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Die Welt · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · p. 30

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Article
Die Eröffnungsrede Dr. Theodor Herzls
Date
1903-08-21
Page
30 (sequence 1)
Language
German
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Die Eröffnungsrede Dr. Theodor Herzls Geehrte Kongressmitgli ecler! Zum sechsten Zionistenkongresse versammeln wir uns nun in der guten Stadt Basel, die unserer Dankbarkeit bereits vertraut ist- "Wir versammeln uns wieder in Sorgen und Hoffnungen. Die Lage der Juden in der ganzen Welt ist heute wahrlich nicht günstiger, als in den Jahren der früheren Kongresse. Was wir über die Lage unseres Volkes in den früheren Jahren von dieser Tribüne aus sagten, es gilt auch zur Stunde noch. Da und dort hat sich wohl eine Änderung begeben — aber nicht zum Besseren. Yiele von uns hatten gemeint, es könne nicht mehr schlechter werden. Es ist noch schlechter geworden. Wie ein Hochwasser ist das Elend über die Judenheit gekommen. Alle tiefer gelegenen Existenzen sind bereits überschwemmt. Wenn diejenigen, die an höheren, geschützteren Stellen wohnen, diese erschütternde Tatsache leugnen, so stellen sie ihrer Einsicht oder ihrem Herzen kein gutes Zeugnis aus. Mit dem Zugeständnis der Tatsache, class es den Juden erbärmlich übel ergeht, ist freilich auch noch nicht viel gewonnen. Das führt höchstens zu Handlungen der Barmherzigkeit, die im Einzelnen gewiss nur zu loben, aber aus einem höhern umfassenden Gesichtspunkte zu tadeln sind, weil sie bei all ihrer erwiesenen Unzulänglichkeit das Gewissen der solidarisch Verpflichteten beschwichtigen. „Je nun, man tut, was man kann!1' ist ein bequemer Spruch. Es gibt vielleicht Leute, die ein ausreichend feines Gefühl der Selbstbefriedigung haben, wenn sie nach der Morgenblatt-Lektüre eines mittelalterlichen Judenmassacres der Zeitung eine bescheidene Geldspende zum Ausweise schicken. Doch auch wer sich ehrlich nach seinem Vermögen selbst besteuert, hat mit Geld allein nicht genug getan. Das Geld gibt den Toten das Leben, den Verstümmelten ihre Gesundheit, den Waisen ihre Eltern nicht wieder. Und wie will man mit solchen Almosen das Zittern derjenigen heilen, die zwar nicht am eigenen Leibe getroffen sind, aber in denselben Verhältnissen weiterleben? Die haben es noch nicht überstanden. WirZionisten gebrauchen eigentlich diese Argumente nur mit innerem Widerstreben. Es geht gegen unser Gefühl, Unglücksfälle politisch auszubeuten und einen agitatorischen Nutzen aus dem Jammer ärmster Geschöpfe zu ziehen. Aber es muss doch von dieser Stelle gesagt werden, mit welchem Schmerz und wrelcher Entrüstung wir die grauenhaften Vorgänge von Kischenew vernommen haben, und mit welchem Kummer es uns erfüllt, dass Juden unter solchen Bedingungen leben. Arme sorgenschwere Existenzen haben dort unter Martern geendet. Wir wollen ihr Andenken ehren, uns um ihre Hinterbliebenen kümmern, und dann wollen wrir unsere Zeit nicht mit nutzlosen Demonstrationen verlieren, sondern unsere lebendige Sorge den Lebenden zuwenden. Denn die blutigen Tage der bessarabischen Stadt sollen uns nicht vergessen machen, dass es noch manches andere Kischenew, und nicht nur in Russland, gibt. Kischenew ist überall, wo Juden an Leib oder Seele gequält, an der Ehre gekränkt, am Vermögen geschädigt werden, weil sie Juden sind. Retten wir die, welche noch zu retten sind. Es ist die höchste Zeit. Wer überhaupt die sichtbaren Zeichen sieht, muss sehen, class in der Lage eine geradezu verhängnisvolle Verschlimmerung eingetreten ist. Wir Zionisten haben diese Verschlimmerung seit Jahr und Tag vorausgesagt — und nun sie da ist, sind wir doch aufs schmerzlichste betroffen. In den letzten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts glaubte man in jüdischen Gemeindekreisen an die Emigration als Allheilmittel. Das ging, wenn wir von allem anderen absehen — vom Elend der Wanderer, von der Grausamkeit neuer Verhältnisse, in die sie unvorbereitet gerieten, vom nationalen Verluste durch immer wiederholte Zerstreuungen, und so weiter — es ging doch nur so lange, als die Länder der Immigration sich gegen diesen Zufluss eines verzweifelten Proletariates nicht wehrten. Dies ist die neue Epoche, in die wir eingetreten sind. Die Einwanderungsländer beginnen sich zu wehren, obwohl, nein, weil die Judennot im Osten Europas steigt. Und doch sind es Länder, an deren hoher Gesittung zu zweifeln einfach töricht wäre. Diese Staaten glauben ihrer sonstigen Humanität — ich sage es nicht ironisch — Einhalt gebieten und die Juden frage, die für sie die Frage der jüdischen Einwanderung ist, politisch behandeln zu müssen. Nur bei uns Juden sträuben sich noch manche ängstlich, darin ein Politicum zu sehen. Diese Angst aber wird uns mehr Mitleid als Zorn einflössen, wenn wir sie recht verstehen. Es ist eine Platzfurcht, die noch aus der engen Judengasse stammt. Indessen entwickeln sich die Dinge unaufhaltsam. In England, dem letzten bisher noch ganz offenen Zufluchtsorte, wurde eine königliche Kommission zur Untersuchung der Fremdeneinwanderung eingesetzt. Der Fremden, um nicht zu sagen der Juden. Die Konklusionen des Berichtes lassen aber keinen Zweifel zu, über wessen Einwanderung die Kommission sich zu äussern hatte. Man sieht ordentlich, wie das freie grossmütige England mit sich kämpft, wie schwer es sich eine harte Massregel gegen arme Menschen abringt, wie es eine eigene langwierige Untersuchung einleitet, bevor es zu endgiltigem sich entschliesst. Es gibt nämlich alte Prinzipien, glorreich wie Fahnen, die nicht ganz unbeschädigt bleiben, wenn England unschuldig Unglücklichen nicht mehr das freie Asyl gewährt. Und genau dasselbe gilt von Amerika, das gross geworden ist, weil es ein Asyl war. Von den Regierungen der an der Judenwanderung beteiligten Länder wird unser Werk täglich besser verstanden. Unsere Lösung, die dem jüdischen Volke zu einer Heimstätte verhelfen will, entspricht so sehr einem allgemeinen Bedürfnisse, dass sie endlich gelingen muss. Eine leichte Arbeit ist es freilich nicht. Es gibt Schwierigkeiten, die ausserordentlich viel Geduld und Treue erfordern. Aber schon dies ist ein Stück der Erziehung, die wir unterwegs bekommen. Es gibt schwere Tage, an denen man mühselig Errungenes zerfliessen sieht und viel versprechende Anfänge, die dann in sich zusammenbrechen. So lange eine Bewegung jung und schwach ist, müssen die Führenden befürchten, dass solche Rückschläge die Anhänger demoralisieren könnten, und zur eigenen Enttäuschung und Ermüdung tritt noch die Sorge um die Fortführung der Arbeit, um die Beschaffung der Mittel, um die Ausdauer der Genossen. Doch auch das ist zum Guten. Es verlieren sich die, an denen man nichts verliert. Sie ziehen ab, die einen mit ihrer gekränkten Eitelkeit, die zweiten, weil sie bei der Sache ihre Rechnung nicht fanden, die dritten, weil sie nur gern an Erfolgen teilnehmen und so noch andere aus mancherlei anderen Gründen. Die aber bleiben, denen wird die Sache durch jedes Opfer nur noch teurer. Mit denen kann man den Weg fort-

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