Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Die Zukunft des jüdischen Volkes
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr, 34 JDie Wellte Seite 5 die äusseren Angelegenheiten ablenken und die Juden sind gewissermasscn so ein Fremdkörper, der in Ermangelung eines besseren Abieiters yon Erregungen im Lande behalten wurde. Die Ausbrüche des Antisemitismus, der Beginn von Verfolgungen wurden immer durch gegenwirkende Starrheit unter den Juden beantwortet. Yon den elf Millionen der Easse sind höchstens zwei dem belebenden Einflüsse von Sonnenschein und Liberalismus ausgesetzt. Nur zwei Elftel jenes Stromes ohne festes Bett schweben in einer gewissen Gefahr der Verdunstung. Durch mehr als die Hälfte des jüdischen Volkes, die zwischen den russischen Grenzpfählen eingeschlossen ist, wird die glücklichere Minderheit, wenn auch nur aus Sympathie, zurückgehalten, die elende Mehrheit im Stiche zu lassen. Zwei entgegengesetzte Kräfte sind so bei den Juden am Werke: Wind und Sonne. Der Ecgenmantel, der während des Ausbruches der Hitze für einen Augenblick geöffnet wurde, wird im nächsten vor dem schneidenden Sturme wieder fester zugeknöpft. Selbst wenn der Sonnenschein so gleichmässig und überall vorhanden wäre wie die Rasse selbst, so müsste deren zähe Lebenskraft doch nicht notwendigerweise erschlaffen, weil es immer lokale Temperaturunterschiede und Widerstände geben und der Ueberrest in irgend einem Lande genügen würde, dieses ewige Volk zu erneuern. Wenn man bedenkt, wie sehr dieser Sonnenschein von Zufällen abhängt, wie rasch er schwindet, wie schnell er von den wieder zusammengeballten Wolken des Vorurteiles bedeckt wird — man beobachte selbst im freien England die Missgunst gegen die Fremden — wenn man ferner bedenkt, dass der Kern der Kasse noch im finstersten Mittelalter eingemauert ist, so kann man als sicher prophezeien, dass das Volk, dessen Zähigkeit bereits die römischen Schriftsteller verkündeten, noch lange, sehr lange in verhältnismässiger Isolierung beharren wird, wie immer auch seine Religion verändert werden sollte, was unter dem Einflüsse der modernen Denkungsart und der freieren Lebensbedingungen nicht ausbleiben kann. Und wenn so vieles ohne Beziehung auf den grösstcn erhaltenden Faktor im modernen Judentum vorausgesagt werden konnte, um wieviel gewisser kann man prophezeien, wenn man diesen neuen, wunderbaren Faktor Zionismus in Rechnung zieht. In der Tat! Wie durch ein historisches Wunder erhebt sieh gerade in dem Momente, als die alte Religion zu erschlaffen und die unterscheidenden Riten, Zeremonien und Speisegesetze zu verfallen beginnen, erhebt sieh gerade da eine neue, verbindende Kraft, um die losen Teilchen Israels aneinanderzufügen. Vielleicht auch war es immer da, dieses Gefühl der Rasseneinheit, vielleicht war das die Grundkraft, als deren oberflächliche Wirkimg wir die Religionseinheit anzusehen haben. Es ist merkwürdig, wie wenig Bekehrungseifer der Jude hatte, wie lebhaft er gefühlt hat, dass seine besondere Religion auch mir für sein besonderes Volk passe. „Nur auf die Rasse darf man sieh verlassen," sagt Disraeli. Es mag richtig sein, dass der Juclenhass, der früher als ein religiöser sich geberdete und nun ein wirtschaftliches und soziales Mäntelchen umgetan hat, tatsächlich stets nur ein Rassenhass war, ein Widerwille gegen ein überlegenes Volk, das nicht durch klimatische Verhältnisse und biologische Kräftigung, noch infolge besonderer Auswahl mit den alten Griechen in die Hegemonie der Rassen sich teilt und die alten Griechen selbst übertrifft an unverminderter Lebenskraft und Verjüngungsfähigkeit. Was auch immer die wahre Triebkraft des sogenannten Antisemitismus sei, und ob die Rasse oder Religion der eigentliche Schutz des jüdischen Volkes waren: die zionistische Bewegung, zusammengesetzt aus den. drei Zersetzungs-Faktoren, welche der Antisemitismus hervorgebracht hatte, genährt durch das Rassengefühl und belebt durch religiöse Hoffnungen erstand, um der Zersetzung Halt zu gebieten, das jüdische Volk mit einemSchlage vor derVerfolgung und die jüdischeDenkungsart mit ihren eigenartigen Geistesprodukten vor dem Aufgehen im allgemeinen Leben zu erretten. Das innere Bekenntnis zum Judentum trug mehr zu dessen Festigung bei, als selbst der äussere Druck der Verfolgung in Russland oder Rumänien. Dieses (der Zionismus) fesselte die Intellektuellen, indem es ihren Stolz und ihr Mitleid wachrief. Dieses vereinigte tausende Wankelmütiger und hielt sie in der Gemeinschaft zurück, welche die notwendigerweise langsame Erreichung des Zieles der Bewegung erwartet, „eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina". Warten ohne zu arbeiten, ist eine Art von Opiumrausch. Durch achtzehn Jahrhunderte begingen die Juden den Fehler, sich aus Schwäche an Bildern künftigen Ruhmes zu berauschen. Aber Warten und Arbeiten ist ein edler Ansporn, ist bereits ein Ergebnis der Wiedergeburt des jüdischen Lebens und Schrifttums und hilft den Juden, die schmachvolle Hülle des Ghettos abzustreifen. Bereits verspricht uns die schnelle Entwicklung der körperlichen Männlichkeit unter den neuen Entwicklungsbedingungen — freier Luft usw. — den Typus der Makkabäer wiederzubringen. Der Weg nach Palästina ist lang und beschwerlich: der Jude wird manchen Umweg bis zu diesem Ziele machen, vielleicht wird er sich zunächst auf einem neutralen Boden niederlassen müssen, der weniger politische und religiöse Fallgruben birgt, um auf diesem Boden die zersplitterten Kräfte zusammenzufassen, um die Pflichten der Gemeinschaft und der Selbstregierung wieder zu erfassen, um das Gleichgewicht zwischen der alten und der neuen Welt wieder herzustellen, und um seine Anschauungen mit der modernen wissenschaftlichen Weltanschauung und mit den neuen, geschichtlichen Perspektiven, welche sich uns durch die Archäologie eröffnen, in Einklang zu bringen. Derart innerlieh ausgeglichen und vorbereitet und wieder vereinigt, können die Juden den günstigen Moment, das heilige Land mit ihrer heranströmen den Bevölkerung zu besiedeln, erwarten und können hier, abermals begeistert und gesegnet durch die Erfüllung ihres jahrhundertelangen Traumes, ihre Werke bis zur Schaffung eines Musterstaates am Berge Zion fortführen, der eine Leuchte den Völkern sein soll. Da das Christentum die Probleme der Zivilisation keineswegs so vollkommen gelöst hat, dass die Juden es schlechterdings verehren müssten, so ist ihr moralischer Genius weder ausser Mode, noch unerwünscht. Die Rasse, welche Moses und Jesus, Jesaia und Spinoza hervorbrachte, hat noch ändert* Botschaften zu v-rklinden, und befruchtet durch die Kreuzung mit allem, was das Christentum während der Jahrhunderte, die die Juden im Ghetto verbrachten und in denen es selbst in vollem Glänze erstrahlte, hervorbrachte wird sie sicherlich in ihrer dritten nationalen Epoche nicht blühen, ohne kostbare Früchte für die menschliche Kasse zu tragen, deren Dienst ihr höchstes Ideal ist. The Alien Immigration Cummission. Der Bericht der königl. Fremdeneinwanderungs-Kommission ist nach Erstattung an den König auf den Tisch des Unterhauses niedergelegt worden und wird in Bälde veröffentlicht. Die Kommission, die unter dem Vorsitze des Lord I a m e s o i Hereford getagt hat, war hauptsächlich üher Anregung des Parlamentsmitgliedes Major Evans Qordon, der auch eines ihrer tätigsten Mitglieder war, eingesetzt worden. Die Kommission gelangte betreffs der an sie gestellten Fragen zu folgenden allgemeinen Schlüssen: Ergebnisse : Durch die uns bekanntgewordenen Tatsachen erscheint es festgestellt, dass eine grosse Zahl fremder Einwanderer wäh~