Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 4 (27.8.1903)
- Article
- Vormittagssitzung
- Date
- 1903-08-27
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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No. 4 Separat-Ausgabe. „Die Welt« Seite 3 Jahr die jüdische Bevölkerung dort gewaltig zu. J>ie andern Mittei wareti ebenfalls utopisch. Sie haben versucht, uns eine andere Kultur einzuimpfen. Durch die Schulen, welche die Alliafice gegründet hat, ist nur eines erreicht worden, dass ihre Schüler die jüdische Kultur abgestreift haben, dagegen nur etwas französisch,, deutsch oder englisch gelernt, und auch die gegründeten Fachschulen haben bis jetzt vollständig Fiasko erlitten. Was die Kolonisation betrifft, die die Alliance eingeleitet hat, so hat Herr Leven selbst den Stab darüber gebrochen; er hat erklärt, dass die Ica nur Musterkolonien gründen will; aber es muss bemerkt werden, dass die Kolonien der Ica bis jetzt durchaus keine Musterkolonien sind, und wenn sie es auch Wären* noch nie ist durch Musterkolonien ein städtisches Proletariat zur Landwirtschaft hinübergeführt worden. Leven selbst sagt: «Wir glauben an die Zukunft und an den Triumph der Prinzipien von 1789.» Wenn man sich darauf verlässt, so ist es unnötig, dass man ein Vermögen von so und so vielen Millionen hat, dass man so und so viele Mitglieder hat und Jahresberichte herausgibt. Durch eine Revolution wird die Lage des jüdischen Volkes nicht gebessert, und gegen die Politik, welche die Ica getrieben hat, müssen wir energisch protestieren. Auch wir werden kolonisieren; denn durch die Kolonisation allein werden alle wirtschaftlichen, physischen, kulturellen und politischen Fragen geregelt und deshalb müssen wir dafür sorgen, dass alle Kräfte, die dem jüdischen Volke zur Verfügung stehen, gebraucht werden. Um zu kolonisieren, dürfen wir auf keine Hilfe verzichten, auch nicht auf die Hilfe der philantropischen Gesellschaften. Wenn sie uns ihre Hilfe versagen, müssen wir Rekurs einlegen bei denjenigen, die ihnen die Vollmachten gegeben haben, das sind die Mitglieder der Gesellschaften, die die Administration der Ica stellen. Aus den Zahlen, die die Alliance veröffentlicht hat, scheint hervorzugehen, dass 8 °/o der Wähler für uns gestimmt haben, die übrigen für die offizielle Liste. Die Alliance hat aber selbst erklärt, dass sie in verschiedenen Landes- und Lokalkomitees die Wahl nicht veranstaltet hat. Wir hingegen sind bei dieser Wahl in den meisten Gegenden und Städten nicht in den Kampf gezogen. In Amerika, der Schweiz, Türkei, Rumänien, Bulgarien, an der Küste des Mittelmeeres haben wir weder eine Kandidatenliste ausgegeben, noch eine Agitation veranstaltet. Es ist da, wo von unsern Vertrauensmännern gearbeitet worden ist, die Majorität erreicht worden. Ich erinnere an die Resultate, die erzielt wurden in Mannheim, Venedig und Mülhausen, wo tatsächlich seitens der Zionisten gearbeitet wurde. Die Alliance hat alles mögliche versucht, um einen zionistischen Sieg hintanzuhalten; es kam von Paris der Befehl, uns in keiner Weise die Mitgliederliste mitzuteilen. Trotz alledem können wir mit dem Resultate zufrieden sein. Für uns kommt es darauf an, dass wir in Zukunft nicht nur auf Sympathien, sondern auch auf Ihre Tätigkeit rechnen können. Deshalb müssen die zionistischen Mitglieder der Alliance alle ihnen zur Verfügung stehenden Rechte ausnützen. Sorgen wir dafür, dass die Wahlen regelmässig stattfinden; stellen wir regelmässig Kandidaten auf, dann werden wir eine wichtige zionistische Vorarbeit leisten. Ich möchte deshalb zum Schluss den Antrag stellen: «Der Kongress verpflichtet alle zionistischen Mitglieder der philantropischen Gesellschaften, den ihnen gebührenden Einfluss möglichst zur Geltung zu bringen.» (Stürm. Beifall.) Präsident Dr. Herzl macht geschäftliche Mitteilungen, ladet insbesondere dringend zum Besuche des jüdischen Schauturnens und zur Besichtigung der Statue des Bildhauers Beer: Schemah Jisroei und des «Goldenen Buches» ein. Dr. Nobel bedauert, dass von Herrn Zangwill doch die religiöse Frage berührt worden ist, (Protest- und Schlussrufe). Zangwill (von rauschendem Beifall begrüsst) erwidert, er habe keinen Augenblick den Gedanken gehabt, von der Religion zu sprechen. Aber es ist die Eigentümlichkeit der Verfassung des jüdischen Volkes, dass darin Religion und Politik unlösbar miteinander verquickt sind. Er habe lediglich die politische Seite betrachten wollen. Er verehre als den Festleger der Grundsätze der jüdischen Religion nach der Zerstörung des Tempels Jochanan ben Sakkai genau so wie irgend ein frommer Jude. Aber Rabbi Jochanans Tat war sowohl politisch wie religiös. Er nehme als Recht des Geschichtskritikers in Anspruch, lediglich ihre politische Seite zu erörtern, und er meine, dass, wenn es ganz unzweifelhaft ist, dass Rabbi ben Sackai die jüdische Religion gerettet hat, ebenso unzweifelhaft er das jüdische Volk 1800jährigem Leiden übergeben hat. (Grosser Beifall). Präsident Dr. Herzl schliesst nach einigen weitern geschäftlichen Mitteilungen die Sitzung um 123/4 Uhr. Dienstag- Nachmittagssitzung. Beginn 5 Uhr. Präsident Dr. Herzl. Rabbiner Dr. Nobel verliest folgende Erklärung: Die Misrachim und ihre Gesinnungsgenossen legen hierdurch aufs nachdrücklichste Verwahrung ein gegen diejenigen Abschnitte in der Rede Zangwilis, in denen religiöse Probleme in einer für das jüdisch-religiöse Bewusstsein verletzenden Weise besprochen wurden. Sie geben der bestimmten Erwartung Ausdruck, dass in Zukunft die Aufwerfung solcher Fragen auf dem Kongresse vermieden werde, indem sie darin die erste Vorbedingung für ein gedeihliches brüderliches Zusammenwirken aller Zionisten erblicken. (Bravo! Zischen,) Zangwill (englisch) verteidigt sich damit, dass die Rede keine religiöse, sondern eine volkswirtschaftliche gewesen sei. Er habe die Orthodoxen durchaus nicht angreifen wollen, betrachte sie vielmehr durchaus als seine Brüder. Wenn er im Gleichnis an Ben Sakkai erinnert habe, habe er an den lebendig Begrabenen gedacht, das sei der Geist des jüdischen Volkes, der das jüdische Volk lebend erhalten habe. Marin selbst habe mehr gegen Ben Sakkai gesprochen als er, Zangwill. Der Uebersetzer der englisch gesprochenen Rede Zangwilis erklärt, er sei überzeugt davon, dass Zangwill Ben Sakkai ebenso dankbar sei für die Erhaltung des Judentums wie die Misrachim (Beifall). Präsident: Damit ist dieser Zwischenfall hoffentlich erledigt (Beifall). Es werden einige Eintragungen ins goldene Buch verlesen. Dr. A.Marmorek: Der Permanenz ausschuss hat seinen Präsidenten beauftragt, zu erklären, dass in der «Welt» sich Unrichtigkeiten im Berichte über den Permanenzausschuss jedoch ohne Verschulden der Redaktion eingeschlichen haben. Ferner: zur Wahl in den Finanzausschuss werden vorgeschlagen G. K o h e n, Hamburg, Moses, Frankfurt a. M., D. Wolffsohn, Köln, Ginsberg, Riga, Markus, Florenz, Jos. C o w e n , London, Dr. Katzenellensohn, Libau, J. Veit, Basel und Isidor Gewitsch, Wien. Ich bitte die Wahl durch Akklamation vorzunehmen. Geschieht. Präsident: Wir treten jetzt in die Diskussion über Ostafrika ein. Dr. Rosenbaum: Ich will bei dem Punkte anfangen, wo ich gestern aufgehört habe. Vorher noch eine Bemerkung: In dieser Frage möchte ich nicht diejenige Seite berühren, die auf unsere Gefühle einwirkt. In den Landsmannschaften ist die Frage schon allseitig diskutiert worden. Als ich sagte, wir könnten die Juden auch nach Amerika und andern Ländern schicken, habe ich «Nein» gehört. Damit bin ich einverstanden. Wir müssen Palästina haben. Wenn die reichen Juden, die Philanthropen, die armen Juden kolonisieren wollen, so geschieht das eigentlich so: Die Reichen können die leidende Armut nicht mit ansehen und suchen deshalb einen entfernten Winkel der Erde aus und schicken die Armen dorthin, damit man sie nicht sieht, damit man nicht immer Mitleid haben muss. Das wollen wir nicht. Wir wollen mit ihnen zusammen gehen. In dem Momente, wo wir sagen, wir wollen für eine Gruppe von Juden ein Nachtasyl finden (und zwar ein Asyl für eine finstere Nacht!), sind wir die Philantropen, gegen die wir so viel geschrieben und gesprochen haben. Gesetzt den Fall, wir können Palästina haben und man trägt uns Ostafrika an, so würden wir uns einstimmig für Palästina entscheiden. Infolgedessen muss die Frage so gestellt werden: Ist es richtig, dass wir Palästina nicht haben können? Ich sage ja! In absehbarer Zeit, d. h. in der Zeit, wann wir es nötig haben. Ich bitte, sich ruhig zu verhalten, wenn ich auch Dinge sage, wobei Sie mich unterbrechen möchten.