Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Ein Verband der hebräischen Schriftsteller
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 18 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 18 „Die # Welt" Nr. 34 Ein Verband der hebräischen Schriftsteller. Von Marcus Kahan. Aus dem russischen Manuskript übertragen von Jacob S c h o r r. Der Gedanke, einen „Verband der hebräisch schreibenden Schriftsteller" zu gründen, ist schon auf dem ersten Baseler Kongress entstanden. Dort, wo zum erstenmal so laut, so ernst und mächtig der Ruf ertönte, im Interesse der Wiederbelebung des jüdischen Volkes alle Kräfte zu mobilisieren — dort konnten auch die hebräischen Schriftsteller nicht teilnamslos bleiben. Als Eckstein des in Basel aufgerichteten Gebäudes erschien der feste Beschluss, sämtliche aktiven Kräfte im Judentum aufzusuchen, zu organisieren und in eine planmässige Ordnung zu bringen. Da mussten nun zweifelsohne die hebräischen Schriftsteller, diese berufensten Bewahrer des Schlüssels, der die Volksseele eröffnet, in den vordersten Reihen ihren Platz einnehmen. Doch ist es in Basel weder beim ersten noch beim zweiten Kongress mit der Organisierung der hebräischen Schriftsteller vorwärts gegangen. Wir alle, die wir Leute aus verschiedenen Ständen und Berufen sind, wurden von einer und derselben, ungemein weit ausgebreiteten Erscheinung, die noch unklar in ihren Details, aber hell und anziehend in ihren allgemeinen Konturen war — vom Zionismus angelockt. Wir stürzten uns alle auf diese lichte Erscheinung — und da gab es weder die Zeit noch den Willen, sich als besondere Abteilung zu gruppieren. Ueberdies waren speziell wir, die Vertreter der hebräischen Presse, auch in Bezug auf unsere Zahl, beim Baseler Kongress nur sehr schwach vertreten. Günstiger schienen sich die Umstände beim allrussischen zionistischen Parteitag in Minsk gestaltet zu haben. Sowohl die moralischen und geistigen als auch die materiellen Physiognomien der verschiedenen Elemente, deren Gesamtheit den zeitgenössischen Zionismus ausmacht, sind nun so viel ausgesprochener, dass es jetzt schier unmöglich geworden ist, sämtliche Zionisten mit einer einzigen Marke abzustempeln. Es kristallisieren sich bestimmte Gruppen und Fraktionen heraus. Die zionistische Arbeit wird, die Konstanz und Lebensfähigkeit dieser Gruppen vorausgesetzt, notwendigerweise zwischen den Vertretern der einzelnen Richtungen geteilt werden. Hebel der verschiedensten Konstruktionen müssen sich an der Hebung der zionistischen Last beteiligen. So ist es denn auch ziemlich klar geworden,, in welcher Form sich die Männer der hebräischen Feder an dieser gemeinschaftlichen Volksarbeit beteiligen sollen. Die Wiedergeburt und die intensivere Pflege unserer nationalen Sprache ist zu einem der vielen Punkte der zionistischen Arbeit geworden. Unser nationaler literarischer Acker hat an Ausdehnung zugenommen und die Zahl seiner Pflüger vermehrte sich nicht nur quantitativ, sondern wurde auch qualitativ bedeutender. In den Räumen, in denen der Minsker Parteitag abgehalten wurde, haben sich sehr viele hebräische Schriftsteller und sämtliche Redakteure der hebräischen Zeitschriften eingefunden. Wir versäumten es daher nicht, in Minsk die Gelegenheit, die uns günstig schien, auszunützen, um einen Verband der hebräischen Schriftsteller zu begründen. In Minsk wurde aber bloss ein Versuch gemacht. Nachdem ich einige angesehene Vertreter der hebräischen Journalistik zu Rate gezogen hatte, Hess ich in den Räumen des Minsker Parteitages den Statuten-Entwurf des zu gründenden „Verbandes hebräischer Schriftsteller41 zirkulieren. Diese Statuten lauten wie folgt: § 1. Der Zweck des „Verbandes" ist, sämtliche hebräische Schriftsteller zu einer Organisation zu vereinigen behufs gegenseitiger Unterstützung in Notfällen, behufs Schutzes ihrer Ehre und Rechte, sowie auch behufs Entscheidung aller die literarische Ehre betreffender Streitigkeiten. § 2. Der „Verband" wird seine Tätigkeit dann aufnehmen, wenn er sich im Besitze eines Kapitals von 5000 Rubeln befinden wird. § 3. Die Verbandsverwaltung hat ihren Sitz in Warschau; zwei Drittel der Mitglieder sind aber berechtigt, die Uebertragung der Verwaltung an einen anderen Ort zu verlangen. Sollte die „Gesellschaft zur Verbreitung der Aufklärung unter den Juden Russlands" geneigt sein, die Verwirklichung der Verbands-Statuten durchzuführen, so wird der Verband in Petersburg beim Komitee der erwähnten Gesellschaft organisiert. § 4. Die Mittel des Verbandes setzen sich zusammen aus: a) jährlichen Mitgliedsbeiträgen, b) aus einem prozentuellen Teil des von den Mitgliedern erhaltenen Honorars, c) aus privaten Spenden der Amateure der hebräischen Sprache und aus deren Vermächtnissen, d) aus den Ueberschüssen von Büchern und Manuskripten, deren Privilegien dem Verbände überlassen worden sind. § 5. Jedes Verbandsmitglied leistet einen jährlichen Beitrag von 3 Rubel. Ausserdem entrichtet jedes Mitglied der Verbandskasse 2 Prozent des von ihm pro Zeile bezw. pro Bogen erhaltenen Honorars. § 6. Die höchste Grenzsumme der von jedem Mitglied zu entrichtenden prozentuellen Abzüge von seinem Honorar wird mit 50 Rubel festgesetzt. § 7. Nach 20 Jahren seiner Mitgliedschaft bleibt Jedermann lebenslänglich Mitglied des Verbandes, auch im Falle er aufhört seine Beiträge zu leisten. § 8. Die Verlagsunternehmungen in Warschau: „Achiasaf", „Häzefirah" und „Tuschijah", sowie der Hameliz in St. Petersburg entsenden in den Verbandsausschuss je einen Vertreter jedesmal für die Dauer von drei Jahren. Diese vier Vertreter unter dem Vorsitze eines fünften von sämtlichen Verbandsmitgjiedern aus den bei keiner literarischen Verlagsunternehmung beschäftigten Mitgliedern zu wählenden Vertreter setzen die Verbandsverwaltung zusammen. § 9. Die Pflichten der Verbandsverwaltung sind: a) für die Vermehrung der Verbandskapitalien resp. des Verbandsvermögens Sorge zu tragen; b) die Aufnahme von neuen Mitgliedern; c) der Generalversammlung Vorschläge bezüglich der Ausschliessung von Mitgliedern aus dem „Verbände4' zu machen; d) die Gesuche der Mitglieder zu prüfen bezw. zu erledigen; je) die Leitung der Verbandskanzlei; f) die Ueberwachung der Vereinskasse resp. des Vereinsvermögens; g) die Einberufung von Plenarversammlungen. § 10. Die Verwaltung beruft jährlich eine Plenarversammlung ein, wobei sie bestrebt sein musss, diese Plenarversammlungen immer zur selben Zeit und im selben Orte abzuhalten, wohin die zionistischen Kongresse bezw. die allrussischen Parteitage einberufen werden. Die Statuten wurden daraufhin in sämtlichen hebräischen Zeitschriften veröffentlicht. Jeder Punkt wurde von mir motiviert. Die gegenseitige Unterstützung, als Grundlage des „Verbandes", soll nicht bloss auf die materielle Lage der sich zu einem „Verband'4 vereinigenden Schriftsteller Einfluss üben, sondern auch auf ihre moralische Physiognomie. Es lässt sich die unumgängliche Notwendigkeit, das Prestige des hebräischen Schriftstellertums zu heben, nicht bestreiten. Gar nicht von der materiellen Unsicherheit der Position des hebräischen Literaten zu reden. Die Not der Familie des im vorigen Jahre in Wien verblichenen R. A. B r a u d e s ist keine Ausnahmeerscheinung. Es ist schon wirklich an der Zeit, diesem Uebelstande abzuhelfen. Schon deshalb, weil das jetzige ausserordentlich rasche Wachstum der hebräischen periodischen Presse eine bedeutende Anzahl von Leuten veranlasst hat, dem literarischen Berufe ihre Kräfte zu widmen. Es bildet sich bei uns allmählich eine Klasse von berufsmässigen hebräischen Schriftstellern heran. Es gab eine Zeit, wo bei uns fast niemand literarisches Wirken als einen Beruf betrachtete, der ihm materiellen Gewinn bringen sollte. Perez Smolenski, der Begründer und Redakteur des ersten hebräischen Journals: „Haschachar" widmete sich dem Schächterberuf, um sich sein Brot zu verdienen; der selige Friedberg, einer unserer besten Stilisten und Autor vieler origineller Werke und Uebersetzungen, war ein Uhrmacher; Ch. S. Slonimsky und A. B. Gotlober übten den Lehrerberuf aus; der ehrwürdige hebräische Poet Lebensohn- Vater war Geldmakler von Beruf. Sogar der Schöpfer der zeitgenössischen hebräischen Poesie, unser berühmter L. O. G o r d o n erwarb das zum Leben Notwendige durch Unterricht und indem er als Schreiber tätig war; dagegen bekam er meist für seine wunderschönen, geradezu klassischen Poeme absolut kein Honorar. So pflegten meistens Amateure zum Zeitvertreib sich literarisch zu betätigen. Ganz anders verhält sich die Sache jetzt. Die Steigerung des nationalen Geistes, das beständige und immer lauter werdende Erinnern, dass es schon an der Zeit sei, „nach Hause" zurückzukehren — all dies hat. starke Nachfrage nach einer weltlichen hebräischenLiteratur nach sich gezogen. Es entstehen hebräische Ausgaben, es werden Verlagsunternehmungen gegründet. Man kann schwer glauben, dass das alles mit Verlust ausgeführt wird. Jedenfalls aber werden die Mitarbeiter dieser Ausgaben honoriert, sie bekommen Gehalt. Die „lieben", wenn auch eines gewissen Reizes und eine Art Erhabenheit nicht entbehrenden Gepflogenheiten, unter denen es sogar ein „negatives Honorar" gab, werden zu Anachronismen. Die hebräischen Literaten und Publizisten werden heutzutage ziemlich gut honoriert. Da drängt sich von selbst der Gedanke auf, den angestrengten Arbeitern der hebräischen Journalistik und Literatur eine Rente auch für das hohe Alter bezw. für den Fall einer vorzeitigen Invalidität zu sichern. Aus diesem Grunde eben möchte ich auch gerne dem „Verband" schon von Anfang aii eine feste Basis gesichert sehen. Der Statuten-Entwurf setzt auch für den Beginn der Verbandstatigkeit ein Minimalkapital von 5000 Rubeln voraus. Ich glaubte fest daran, dass wir diese Summe leicht unter denjenigen aufbringen würden, denen die Interessen des nationalen Schrifttums am Herzen liegen. Beim Minsker Parteitag wurde uns der Vorschlag gemacht, eine Subskription behufs Gründung des Verbandsfonds zu eröffnen. Ich wollte aber die Delegierten