Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 34 (21.8.1903)
- Article
- Die Zukunft des jüdischen Volkes
- Date
- 1903-08-21
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die & Welt? Nr. 34 gnügte sich die Staatsgewalt nicht damit, dass alle sozialen Kräfte jener geplanten Verbindung entgegenwirkten, sondern stellte noch obendrein die Todesstrafe darauf. Auf diese Weise waren die Juden fast während der ganzen christlichen xiera vollkommen isoliert. Bisweilen wurden sie sogar durch ein äusseres Abzeichen gekennzeichnet; immer aber bestand das Merkmal einer teils wirklich gewalttätigen, teils ihre Rechte beschränkenden Verfolgung. Wohlverstanden, diese Isolierung war nicht bloss eine örtliche. Das jüdische Volk war in grösserem oder geringe rem Prozentsatze unter allen Völkern des Erdballes zerstreut, wir finden es, wohin immer wir unsere Blicke richten: von England bis Italien, von Polen bis Persien, von der Bcrberei bis Oochinchina. Es lebte in Kontakt mit jeder Nation, zivilisiert oder wild, es wurde von jeder Umgebung beeinflusst und spielte in jeder Geschichte eine Rolle. Nun vollzogen sich zwei Veränderungen: erstens die Umwandlung des Volkes in isolierte Gruppen, deren jede gar bald vollkommen der grösseren nationalen Einheit vergisst und für sich allein ein eigenes, kleines Gemeinwesen begründet; zweitens der Uebergang von der Landwirtschaft zum Handel unter dem Zwange äusserer Gewalten, die den Juden Grund und Boden verweigerten, sie von den Gilden und Zünften ausschlössen und auf das Geldgeschäft beschränkten. So wurden die Juden die Mittler der AVeit sowohl auf geistigem wie auf wirtschaftlichem Gebiete. Dies ist, wie der biologische Ausdruck lautet, ihre Punktion in der Symbiose: nur wenn sie diese Bedingung erfüllten, durften sie leben, leben, auf dass es ihren Nachbarn wohl ergehe. Schmiegsam passten sie sich dem Dienste der Menschheit an, so dass ihr natürlicher, menschlicher Instinkt für politische Freiheit gänzlich abgestumpft wurde. So lebten sie, ferngehalten von Grund und Boden, nirgends gebunden, und wurden zu einem Volke von Nomaden. Sie wurden tatsächlich — obgleich in einem neuen Sinne — ein Volk von Handelsreisenden. Eines aber dürfen wir nicht vergessen, der Handelsreisende führte immer seine Muster mit: die Bibel. Und diese war das einigende Moment. Ein Buch ersetzte das geographische Zentrum und die aus ihm gewonnene Geistesverfassung ein Stück Boden. Indem die Juden sich um diesen Brennpunkt sammelten, bewahrten die landlosen, entnationalisierten Gruppen klugerweise das Gefühl, ein Volk, das auserwählte Volk zu bilden und gewannen auf diese "Weise die Selbstachtung und Würde zurück, welche durch die Verachtung seitens der Christen sonst untergraben worden wäre. Sie fühlten sich ganz bewusst ihren Verfolgern überlegen — Aristokraten des Glaubens. Die ganze Umwelt schien barbarischem Glauben ergeben, mochten die Tempel auch noch so prächtig sich erheben, die anderen Göttern geweiht waren, als dem einig-einzigen, unbildlichen Schöpfer des Himmels und der Erde, der Israel auserkoren hatte, seinen Namen unter den Heiden zu verbreiten. Mochten sie daher spanisch oder französisch, chinesisch oder Holländisch, russisch oder arabisch sprechen, mochten sie ihre geistige oder selbst ihre körperliche Erscheinung noch so sehr ihrer wechselnden Umgebung anpasssen: ihre Religion, die so innig mit dem ganzen Gewebe des Lebens durch zahlreiche Zeremonien und malerische Traditionen verknüpft war, hielt sie stets vereint, gleichwie das Hebräische des Gottesdienstes ein unvergängliches, sprachliches Band bildete. Wie ein Strom ohne festes Bett flutete das Volk fast während der ganze]! christlichen Zeit von einem Lande zum anderen. Unter dem Drucke der Notwendigkeit nahm es jede Form an, die ihm durch die örtlichen Verhältnisse auf gezwungen wurde; an jedem Orte spiegelte der Strom andere Wolken, andere Bäume wieder und doch strebten alle Teile desselben, der mit anderen Strömen sich nicht mischte, schliesslich Palästina zu. Und als wäre es ftü dieser freiwilligen Absonderung noch nicht genug, errichteten die Bedrücker auch noch Dämme und Gräben. Aus der Schilderung dieses Zustandes können wir bucht auf die Zähigkeit des Volkes schliessen. Ein Volk, das gelernt hat, ohne Land zu leben, ist unbesiegbar. Wenn der Allgegenwärtige will, wird Macht besiegt, wird Unheil vermieden. Niemals wird es gleichzeitig an allen Orten eintreffen, niemals werden die Völker vereint wie auf ein gegebenes Zeichen den Angriff auf die Juden beginnen. Massenweise können die Glieder eines Volkes zur Taufe gezwungen oder erschlagen werden, hier und dort — obgleich selbst dem durch geheimes Judentum oder geheimen Mohammedanismus begegnet wird: immer noch bleiben anderwärts viele andere Juden kräftig und fruchtbar. Darin liegt tatsächlich das Geheimnis ihrer Unsterblichkeit. Aber es gibt ein Kraft, die grösser ist als Macht, die Liebe. Seit dem achtzehnten Jahrhundert wurde das jüdische Volk stets von kräftiger Liebe geschützt. Mit der Epoche der Revolution und dem Erwachen des Gefühles der Brüderlichkeit unter den Menschen begann der Abbruch des Ghettos in Westeuropa. Das jüdische Volk wurde aufgefordert, seine hohen Wälle zu verlassest!; schrittweise wurde ihm das bürgerliche Leben der Christen gestattet, wurde ihm erlaubt, den Handel, der bis dahin sein einziges Betätigungsgebiet gewesen, aufzugeben, wurde es mit dem modernen, kritischen Denkergeiste bekannt gemacht und einer doppelten Zersetzung ausgesetzt: von innen untergraben — von aussen aufgesogen. Dahin war schliesslich bei denjenigen, die in den europäischen Simultan schulen erzogen worden waren, jene naive, erhebende Auffassung ihrer Ueberlcgenhoit, ihrer von der Vorsehung gesetzten Mission. Die grossen Leistungen des Christentums nicht nur auf rein geistigem Gebiete, sondern auch im Bereiche von Kunst und Literatur kamen ihnen klar zur Erkenntnis. Der Grund ihrer Absonderung schien ihnen hinfällig. Ein Zersetzungsprozess begann. Er war nicht immer bewundernswert. Bei vielen war die Annahme des Christentums eine Konzession aus Schwäche gegenüber der Tyrannei der Gesellschaft, die in keinem Lande aufgehört hatte, das Judentum zu peinigen. Denn der Abfall der Juden von ihrem angestammten Glauben wurde nicht notwendigerweise durch ein neues Bekenntnis kompensiert; die Taufe war speziell in Deutschland eher ein Zeichen von Gleichgiltigkeit, als von Erleuchtung. Aber je grössere Freiheit den Juden gewährt wurde, destomehr strebten sie zwar nicht dem Christentum, aber doch einer höheren Auffassung desselben und der Aufnahme Christus' in die apostolische Kette der hebräischen Propheten zu. Der moderne Jude ist ein Pro-Christ, nur zu eifrig, die Ideale der Nation, in deren Mitte er gerade lebt, zu bewundern, nur zu wenig kritisch gesinnt. Es kann kaum ein Zweifel darüber bestehen, dass, wenn die Juden sieh selbst überlassen und ihnen, innerhalb der Christen weit freier Spielraum und Ellbogenfreiheit gewährt wäre, sie im Laufe weniger Generationen mit ihrer Umgebung vollkommen verschmelzen würden. Das Christentum ist aber nicht christlieh genug, um die Vollendung dieser Tatsache abzuwarten. Drei oder vier Generationen nach der ersten Emanzipation wären hierzu erforderlich, aber bevor diese Zeit um ist, tritt sicherlich ein Ereignis ein, das die Juden auf sich selbst zurückwirft. Der Fall Dreyftfs ist, wras Bacon ein Schulbeispiel nennen würde. Abgesehen jedoch von. solchen unvorhergesehenen Einzelfällen kann man im allgemeinen Toraussagen, dass bei einem so guten Prügelknaben, wie es der Jude allezeit für den Hetzer ist, keine wirtschaftliche oder andere Krise vorübergeht, ohne dass der Jude sie entgelten müsste. Die Staatsklugheit will ganz offen die Aufmerksamkeit von inneren Schäden auf