.) Es wird sodann zum Namensaufruf geschritten. »Trotzdem der Präsident Dr. Herzl jede Kundgebung streng verboten hat, bricht doch beim »Ja« des Herrn Dr. Nordau der Beifall der Majorität los. Die Opposition beklatscht das unmittelbar darauf folgende »Nein« Herrn Dr. Nossigs. Nach Schluss der Abstimmung betraut der Präsident die Herren Bondi, Awinowitzki, Dr. Weizman und Dr. Wortsmann mit der Zählung der Stimmzettel. Dr. Wortsm ann, Basel, fragt den Präsidenten zur Geschäftsordnung, warum er dem Kongress nicht zur Kenntnis gebracht habe, dass nach § 35 kein Delegierter das Recht hat, sich der Abstimmung zu enthalten. Präsident Dr. Herzl bestätigt, dass es keinem in der Sitzung anwesenden Delegierten gestattet ist, sich der Abstimmung zu enthalten. Aber man könne den Herren nicht verbieten hinauszugehen. Man wünsche bloss die Demonstration nicht. — Einr erneute Anfrage D r. Worts manns wird von dem Rufe „So viel weiss jeder" abgeschnitten. Dr. Nossig fragt den Präsidenten unter steigender Aufregung des Kongresses, warum , er zur Abstimmung einen andern Antrag vorgelegt habe, als denjenigen, über welchen die ganze Debatte sich eigentlich ergangen hat. Man habe während der Debatte nur darüber zu sprechen gehabt, ob eine Kommission zu wählen sei oder nicht. Der Antrag aber gehe dahin, dass diese Kommission dazu berufen wäre, dem A. C. als beratende Körperschaft zur Seite zu stehen zum Zwecke der Veranstaltung einer Expedition. Er habe für eine Kommission stimmen wollen aus Höflichkeit gegen England, aber nicht für eine Expedition. Er glaube, dass viele der Anwesenden durch diesen zweiten Antrag in Verwirrung gebracht worden seien. (Grosse Unruhe.) Präsident Dr. Herzl. Ich habe in der Einleitung dieser Abstimmung diesen Vorwurf abgelehnt. Der Gegenstand wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Man kann also nicht sagen, dass es ein plötzlich in den Kongress hineingeworfener Antrag war; ganz abgesehen davon, dass wir jetzt schon längere Zeit hindurch immer über diesen Gegenstand gesprochen haben, und dass seit meiner Eröffnungsrede ununterbrochen auf diesen Punkt hingewiesen worden war. Dann ist es eine starke Zumutung, wenn Sie sagen, dass in der Abstimmung 450 — 500 Delegierte — die sowohl, die mit Ja, als die, die mit Nein gestimmt haben — nicht gewusst haben, worüber sie abgestimmt haben. Endlich möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass dieser Antrag, den Sie doch, das nehme ich an, wohl verstanden haben, einen Antrag auf Erforschung und nicht mehr darstellt. Ja, wenn Sie glauben oder wenn sie gewohnt sind, Gebiete aus ihrem Zimmer zu erforschen, dann unterscheiden sich unsere Ansichten wesentlich. Ich glaube, dass man etwas anders gründlich erforscht, als wenn man zuerst darüber schreibt. (Beifall). Ich betrachte diesen Zwischenfall als erledigt und teile dem Kongresse mit, dass der Antrag angenommen worden ist. (Dröhnender, minutenlanger Beifall: Bravorufe, Händeklatschen, Tücher- und Hüteschwenken.) Die vorläufigen Ziffern sind: Ja 295, Nein 177. (Erneuter langanhaltender Beifall.) Nach einer kurzen Pause fährt der Präsident fort: Ich teile Ihnen mit, dass ich von einigen Mitgliedern des grossen A. C. folgende Erklärung bekommen habe: Die unterzeichneten Mitglieder des grossen Aktionskomites erklären hiemit, dass sie in der Sitzung des Aktionskomites gegen die Entsendung der Expedition gestimmt haben: Tschlenow, Temkin, Bernstein - Kohan, Belkowski, Jakobsohn, Bruck, Goldberg. In diesem Moment verlassen die Genannten unter dem Beifallsturm der Minorität die Tribüne und den Saal. Mit ihnen geht die ganze' Minorität. Als die Ruhe wieder hergestellt ist, besteigt Sir Francis Montefiore unter lebhaftem Applaus das Rednerpult zur Vorlesung seiner Rede über »Or-