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Die Welt · 1903-07-31 · 31 (31.7.1903) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
31 (31.7.1903)
Article
Fastengesichte
Date
1903-07-31
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 iDie Weät06 Nr. 31 stürzt Jiula abermals in den Staub, das stolze, gottgeliebte Juda in den Staub!" Schmerzbewegt sehwiegen beide eine Zeitlang, dann sagte J eremias: „Recht, mein Bruder, das stolze, gottgeliebte Juda. Wir hatten allen Grund, stolz zu sein. Wir sassen in einem Lande, das floss von Milch und Honig, der Ruhm unserer Waffen taten drang bis zu fernen Völkern, der Glanz unseres Königshauses überstrahlte alle anderen Dynastien, Gesetz und Ordnung herrschten allerwege . . Ezechiel: „Ach, wie kurze Zeit nur lu .7 e r e m i a s: „Jawohl, das ist menschlich. Wir haben ja auch nie den Anspruch erhoben, Uebermensehen zu sein, vielmehr ist nichts Menschliches uns fremd. Wir sind stark im Hassen und im Lieben, stark aber vor allem und vor allen anderen Völkern im Stolz und in der Hoffnung. J u d a ist d a s Volk des c w i g e n II o f f e n s, weil es stolz i s t. IT n d g e r a d e d a r a u f b a uc ich!" Ezechiel: „Warum aber haben unsere betörten Brüder nicht auf die Stimme gehört, die Propheten damals bereits laut warnend erhoben hatten, als das Kind J o i a k i Ii, der König der hundert Tage, das Joch zerbrechen wollte. Und später, als Zedekia, d!er Unselige, wähnte, dem Lauf der Ereignisse Einhalt gebieten zu können. Die Toren! Zucht und Sitte waren geschwunden, Hass und Zwietracht im Volke, Schwachheit und Eifersucht an den Stufen des Thrones — wie hätte da der Feind nicht siegen sollen? Und so auch jetzt. In unseliger Verblendung befehden sich die Juden, die einen haben geglaubt, weise zu handeln, indem sie sich vor dem Kömer beugen, die anderen wehren sich bis zum letzten Blutstropfen — und jede Partei schilt die andere verblendet und verräterisch. Und da sollte ich hoffen" J e r e m i a s : „Hoffe und verzweifle nicht! Wir wurden nach Babylon vertrieben und haben die einigende Kraft des Unglücks verspürt und sind in die teure Heimat zurückgekehrt, nachdem wir uns geeinigt und geläutert hatten. Pom wird uns über die ganze Erde verstreuen, in der Verbannung wird durch gemeinsames Leiden das brüderliche Band fester um uns sich schlingen, wir werden abermals zurückkehren in das Land unserer Väter, zu einer hoffentlich dauernden glücklichen Zukunft/4 E z e c h i e 1: „Träumer, Pom wird ja. diesen Tag als Dankfest für den siegreich vollendeten Eeldzug, als das Ende der inneren Zerwürfnisse und als den Anfang seiner ei g e n e n g 1 ii e k lieh e n Z u k u n f t feie r n." J e r c m i a. s: „Auch mein Auge seh weif t zu der Siebenhügelstadt und sieht, was du siehst. Aber bedenke auch, dass, wie eines Tages die Kinder der Leitung der Eltern nicht mehr achten, so auch der Geist der Menschen von der Bevormundung Poms sich frei machen wird. Nimm es, wie du magst, die zuchtlose Wildheit der anderen Völker bedarf einer jahrhunderte-, vielleicht auch jahrtausendelangen Zähmung. Juda wird mehr als sein Pflichtteil zu allem Schönen und Erhabenen, zu Kirnst und Wissenschaft, zu Pecht und Ordnung beisteuern. V«rkennung, Spott und Leiden werden ihm nicht erspart bleiben, ich sehe Blut und Leichen und rauchende Trümmer seiner Wohnstätten, alxT wie dort ostwärts der erste fahle Schein des Morgens aufleuchtet, so wird es vor Juda immer heller werden." Ezechiel: „Aber ich, der jüngere, den kräftigere Hoffnung beseelen sollte, frage dich, wann wird es hell werden?" Jeremias: „W enn Juda seinen Stolz wiederfinden wird. Lange Jahre mögen darüber im Umschwung der Monde vergehen, doch — nicht verzagt! — ich kenne mein Volk, es wird stolz werden, wenn es sieht, wie doch langsam die Saat der Gesittung aufgeht, die es als erster Säemann ausgestreut, und dann wird es hoffe n, wissen, dass es auf seinem Erbe erst sein Höchstes leisten wird. E z e c h i e 1: „Was nützt die Hoffnung?" J eremias: „Kennst du Juda plötzlich nicht? Weisst du nicht, welche Summen von Kraft und Arbeitsfähigkeit in ihm verborgen sind, welcher Mut und welche Zähigkeit im Verfolgen seiner Absichten es beseelen? Mag auch zunächst nur ein kleines Häuflein Entschlossener an die Verwirklichung der Hoffnung schreiten, unter der Wucht der Verfolgung werden sich ihm immer mehr zugesellen, wie zunächst ein Stein vom Abhang sich loslöst und im Fallen immer mehr Steine mit sieh reisst, bis die unaufhaltsame Lawine gebildet ist." Ezechiel: „Gut, ich vertraue dir. Aber glaubst du, dass in den engen Grenzen des Landes Kaum sein wird für die Menge des Volkes und dass dann Frieden und Eintracht herrschen wird? Ich fürchte, nein!" J eremias: „Enter der Herrschaft der Fremden wird, das Land verfallen. Wenn aber Juda einziehen wird, dann wird es aufblühen, wie ein herrlicher Garten unter erquickendem Hegen. Was der menschliche Erfindungsgeist Schönes und Grosses ersonnen und gebildet, das wird Juda sich dienstbar machen. Das Land wird reicher als je an allen Mitteln sein, seine zahlreiche Bevölkerung zu nähren. Auch diesseits des Jordan, wo heute noch nur spärliches Gras wächst, wird üppiges Grün das Auge erfrischen, das kahle Bergland wird mit sehwarzgrünen Wäldern sich bekleiden, deren würziges kostbares Harz auf fremden Märkten gesucht werden wird. Vielfach wird der Boden wiedergeben, was man ihm anvertraut. Eng sind die Grenzen, des Landes, im Untergang ist es eingeschlossen von einem Meer, arm an Buchten, im Norden vom hochragenden Libanon und Antilibanon, im Mittag und Aufgang von der Wüste, vorzüglich also geeignet, Juda abzusondern, bis es erstarkt war und seinen reichbegabten Geist mächtig anzuregen. Hort an der Grenze Steppe und Wüste mit all dem Reiz des Nomadenlebens, hier das Meer mit seinem ruhelosen Spiel der Wellen und Farben, der melodischen Brandung, den fernhinziehenden Schiffen, auf dem Hermon die Flora hoher Berge, im Tale des Jordan der ganze Zauber mittäglicher Gegenden. Wenn unser Volk in dieses Land einziehen wird, dann wird es sich nicht auf diesen Boden beschränken, sondern wird mitten im kreisenden Wirbel des Weltverkehres stehen und aus ihm werden alle jene ihren Unterhalt gewinnen, die nicht von den Früchten des Landes selbst werden erhalten werden können." Ob Friede und Eintracht herrschen wird? Ha wird der fortschreitende Mensch Mittel und Wege gefunden haben, zwieträchtige Meinungen in friedliche Bahnen zu lenken. Der Jude ist stolz und fügt sich nicht leicht, das ist wahr; aber im friedlichen. Wettkampfe widerstreitender Ansichten wird der Fortschritt geboren. Drum tadle mir nicht zu hart, wenn unsere Brüder nicht gleich anderer Meinung und fremdem Gebot sich unterwerfen. Stolz liebe ich den Juden, denn nur dann ist er hoffnungsfroh, nur dann erhebt er sich zur Freiheit. Und in langen Jahren der Verbannung und der Leiden werden wir auch die Gefahren der bis aufs Aeusserste getriebenen Parteisucht kennen gelernt haben und uns wohl hüten." Ezechiel: „Wird jener Judenstaat dann ewig, währen?" Jeremias: „Mit niehteii! Kennst du nicht das-, grosse Gesetz des Alls: „Werden und Vergehen?" Diesem Gesetze beugt sich der Weise, der in die Natur Einsicht hat, ohne müssig die Hände in den Schoss zu legen.. Er ist stolz ciarauf, für werdende Geschlechter zu sorgen-

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