Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · p. 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Article
Der jüdische Nationalfonds
Date
1903-08-21
Page
8 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316013-3316055-3336287--42772-3336349
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 f,Dto $ Weto? Nr. 34 im grossen möglich ist. In keinem Falle, auch nicht im letztbezeichneten, darf der jüdische Natinalfonds ganz erschöpft werden. Die Summe von wenigstens 100 000 Pfund Sterling muss immer zurückbleiben, damit der Fonds immer wieder anwachse." Der Zweck des jüdischen Nationalfonds ist also Landankauf. Landankauf für das ganze jüdische Volk, d. h., das vom Nationalfondsgelde. gekaufte Land geht in den Besitz der Gesamtheit über, oder mit anderen Worten: durch den Nationalfonds wird das jüdische Volk im Laufe der Zeit in der Lage sein, aus eigener Kraft, ohne Inanspruchnahme einzelner Personen oder Institutionen, sich die Heimatsstätte zu schaffen, die es so dringend benötigt. Dadurch aber, dass es durch seine gewählten Vertreter, durch den Kongress, die Verwaltung des Fonds kontroliert und jederzeit über die Verwendung des Fonds informiert ist, wird es auch imstande sein, seine eigenen Wünsche und Forderungen beim Ankauf, resp. bei der Aufteilung des Bodens geltend inachen zu können. Vielen Juden, namentlich denen, die sich von ihrem Volke innerlich so ziemlich losgelöst haben, wird es romantisch, wenn nicht überflüssig scheinen, Geld für Zeiten zu thesaurieren, in denen sie vielleicht nicht mehr sein werden. Ueberflüssig auch deshalb, weil sie wohl ahnen, dass ihre Nachkommen mit dem Judentum noch weniger zu schaffen haben dürften, als sie selbst. Es mögen darum einige Betrachtungen gestattet sein, welche sich mit der Lage der Juden überhaupt und mit den Vorschlägen insbesondere beschäftigen, die zur Verbesserung dieser Lage von verschiedenen Seiten gemacht wurden. Die Lage der Juden ist nicht nur in den Ländern, wo ihre Bedrückung offen und erbarmungslos betriehen wird, sondern überall eine traurige. Sie ist nicht nur traurig und unwürdig, sondern auch im höchsten Grade gefährlich. Noch sind die Greuel, die sich erst jüngst in verschiedenen Ländern zugetragen haben, in zu frischer Erinnerung, als dass darüber viel Worte zu verlieren wären. Leider sind solche Ausbrüche der Feindschaft, des tiefen Hasses der nichtjüdischen Bevölkerung nichts Neues. Selbst im 20. Jahrhundert nicht. Es ist auch im Grunde genommen eigentlich von ganz untergeordneter Bedeutung, ob diese Ausbrüche fanatischen Hasses, kindischen Aberglaubens und verbrecherischer Torheit von den betreffenden Behörden geduldet und geschürt werden oder nicht. Dass sie überhaupt vorkommen können, ist das Entsetzliche, das Niederschmetternde. Freilich tun in solchen Fällen die jüdischen Philanthropen aller Länder, auch die Wohltätigkeit der weniger Eeiehen das Möglichste, um wenigstens die materiellen Schäden, die mit solchen Vorfällen verbunden sind, gut zu machen. Ein notwendiges, und doch im Grunde zweckloses Beginnen! So viel gut zu machen, als andere auch in kurzer Zeit schlecht machen können, ist selbst den Millionären unter den Juden nicht möglich. Dabei sei gar nicht untersucht, wie viel persönliche Motive bei diesen öffentlichen Wohltätigkeitsakten mitspielen. Der Versuch an sich, immer nachträglich das gut zu machen, was man durch eine Vorschauen de Politik hätte verhindern oder doch beschränken können, ist so kleinlich und unzureichend und dabei so kostspielig, dass man ein solches Vorgehen, von welcher Seite immer man es betrachtet, nicht als richtig wird bezeichnen können. üeberall, selbst in den Ländern, wo die Lage der Juden eine günstigere ist, können sie ihres Lebens nicht froh werden. Immer wieder schlägt die Flamme des Hasses, der Verfolgungssucht unter der Asche empor, unter der man sie, ach, mit wie viel absichtlicher Selbstberuhigung, für immer erstickt glaubte. Die Eitualmordbeschuldigung in Oesterreich und Deutschland, die alljährlich und immer drohender und ihres Erfolges sicherer auftaucht, die Dreyfus-Affäre in Frankreich, die Behinderung der jüdischen Einwanderung in den freiesten Ländern, das sind Wahrheiten, denen sich selbst befangene Juden nicht mehr verschliessen können. Und was noch schlimmer ist: Gerade in diesen. Ländern tritt ein Verfall jüdischer Sitte, jüdischer Tradition und der Anhänglichkeit an unser Volk zutage, der sich nicht nur in Massentaufen kundgibt, sondern auch in der Verleugnung alles Jüdischen von Seiten der „NochjTiden* einen für jeden charaktervollen Menschen' sei er Jude oder Mchtjucle, geradezu anwidernden Fanatismus angenommien hat. Es darf daher mit Eecht behauptet werden, dass die Lage des jüdischen Volkes eine ernste, eine traurige sei. Kann die jüdische Philanthropie diesem Elende abhelfen? Was hat sie bisher dem Volke genützt? Ja, was hat sie ihren Vertretern selbst für Erfolge gebracht? Darauf gibt es nur eine ehrliche Antwort': Alle Anstrengungen haben so gut wie gar keinen Erfolg gehabt, weder für die Juden, noch für die Philanthropischen Gesellschaften selbst. Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus! Es ist immer nur eine lächerliche Maus, die nach dem Kreissen der Berge zum Vorschein kommt. Nicht die Philanthropie einzelner, nicht die Wohltätigkeitsinstitutionen von Gesellschaften können der Judennot, der physischen, geistigen und moralischen abhelfen, sondern nur der starke, zielbewusste Wille des ganzen Volkes kann diese grosse Aufgabe erfolgreich lösen. Das ist die Erkenntnis, von welcher der Zionismus ausgeht und das ist der Grund, warum gerade diese Bewegung in ihrer jetzigen Form gerade die am tiefsten Fühlenden und für die Zukunft Schaffenden erobert hat. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Das ist das Endziel des Zionismus und das ist nicht der Versuch einer, sondern der Versuch der Lösung der Judenfrage. Die Zionisten verhehlen sich nicht, dass diese Lösung eine schwierige ist. Sie wissen auch, dass der Weg, den sie schreiten, zahllose Hindernisse aufweist. Sie wissen aber auch, dass er beschritten werden m u s s, und dass alle die Hindernisse nicht unübersteiglich sind. Es gibt nur e i n Mittel zur Lösung unserer JSTot, und das ist die Erwerbung einer Heimstätte für uns und unsere Volksgenossen. Die Welt wird immer kleiner, jedes Stückchen Erde wird aufgeteilt. Wenn wir nicht für alle Ewigkeit zu spät kommen wollen, so müssen wir jetzt mit vereinten Kräften für unsere Massen ein Land zu erwerben suchen, welches uns gehörte und wieder gehören kann, das ist Palästina. Alle Einwendungen dagegen sind von Fachleuten oft und gründlich widerlegt worden. Dieses Land, welches einst ein Garten war, ist auch jetzt, wo der Boden rationell bearbeitet wird, reich an Ertrag. Dieses Land, welches für deutsche Bauern gut genug ist, kann für die heimatlosen Juden, die bereit sind, dasselbe mit ihrem Schweisse zu tränken, nicht zu schlecht sein. Der Beweis des Gegenteils ist schon jetzt durch eine Anzahl blühender jüdischer Kolonien endgiltig erbracht. Um dieses Land zu erwerben, brauchen wir begreiflicherweise viel, sehr viel Geld! Diese grossen Summen müssen, und können nur alle Juden der ganzen Welt herbeischaffen. Die meisten Völker haben, trotzdem sie auf eigenem Boden leben, durch verschiedentliche Fonds für die fernere Zukunft vorgesorgt. Jeder weiss wohl, welche grossartigen Werke andere Völker durch nationale Sammlungen errichten und für die Zukunft zu sichern trachten. Nur die Juden, die angeblich so gescheiten Juden, leben von heute auf morgen, nach Art schlecht geleiteter und schlecht fundierter Unternehmun-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.