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Die Welt · 1903-08-26 · [Sonder-Ausgabe]l (26.8.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
[Sonder-Ausgabe]l (26.8.1903)
Article
Montag-Vormittagssitzung
Date
1903-08-26
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Die Welt« Separat-Ausgabe. No. 3 Stühlen balanciert, bald ist es die alte Politik, bald machen sich netie Tendenzen kund. Wir hingegen haben einen weiten Vörsprung vor diesem Herren, weil wir nicht auf zwei Stühlen balancieren nnd wissen, was wir wollen, und sind darum mit vielem nicht einverstanden, was in Dr. Nordaus Rede stand, wohl aber begrüssen wir diese neuen Tendenzen, die in derselben Eichtung liegen, in welcher wir bereits zu arbeiten angefangen haben und fortfahren werden; doch auch das ist nicht geeignet hier zur Diskussion zu kommen, nur möge man allen Stimmungen und Tendenzen im Zionismus Eechnung tragen. Diejenigen, die an der Spitze des Zionismus stehen, müssen immer im Auge behalten, dass sie nicht die einzigen Repräsentanten des Zionismus sind, dass neben ihnen andere sociale Klassen, andere Ideologen, andere Menschen mit andern Auffassungen der Dinge und Welt im Zionismus sind. Es muss alles vermieden werden, was die freie Entwicklung der andern Tendenz hemmen würde. Dagegen begrüsse ich mit Freuden die Idee der Kolonisation Ostafrikas auf dem Boden einer jüdischen Autonomie. Wenn Sie die Tragweite dieser Idee ermessen werden, kann dieser Kongress ein Wendepunkt in der jüdischen Geschichte werden. (Bravo.) Es ist unsere Aufgabe, dieser Sache uns mit grossem Ernst zuzuwenden und die meisten im Saale weiden mir zustimmen. Ich wünsche, dass hier die Stimmung in dieser oder jener Eichtung kundgegeben werde: die Debatte soll nicht abgeschlossen werden und ich bin überzeugt,- dass alle fortschrittlichen Elemente im Zionismus diese Idee mit Begeisterung begrüssen. (Lebhafter Beifall.) Dr. Klee. Ich meine, wir haben allen Grund, Herrn Dr. Syrkin von ganzem Herzen dankbar zu sein, dass er uns den Unterschied ad oculus demonstriert hat zwischen Opposition und Opposition. Dr. Nossig hat zweifellos recht, wenn er sagt, dass man Führer kritisieren muss, aber es giebt einen persönlichen und einen parlamentarischen Takt, der die Grenze vorzeichnet, wo diese Kritik aufhören muss und wenn Dr. Nossig vor einer Versammlung von 700 Menschen von denen ungefähr 500 Kongress delegierte sind, von unsern Führern sagt, dass ihre Art zu arbeiten eine jüdische „Chuzboh" ist, dann haben wir keine Verpflichtung. . . . Dr. N o r d a u. Sie haben sich eines Ausdruckes bedient, den ich nicht als parlamentarisch anerkenne. Dr. K1 e e. Ich bin mitten in der Sache; denn jetzt begann das praktische Programm des Dr. Nossig und das begann mit einem Verg eich unseres Zionistenkongresses mit einem europäischen Parlament. Durch unsere Führer sind wir etwas geworden in der Politik, aber der Zionistenkongress steht heute noch nicht in einer Linie mit einem massgebenden Parlament einer europäischen Macht nnd ein blau-weiss Buch-, das in einem europäischen Parlament selbstverständlich wäre, könnte an mancher politisch massgebenden Stelle als grobe Taktlosigkeit empf nden werden, heute sind wir noch nicht, was wir alle w^rdtn ii Öchten. S<> meine ich, mü-sen wir uns in der Beurteilung der aut-wär igen Polit k Enserve auferlegen. Es darf auch in unseren Gruppen das Laienelement nicht ausschlaggebend sein, sondern man soll allein auf Fachleute hören. Dann hat Dr. Nossig eine Art Kleii kolonisation vorgeschlagen, von der ihm bereits Hr. Syrkin genügend deutlich gesagt hat: das ist rückständig. Für diese Art von K<»Ionisation hätten wir unsern Apparat nicht nötig gthabt, dazu hätten wir nicht das jüdische Volk aufzurufen brauchen in der Welt. Der Vergleich mit England scheint mir naiv. England hat im Hinteigrunde seine Kanon tn, und wenn es eine Kolonie um die andere vorschiebt und systematisch verbindet, so hat es seine Wehrmacht im Hintergrund. England kann solche Politik sich leisten. Wenn wir so handeln werden, können wir eine öffentlich-rechtliche Sicherung auf nationaler Basis nicht erreichen. Dr. Syrkin hat vollkommen recht, wenn er sagt, dass in dem Afrika - Vorschlage etwas ungeheuer Bedeutsames liegt. Hier ist die Anerkennung des jüdischen Volkes als nationaler politischer Faktor und die Bereitwilligkeit, diesem als national-politischen Faktor anerkannten jüdischen Volke eine nationale Konstruktion zu geben. Ich würde es nicht für richtig taktisch halten, wenn wir uns hier über die Einzelheiten dieser Frage aussprechen würden. Wir werden gut tun, eine Kommission zu wählen aus allen Landsmannschaften und ihr das vorlegen zu lassen, was für eine Beurteilung der Sache nötig ist. Aber das muss in dieser Stunde doch ganz scharf betont werden, dass diese Konzession Englands der bedeutendste Fortschritt ist, den wir haben machen können, tausendmal hervorragender, wie wenn wir eine Eeihe von kleinen zerstreuten Kolonien im Orient irgenwo schüfen. (Lebhafter Beifall.) Noch eins zum Schluss: Dr. Syrkin hat von Anschauungen gesprochen, die heute vorzubringen noch nicht Zeit sei. Auf diese Dinge werden wir antworten, wenn der Moment da ist; verläufig aber darf ich sagen: diese Opposition von heute sei herzlich willkommen. Der Präsident Dr. H e r z 1 macht einige geschäftliche Mitteilungen und schliesst die Sitzung um l1/* Uhr. Montag-Nachmittagssitzung. Beginn 31/« Uhr. Präsident Dr. Nordau gibt zunächst einige geschäftliche Mitteilungen. Dr. Victor Jakobsohn verlangt für Rosenbaum so gut wie für Dr. Klee und Dr. Syrkin das Recht, ihre Rede zu Ende führen zu dürfen. Angenommen. Gronemann stellt zur Geschäftsordnung im Namen der deutschen Landsmannschaft folgenden Antrag: Die deutsche Landsmannschaft beantragt, die Debatte über den Rechenschaftsbericht des A. C. unter Ausschluss des Versprechens resp. Angebotes der britischen Regierung fortzusetzen, und zunächst die Berichte der einzelnen Landsmannschaften entgegen zu nehmen. Der Präsident bittet, an Geschäftsordnungsanträge keine neuen Debatten zu knüpfen. Der Antrag Gronemann wird angenommen. Pineles, Galatz (Berichterstatter der Rumänischen Landsmannschaft.) Wir haben die erfreuliche Mitteilung zu machen, dass seit dem V. Kongresse die zionistische Bewegung in Rumänien wesentliche Portschritte auf allen Gebieten machte und im Mai 1902 auf dem Delegiertentage in Focsani eine vollständige Einigung stattgefunden hat, sodass alle Missverständnisse bei uns zu Laride ausgeglichen sind. Leider tut uns die fortwährende Auswanderung Abbruch in den Einnahmen, aber für unsere Sache im Allgemeinen ist jene kein Verlust, da alle Emigranten, einmal installiert, sofort ihren Verpflichtungen als Gesinnungsgenossen nachkommen, indem sie ihre Schekel an die bereits dort bestehenden Zionsvereine einzahlen, wo sie in grösserer Zahl sind, was ich bereits beim frühern Kongresse erwähnte, und was den besten Beweis gibt, wie tief die Zionsidee in den Herzen der Juden in Rumänien eingewurzelt ist. Im April dieses Jahres hatten wir den Delegiertentag in Jassy, als uns unser hochverehrter Dr. Lippe die traurige Nachricht von der Katastrophe in Kischineff brachte. Das Pederationskomite erliess einen Aufruf an unsere Gesinnungsgenossen, von denen bekanntlich die grosse Majorität Handwerker und unbemittelte Leute sind — aber dennoch konnten wir an Fr. 10,000. — unsern unglücklichen Brüdern zur Verfügung stellen, davon die Hälfte für die Waisenkinder. Die Aktien der jüdischen Kolonialbank werden fortwährend, wenn auch langsam, nachgezahlt und dürfte bis Ende des Jahres noch ein ziemlicher Betrag einfliessen. Pür den jüdischen Nationalfond liefen ein •an Marken, Spenden und das goldene Buch zirka 25 000 Pranken, und habe ich hier die Korrespondenz mit dem Comite Palestinien de Paris, wonach es nur noch einiger Formalitäten bedarf, um die zirka Fr. 25000 flüssig zu machen, von denen ich im letzten Kongresse sprach, und die wohl unserem Nationalfond zufliessen werden.

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