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Die Welt · 1903-08-27 · 4 (27.8.1903) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
4 (27.8.1903)
Article
Dienstag-Nachmittagssitzung
Date
1903-08-27
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die Welt" Separat-Ausgabe. No. 4 Nach Nordau war die notwendigste Bedingung zur Erlangung Palästinas der Volkswille; der Wille von 12 Millionen Menschen ist ein Faktor, mit dem praktische Politiker rechnen müssen. Diese Vorbedingung ist nicht eingetroffen. Bei der Anhörung des Eechenschaftsberichtes jubeln wir, wenn wir hören, dass wir um so und so viel Prozent Zionisteh mehr geworden sind. Im Vergleich zu den Nichtzionisten sind wir doch nur eine Minorität. Dieser Volkswille ist noch nicht da. Der Ausdruck, dass wir die Repräsentanten des jüdischen Volkes sind, kann nur in einem philosophischen Sinne gesagt werden. Der Ausdruck Volkswille ist abstrakt. Uebersetzt heisst es: Greld. Wir haben kein Geld. Bei Gründang der Bank hatten wir kaum die Summe, welche notwendig war, um die Bank fundieren zu können. Wir haben die Führung unserer Führer anders verstanden. Wir haben geglaubt, wir sollen unter den Führern der Völker gute Stimmung machen, damit zu jener Zeit, wo wir fertig werden, auch die andern für uns gewonnen sind. Wir haben vor der Erlangung eines Charters gezittert, denn wir waren noch nicht fertig. Man hat gesagt, der Charter sei ein ungeheures Agitationsmittel. Das ist nicht eingetroffen. Haben wir keine anderen Agitationsmittel? Sie werden sagen: Volkswille, Geld. Brauchen wir für Ostafrika keinen Volkswillen, kein Geld? Man denkt sich, für Ostafrika würden wir das Geld nicht beim jüdischen Volke nehmen, sondern zur Ica gehen. Man will, dass man unseren Führer zur Ica und andern reichen Juden schicke, um zu betteln. Unser Führer ist bei der Ica freundlich empfangen worden. Was waren die Resultate? Dieselben wie bei den andern. Die Ica hält an ihrer Methode fest: Alle Sympathien, aber kein Geld. Also in dem einen wie in dem andern Falle müssen wir unsere Arbeit fortsetzen, den Rat Dr. Nordau's befolgen. Unsere Arbeit ist, einen Volkswillen zu schaffen, den Zionismus zu vertiefen, Agitation zu machen, oder: «die Organisation.» Ich werde mich jetzt nicht darauf einlassen, wie wir das machen sollen. Aber unsere Aufgabe ist es, unsere Ideale festzuhalten und diejenigen Mittel zu bekommen, welche zur Erreichung des Ideals nötig sind. Wir können Palästina wirklich nicht haben, so lange wir keinen Volkswillen haben, d. h. viele Juden, die opferwillig sind, und so laüge wir nicht der türkischen Regierung und dem türkischen Volke Nutzen in der Gegenwart werden versprechen können. Wir haben keinen Grund zu sagen, dass etwas misslungen ist. Die Unternehmung Dr. Herzls konnte noch nicht gelingen. Das spricht durchaus nicht gegen zukünftige Erfolge. Jetzt will ich noch einige praktische Vorschläge besprechen. Ich habe die Meinung äussern gehört, es wäre eine Undank« barkeit von uns, wenn wir einen Antrag, der uns humanitätsvoll dargeboten wird, nicht annehmen wollten. Ich bin kein Diplomat, aber in gewissen Dingen können wir doch eine diplomatische Meinung haben. Das grossmütige englische Volk wird uns übel nehmen, dass wir in diesem Saale diese Frage nach unserin Gutdünken behandeln? Das ist nicht richtig. Wir sind erfüllt von Dankbarkeit für das englische Volk. Aber wir-haben auch ein jüdisches Volk. Dieses wird in seinem durch seine Leiden hervorgerufenen Optimismus unbedingt glauben, dass der Kongress ihm etwas versprochen hat, das er auch zu halten verpflichtet ist. Wenn der nächste Kongress nichts bringen wird, wird eine ungeheure Enttäuschung entstehen, über die wir die Verantwortung nicht auf uns nehmen können. Was wird das Volk sagen? Palästina nicht! El Arisch nicht! Ostafrika wahrscheinlich nicht! Es dürfen nicht Anträge gestellt werden nur zu dem Zwecke, dass etwas gesagt werde. Das Präsidium beantragt die Einsetzung einer Kommission. Gegen eine momentane Kommission hier am Kongresse habe ich nichts einzuwenden, wohl aber bin ich nicht einverstanden mit einer ständigen. Es werden Anträge gestellt, der Kongress solle durch Dr. Herzl die Sache anderen jüdischen Institutionen übergeben, z. B. der Ica. Jedenfalls werden wir uns lächerlich machen, wenn wir darüber Beschlüsse fassen, was die Ica tun soll. Ich erinnere an die in Odessa gefassten Beschlüsse darüber; was die Ica in Paris tun solle. Wiederholen wir diese Fälle nicht noch einmal! Es wurde beantragt, einen allgemeinen Judenkongress einzusetzen. Man sagt: «Als Zionist muss ich so sagen, als Jude anders.» Dies ist ein gefährlicher Satz, den ich bekämpfe, d. h. dass wir eine Partei unter den Juden bilden, wo die Parteiinteressen den jüdischen widersprechen. Damit: haben wir das ganze Baseler Programm nicht dem Wortlaute nach, wohl aber dem inneren Sinne nach verletzt. Sulzberger spricht englisch. Dr. Nordau übersetzt. Herr Sulzberger empfiehlt die Annahme des Vorschlages der Ostafrikakolonisation (Beifall). In England leben zur Zeit 110,000 Juden auf 40 Millionen Einwohner, das genügte, um die Einsetzung einer der Fremdeneinwanderung ungünstigen Kommission herbeizuführen. In New-York leben 540,000 Juden. Glauben Sie, dass, wenn diese Zahl in weitern zwanzig Jahren sich vermehrt wie in den letzten zwanzig, nicht auch in Amerika eine Bewegung gegen die Einwanderung nicht erwünschter Fremden entstehen würde? Er für seinen Teil freue sich über den Charakter und die Stärke der bisherigen Einwanderung; aber er sei nicht der Vertreter der Meinung der meisten amerikanischen Juden. Für viele sei die Last, die durch das Anwachsen der Einwanderung armer osteuropäischer Juden auf ihre Schultern gewälzt worden, ist so ungeheuer, dass sie sie zu zermalmen drohe. Und was würde es bedeuten, wenn die Tore der Vereinigten Staaten sich vor den Juden verschlössen? Eine der Grosstaten der amerikanischen Diplomatie war im vergangenen Jahr die Note des Sekretärs für die auswärtigen Angelegenheiten, Mr.Kay, an die rumänische Regierung, um ihr wegen der Behandlung der Juden Vorstellungen zu machen. Es waren darin schöne, unvergessliche Worte. Aber die Grundlage dieser Note war die Besorgnis vor der gesteigerten Einwanderung von Juden nach Amerika. Bauen Sie nicht allzustark auf den unerschütterlichen guten Willen der Vereinigten Staaten, Wenn sich Ihnen eine Gelegenheit darbietet, ein anderes Obdach zu finden — um alles in der Welt nehmen Sie es an. Ehe ich Zionist bin, bin ich Jade, bin ich Mensch. (Beifall.) Als Zionist, als Jude, als Mensch sage ich: Wenn Sie die Gelegenheit haben, Menschen zu retten, tun Sie es, um alles in der Welt. Wenn Sie das grossherzige Anerbieten der englischen Regierung ablehnen, glauben Sie denn, dass noch jemals irgend eine Regierung der Welt einen Finger aufheben würde, ein Volk zu retten, das sich nicht selbst retten will, -das die Türe zuschlägt, die man ihm öffnet? (Grosser Beifall). Hs * * Dr. Herzl, Präsident: Es liegen folgende Anträge zur Geschäftsordnung vor: Antrag von Dr. P a s m a n i k : Da die Ost- Afrika-Frage bereits ausführlich in den verschiedenen Landsmannschaften besprochen worden und somit allen genau bekannt ist, beantrage ich, Generalredner zu wählen, und zwar zehn, von denen jeder nur 15 Minuten sprechen darf. Antrag Schnelling: Die zur Ost - Afrika- Frage vorgemerkten Redner mögen Generalredner wählen. Antrag.Am rein: Da über Ost-Afrika in den verschiedenen Landsmannschaften schon genügend gesprochen worden ist und verschiedene Resolutionen gefasst worden sind, so soll die Redezeit auf 20 Minuten beschränkt werden. Antrag Cohen: Die Eedezeit ist auf 5 Minuten zu beschränken. Antrag Friedemann: Die Redezeit ist auf 5 Minuten zu beschränken, diejenige der noch zu wählenden Generalredner auf 10 Minuten. Dr. T r i e t s c h : Es wäre vollkommen unangebracht, wollte man bei dieser wohl der wichtigsten Frage des Kongresses die Redezeit beschränken. Jakobsohn spricht gleichfalls gegen Beschränkung der Redezeit Hell. Eosenbaum: Es sei eine Aussprache über diese prinzipielle Frage unbedingt notwendig. Er beantrage jedoch, dass jede Landsmannschaft einen Redner pro und contra wähle mit unbeschränkter Redezeit. Präsident benWkt, dass die Beschränkung auf 5 Minuten Redezeit viel mehr Rednern Gelegenheit zum Sprechen gibt und dass 'man in 5 Minuten das "Wesentliche eines sehr grossen Gedankens ausdrücken könne. Es wird sodann abgestimmt.

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