Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Die Eröffnungsrede Dr. Theodor Herzls
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 32 (sequence 3)
- Language
- German
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über das Land unserer Väter unabänderlich sind und bleiben müssen, so wird der Kongress doch erkennen, welche ausserordentliche Förderung unsere Bewegung durch die Unterhandlungen mit der britischen Regierung erfahren hat. Ich darf sagen, dass unsere Anschauungen in Betreff Palästinas mit voller Offenheit und Ausführlichkeit den Mitgliedern des britischen Kabinetts und den in dieser Angelegenheit zuständigen hohen Regierungsbeamten auseinander gesetzt worden sind. Ich glaube, dass der Kongress Mittel finden kann, von dem Anerbieten Gebrauch zu machen. Dieses Anerbieten wurde lins in einer Weise entgegengebracht, die dazu beitragen muss, die Lage des jüdischen Volkes zu bessern und zu erleichtern, ohne dass wir irgend etwas von den grossen Grundsätzen aufgeben, auf welche unsere Bewegung gegründet ist;. Die Einzelheiten des Vorschlages, auf den ich Ihre besondere Aufmerksamkeit aufs Ernstlichste hinlenken möchte, dem gesamten Kongresse vorzulegen, würde mir nicht praktisch scheinen. Es scheint mir richtiger, Sie zu bitten, class Sie einen kleinen Sonder- Ausschuss wählen, der sich mit der ganzen Angelegenheit zu befassen hätte. Was immer beschlossen werden mag — soviel kann ich getrost sagen, dass wir Alle im Herzen nichts als das tiefste Gefühl der Dankbarkeit für das staatsmännische Wohlwollen empmiden, das Grossbritannien in diesen Verhandlungen dem jüdischen Volke gegenüber bekundet hat. Zion ist dies freilich nicht und kann es nie werden. Es ist nur eine Kolonisationsaushilfe, aber wolligem erkt auf nationaler und staatlicher Grundlage. Das Zeichen zum Aufbruche können und werden wir unseren Massen darauf hin nicht geben. Es ist und bleibt lediglich eine Notstandsmassregel, die der jetzigen Ratlosigkeit aller philan tropischen Unternehmungen abhelfen und dem Verluste solcher versprengter Volksteile vorbeugen soll. So lagen die Dinge, als die letzte Wendung eintrat, die erst wenige Tage alt ist, aber eine sehr bedeutende Entwicklung vorstellt. Die wohlbekannten Ereignisse machten es notwendig, dass ich im Interesse des jüdischen Volkes nach Russland reiste. Ich hatte die willkommene Gelegenheit, mit der dortigen Regierung zu verkehren, und ich kann sagen, dass ich einem gewissen Verständnisse unserer zionistischen Bestrebungen begegnete, sowie auch Aeusserungen des guten Willens hörte, etwas Entscheidendes für uns zu tun. Ich gestehe übrigens, dass ich bei dieser Gelegenheit nicht nur Parteimann war — Sie werden mir es nicht übel nehmen. Ich sprach nicht nur für die Zionisten, sondern für alle Juden in Russland. Ich bemühte mich, einige Verbesserungen ihrer traurigen Lage zu befürworten, und erhielt auch die Zusicherung, dass solche Erleichterungen demnächst in Erwägung gezogen werden sollen. Bedeutender waren die Zusicherungen, die ich für die zionistische Bewegung erhielt. Ich bin in der Lage zu erklären, dass die russische Regierung dem Zionismus kein Hindernis in den Weg legen will, wenn er wie bisher einen ruhigen und gesetzlichen Charakter behält. Die russische Regierung ist ferner bereit, bei der Dekkung der Gelderfordernisse einer von uns Zionisten geleiteten Emigration mitzuwirken. Endlich, und darauf ist wohl das allergrösste Gewicht zu legen, ist die russische Regierung bereit, unsere Bemühungen um die Erlangung von Palästina bei S. M. dem Sultan mit ihrem Einfiuss zu unterstützen. Die Tragweite dieser Erklärung, die ich dem Zionistenkongresse übermitteln darf, ist wohl jedem erkennbar. Ein solches Versprechen der russischen Regierung bedeutet einen diplomatischen Gewinn, der nicht zu hoch veranschlagt werden kann. Nicht nur ist ein enormes Hindernis beseitigt, es ist auch plötzlich eine mächtige Nachhilfe vorhanden. Ihre Wirkungen sind allerdings noch abzuwarten, aber mit erfrischtem Mute und grösseren Aussichten als je vorher können wir unsere Bemühungen um Erez Israel fortsetzen. Es wird natürlich auch jetzt wieder Leute geben, die nur das Bittere aus diesen Vorteilen heraussehen. Die Hilfe der Mächte, werden diese Leute sagen, bedeute nichts Erfreuliches. Sie wollen uns los haben oder sie wollen uns nicht hinein lassen. Gut! wenn darin eine Ungerechtigkeit gegen unser Volk liegt, so wollen wir darauf die Antwort in Zukunft geben. In unserer Zukunft, in unserem Lande! Und diese Antwort soll bestehen in einem Erhöhen der menschlichen Gesittung. Die Rede Dr. Max Nordaus. Geehrte Versammlung, verzeihen Sie, dass ich Sie zunächst mit einigen persönlichen Bemerkungen behellige. Mein Name ist irrtümlich auf die Koqgress-Tagesordirung gesetzt worden. Ich bin mit der festen Absicht nach Basel gekommen, hier das Wort nur zu verlangen, wenn ich dies infolge des Ganges der Erörterung als meine unabweisliche Pflicht eines Vertreters mehrerer Wählergruppen empfinden würde. Ohne solche sachliche Nötigung wollte ich auf meinem Platze eines achtungsvollen Zuhörers, Schweigers und Mitstimmers in Reih und Glied verharren. Wohlwollende Kritiker haben in den letzten Jahren liebenswürdig unterstellt, dass ich mir einbilde, ich sei so etwas wie der Tenor des Kongresses, dessen Rolle es sei, zu kommen, eine Heldenarie zu singen, Applaus einzuheimsen und mit Bücklingen nach allen Seiten abzutreten. Ich war entschlossen, auch den Anschein zu vermeiden, als wäre etwas an dieser von so augenscheinlicher Gerechtigkeit und Nächstenliebe eingegebenen Darstellung meiner Kongress-Tätigkeit. Ich bin mir zwar bewusst, hier niemals eitle Schönrednerei getrieben zu haben, gebe indes zu, dass schildernde Betrachtung der Vergangenheit und Gegenwart des jüdischen Volkes dem rein akademisch scheinen mochte, der nicht begriff, dass wir unsere Argonautenfahrt mit der Aufnahme des Mittagspunktes beginnen mussten. Diese unerlässliche Arbeit des Schiffers ist nun getan. Jetzt haben wir uns mit dem Kurs zu beschäftigen. Weniger als je darf dieser Kongress eine Akademie sein. Blosse Rhetorik, die Kunst für die Kunst, hat hier keine Stätte. Hier sollten nur nüchterne, kühl verständige Geschäftsreden gehalten werden. Zu einer solchen habe ich mir eben das Wort erbeten. Unser Präsident hat uns gestern zwei Tatsachen mitgeteilt, die über den vor uns liegenden Weg bisher ungekannte Helligkeiten verbreiten. Er hat uns eröffnet, dass die britische Regierung bereit ist, dem jüdischen Volke eine Landkonzession zu gewähren, nicht unter den Formen, in denen derartige Konzessionen gewöhnlich erteilt werden, nicht zum Zwecke finanzieller Spekulation und geschäftlicher Ausbeutung, sondern mit ausdrücklicher Betonung des Wunsches der britischen Regierung, dem jüdischen Volke Sympathie zu bezeugen und ihm bei seinen Bemühungen zu gründlicher Selbsthilfe beizustehen. Der Vorsitzende hat uns ferner mitgeteilt, dass die russische Regierung ihm amtlich bedeutet habe, dass Russland geneigt sei, unsere Be-