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Die Welt · 1903-08-21 · 34 (21.8.1903) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
34 (21.8.1903)
Article
Wir draussen an Euch!
Date
1903-08-21
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die & Welt«* Nr. 34 Dass über Strom und Meer die lodernden Säulen winken! Dass eures Volkes Hütten erglänzen unter goldglühendem Himmel! Dass euere Wächter jubeln; Neumond! Neumond! Und euere Kleinen hüpfen — Und euere Frauen wie träumend ihre Augen bedecken — — Ja! Das werdet ihr tun, Das Lied, das ihr anfingt, werdet ihr vollenden. Und aus allen Thälern werden euch Chöre erwidern, die ihr erweckend gerufen. Ja, ihr, unsere Brüder. Euch haben wir gesendet, wir, euer Volk. Euch wollen wir vertrauen und für euch beten. Seid rein! Seid stark! Israel Auerb ach. Kongress-Stimmutig. jt»x nsn& n« rt swa Psalm 126. \ atbm irri Von Dr. Leopold Kahn. Nach einem Intervalle von beiläufig eindreiviertel Jahren stehen wir vor dem VI. Kongress, aber im siebenten Jahre seines Bestandes. Ein Jahrsiebent! Wen erinnert das nicht daran, dass eine solche Zeitperiode im Leben des jüdischen Volkes einst eine bedeutende Rolle gespielt? Was den Griechen die Olympiade, den Römern das Lustrum, das, und mehr noch war dem Judäer das Jahrsiebent, das Sabbat jähr. Aber wie verschieden und ganz dem Volkscharakter angepasst waren diese Festjahre bei diesen drei Kulturnationen des Altertums! Bei den heidnischen Hellenen eine Gelegenheit zu ausgelassener Freude, zum Kampfe von Gemeinschaften und Einzelnen, um sich über den Stammesgenossen zu erheben, mehr Geltung und Ehre, mehr Macht und Recht zu erringen; bei den Römern ein Anlass, mit den Eroberungen und der erzwungenen Unterjochung anderer Volksstämme zu prunken, allenfalls auch noch ein Anlass, Menschen mit reissenden Bestien zum Gaudium der blutgierigen Menge kämpfen und sich gegenseitig zerfleischen zu lassen, war das Festjahr der Söhne Israels — das Jahr der allgemeinen Freiheit. Befreiung des Menschen vom Joche des Dienertums, Freiheit von Verschuldung, Freiheit des Bodens von Hypotheken, Erlösung und Gleichheit! Gleiches Recht zum Genüsse des Jahresertrages für Eigentümer und Nichteigentümer, für Einheimische und Fremde, für Mensch und Tier. Alles frei! Kein Bedrücker und kein Bedrückter, kein Herr und kein Diener, kein Gläubiger und kein Schuldner, kein Hoch, kein Nieder. Ein Weihefest der Ideen von Freiheit und Gleichheit, ein wahrer Gottesfriede! Etwas von der Stimmung jenes alten Judensabbatjahres senkt sich auf das Gemüt des Kongresswallfahrers, der da wieder einen Abglanz jener entschwundenen Freiheit und Gleichheit in seinem Innern vorausahnt und in dessen Vorgenusse schwelgt. Da werden sie wieder beisammen sitzen, der Proletarier neben dem Halb- und Ganz-Millionär, der Laie neben dem tiefsinnigen Gelehrten, der westliche Freigeist neben dem strenggläubigen, gesetzestreuen Rabbiner des Ostens. Alle Unterschiede des Standes, alle Ungleichheiten der Klasse, alle Differenzen der Weltanschauungen hören auf. Sie mögen über die Mittel, über die Wege der Vorbereitung, die Arten der Ausführung verschiedener Ansicht sein, das Ziel, dem sie zustreben, der Gedanke, der sie durchglüht, sind die gleichen, dieselben! Und diese Einheit und Gleichheit des Strebens und Wollens schafft eben Einheit und Gleichheit im Fühlen, und wo immer eine Mehrheit von Menschen, sich bewusst in gleichem, sittlichem Empfinden und Wollen, begegnet und findet, da stellt sich jener Zauber der Weihestimmung, jenes Gefühl der Festesfeierlichkeit ein, jener gewaltige Glaube an die eigene Kraft, der Wunder zu wirken und der Geschichte Taten zu bieten imstande ist. Aus diesem Gleichklange der Seelen kommt es, dass ungeachtet der Feiertagsstimmung, dass trotz oder wegen der Weiheschauer so viel schwere und harte Arbeit bei Tag- und Nachtsitzungen geleistet werden kann, und der Schwächste dem Stärksten an Ausdauer, Arbeitslust und Opfermut nicht nachsteht! Dass sich bei jedem Mitwirkenden mit elementarer Gewalt das Bewusstsein der Verantwortung für ein grosses Werk geltend macht, für das Werk der Volksbefreiung . . . Nicht jener Freiheit, die, gnädig von der Emanzipation geschenkt, als Preis das Aufgeben der eigenen Art fordert, um dann doch nur eine Bettelfreiheit zu bleiben, sondern die Selbstbefreiung aus dem eigenen Innern heraus, durch eigenes Wollen, durch eigene Arbeit, die nicht erniedrigt, sondern erhebt, die man niemand anderem als sich selbst verdankt und mit Würde und Achtung gemessen darf . . . Fort mit der Schnorrerei um fremde Hilfe, um fremdes Volkstum! Sabbatstimmung und ernste Wochenarbeit, das ist die Signatur der Zionistenkongresse, jener Versammlungen, die man als Zusammenkünfte von Träumern anzusehen beliebte . . . Möge man uns dafür halten! . . . Hat ja schon der königliche Sänger, der alte Zionist David, es ausgesprochen: „Wenn Gott einst die Rückkehr nach Zion vorbereitet, werden wir wie Träumer sein!" Aus diesen Träumen heraus haben wir schon mehr reale Elemente für. die Einigung und Hebung der jüdischen Nation geschaffen, als grosse Wohltäter und alle geaichten Kultusgemeinden und Landesmassafonds sich je hätten träumen lassen . . . Aus diesen unseren Träumen heraus haben wir die Jüdische Kolonialbank gegründet, den Nationalfonds gestiftet, die Grundlagen zur Organisation des gesamten jüdischen Volkes in allen Weltteilen gelegt, die Renaissance des jüdischen Volksgeistes, die Wiederbelebung seiner altehrwürdigen Sprache und Wissenschaft gefördert, seinen grossen Geistern und seinen Künstlern Wertung im eigenen und fremden Lager verschafft .... Aus diesen Träumen heraus haben wir die wohlwollende Beachtung von massgebenden Staatsmännern und weitbeherrschenden Potentaten, die Sympathie erleuchteter Völker erworben, und unserem Volke Wertschätzung und — eigene Selbstachtung errungen! Wir wollen so weiter träumen! Und wenn es auch in der letzten Zeit, wie immer in finsteren Nächten vor Tagesanbruch, an einzelnen Stellen des Horizontes noch finsterer wurde— wir wollen ihn weiter so träumen, den alten Judentraum, für dessen Verwirklichung sich im Leben des Volkes in der Regung der Geister und überall die Anzeichen mehren! Sabbatstimmung und Wochenarbeit! Mögen sie auch die Signatur des sechsten Kongresses sein, des Kongresses des Jahrsieberits, des Kongresses des Sabbatjahres! Es dämmert! Von Dr. 'Alexander MarmoreJc. Zwei Welten stehen sich im Judentum gegenüber. Die eine schlaff, welk, macht kaum mehr einen Versuch, das nahe Sterben zu verbergen. Denn der schöne Traum der Assimilation ist zu Ende, begraben im Blute der Antisemiten-Greuel, in der Lüge vom Ritualmorde^. in der allgemeinen Verachtung, in der Taufe der Kinder, in der Gleiehgiltigkeit und stumpfen Ergebenheit der Alten. Die

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