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Die Welt · 1903-08-26 · [Sonder-Ausgabe]l (26.8.1903) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
[Sonder-Ausgabe]l (26.8.1903)
Article
Montag-Nachmittagssitzung
Date
1903-08-26
Page
10 (sequence 7)
Language
German
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Seite-10 „Die Welt" Separat-Ausgabe. Nr. 3 Er sprach ebenso von mehr oder weniger wohlwollenden Absichten gegenüber dem jüdischen Volke im allgemeinen und unserem nationalen Gefühl im besondern. In aribetracht des ausserordentlichen Interesses, welches man dem Ausdruck solcher Gefühle in einer solchen Art beilegen muss, möchte ich Herrn Dr. Herzl auffordern, ob es ihm möglich ist, unter Beobachtung aller «nötigen Reserve hier zu sagen, in welcher Form solche Gefühle ihm gegenüber ausgedrückt worden sind, oder, um mich genauer auszudrücken, ob ihm bloss eine diesbezügliche mündliche Mitteilung geworden ist, oder ob man ihm diese Aussichten in irgend einer andern Torrn ausgedrückt hat. Dr. Herzl. Auf diese Frage kann ich antworten, dass ich im Besitze eines schriftlichen Dokumentes bin. Ob ich diese Dokumente dem Kongress vorlegen kann und werde, das scheint mir zunächst in einer Beratung des grossen A. C. erörtert werden zu sollen. Ich werde daher das grosse A. C, das wir für einen andern Zweck heute abend einberufen wollten, für diese Zwischenversammlung einberufen, und Ihnen morgen die Antwort geben, zu der ich vom grossen A. C. ermächtigt worden bin. Dr. Nordau macht noch einige geschäftliche Mitteilungen betr. Versammlung der verschiedenen Landsmannschaften. Zionismus und Wohltätigkeitsanstalten. Eine nationale Bewegung wie die unsere muss wie ein Mann fortschreiten und nicht ein Mann wie eine nationale Bewegung. Ich wünsche jedoch selbst die Ver^. antwortung für meine Folgerungen, die ich für das logische" w Resultat einer Generalübersicht über zerstreute Erscheinungen halte, auf mich zu nehmen. Wir wissen wa^, Zionismus ist. Was aber sind Wohltätigkeitsanstatten?^- Wohltätigkeitsanstalten sind das äusserlich sichtbare Zeichen^ der Fehlerhaftigkeit eines sozialen Organismus. In einer % vollkommenen Gesellschaft würden solche nicht existieren. Auch bei den jetzigen Verhältnissen gibt es in jeder ge sellschaftlichen Organisation breite Schichten, wo solche nicht bestehen. In der Tat ist die Linie der Wohltätigkeit zugleich die untere Grenze der ihrer Würde sich bewussten Klassen. Die Anstrengungen der Sozialreformatoren sollten darauf gerichtet sein, nicht sowohl die Wohltätigkeitsarbeit auszubilden, als sie vielmehr unnötig zu machen. Wenn man in die ungeheuren Leiden des Judentums einen Einblick tut und bedenkt, dass die Juden eigentlich nach der Stufe ihrer Organisation tieferstehen als selbst die Ameise oder die Biene, da sie weder einen Bienenkorb noch einen Ameisenbau besitzen, so möchte man fast alles Unglück des Juden eben diesem Mangel eines eigenen Territoriums zuschreiben. Israel hat in der Geschichte stets den Odysseus dargestellt und Homer gibt uns über diesen Punkt die Meinung des Odysseus wieder: Der erfindungsreiche Odysseus antwortete sodann: Nichts kann einer menschlichen Rasse soviel Un- . glück bringen, als Mangel an Heimatsland und stetes Wandern von Ort zu Ort Wenn wir aber bedenken, dass wir selbst in Ländern wie Frankreich oder Amerika doch überall »die Armen bei uns haben«, so ist es klar, dass wir, um die Bilanz herzustellen, inwiefern die Schuld all dieser Leiden des Judentums dem Fehlen an eigenem Boden zugeschrieben werden kann, die allgemeinen Uebel erst sorgfältig von der Rechnung abziehen müssen, mit denen die Wohltätigkeitsarbeit sich überall befasst: Uebelstände, welche noch kein Land aus seinem Organismus ganz hat ausrotten können. Ich für meinen Teil bin überzeugt, dass diese schwarzen Flecken, die allen zivilisierten Gesellschaften anhaften, wissenschaftlich rationell behandelt, stark reduziert, wenn auch nicht ganz getilgt werden können. Nie würden sich soviele unserer Hoffnungen auf den Zionismus konzentriert haben, wenn dieser nicht d i e Hoffnung in sich trüge, dass einst der jüdische Staat der Welt die Lösung dieser sozialen Probleme wird bieten können und dass jene Rasse, deren erster Gesetzgeber allen andern Gesetzgebern zugleich in Wissenschaft und Erbarmen so unendlich weit vorgeschritten war, wieder einmal einen Steuermann hervorbringen werde, der sie im Lichte der neuen Wissenschaft und der alten Liebe durch neue Zeiten glänzend führen wird. Untreue än den Grundsätzen unseres grossen Lehrers Moses wäre es, wenn wir nun nicht jede moderne Arbeitsmethode ins Werk setzten, um das Ideal eines »gesunden Geistes in einem gesunden Körper« zu verwirklichen und für das Gedeihen nicht sowohl irgend einer bevorzugten Schichte, sondern der Gesamtheit als solcher zu sorgen. Auch bin ich fest davon überzeugt, dass selbst unter denjenigen Wohltätigkeits-An stalten, von denen ich wohl annehmen will, dass sie dem Mangel an einem eigenen Heimatlande nicht zuzuschreiben sind, viele bestehen, deren Tätigkeit stark eingeschränkt werden könnte, wenn die Juden wiederum zu einem Volk auf eigenem Boden würden, abgesehen davon, dass eine bessere Organisation des sozialen Wesens solche überhaupt vermindern würde. Dass viele s/on diesen Institutionen zum Teil dasselbe Tätigkeitsgebiet haben, eine jede in die Sphäre einer andern übergreift und alle einander ins Handwerk pfuschen, das ist eine Tatsache, die ich, obgleich sie gewiss wahr ist, ebenfalls nicht weiter besprechen will. Ihre Sache ist es, ihre allseitige Einheit zu bewerkstelligen, insofern dies praktisch möglich ist, etwa nach dem Beispiel, das ihnen jüngst von der Federation der jüdisch-amerikanischen Wohltätigkeitsanstalten gegeben wurde. Selbst wenn sie sich zur zionistischen Bewegung abkehrend verhalten, so dürfen sie doch von dieser Einigkeit und Konzentrierung lernen. Es ist dies charakteristisch für Juda, dass erst eine Katastrophe wie die von Kischineff eintreten muss, wenn seine philantropischen Korporationen auf den Gedanken kommen sollen, ihre Kräfte zu vereinigen. Ja, selbst bei der kürzlich nach Berlin einberufenen internationalen Konferenz über Kischineff, wo unserm Zionistenkongress die Ehre einer schmeichelhaften Nachahmung zu Teil wurde und wo sich Repräsentanten der Jewish Coloniziation Association mit Mitgliedern der Alliance Israelite, der Anglo-Jewish Association, der israelitischen Allianz zu Wien, ebenso wie der Hilfsvereine der deutschen und russischen Juden u. s. w. u. s. vv. zusammenfanden, wurde im Voraus grundsätzlich bestimmt, dass keine einzige der von der Konferenz angenommenen Resolutionen für die dort vertretenen Korporationen bindend sein sollte. Wir mögen dieses gegenseitige Misstrauen bedauern, wie wir die Eifersüchteleien zwischen den verschiedenen Hilfsvereinen der deutschen Juden und der deutschen Zweige der Alliance beklagen, allein fern sei es von uns, dass wir den philantropischen Wert der Tätigkeit all dieser Institutionen leugnen, wenn diese auch eine volkswirtschaftliche Verschwendung bedeuten. Insofern jedoch, als diese Institutionen eine Thätigkeit ausüben, die unnötig würde, wenn wir ein eigenes Land hätten, die aber, wie die Dinge jetzt stehen, ewig zu währen verspricht, gleichwie wenn man in ein löcheriges Fass giessen wollte, so haben wir das Recht zu verlangen, dass die Lösung dieses Problems höher gefasst werde und zwar so, dass das Loch im Fasse gestopft wird. Wenn indessen auch diese Körperschaften fortfahren, an diesem Problem herumzubasteln und es fort und fort nur provisorisch zu lösen, indem sie immerwährend Fehler gut zu machen haben, die sie ein für alle mal hätten vermeiden können, so müssen wir doch

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