Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Article
- Die jüdische Frau und der Zionismus
- Date
- 1903-07-10
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „m* 5$K le^ Nr. 28 Element einführen können und die notwendige Umerziehung der Gesellschaft vollbringen. Das ist auch der beste, vielleicht der schwierigste, aber auch der tiefste und sicherste Weg unserer Befreiung. Ich wollte nur den geschichtlichen Gang der Emanzipation der Frau verfolgen und die Einflüsse, welche die grossen Zeitalter auf die Emanzipation der Frau und umgekehrt die Frauen auf die grossen Epochen und Bewegungen ausgeübt haben. Betrachten wir den Zusammenhang der jüdischen Frage mit der Frage der Emanzipation der Frau. Haben wir schon gezeigt, dass die Emanzipation der Frau sich durch ihren Anteil an anderen Emanzipationsbewegungen im Rahmen der nationalen Verhältnisse vollziehen kann, dann können wir dasselbe auch auf die jüdische Frau anwenden. Sie nahm Anteil an den progressivsten Strömungen ihres Zeitalters und bewirkte dadurch mittelbar die Hebung der Lage der Frau. Das geistige Wirken der Frau war bei uns nicht auf das Spinnstübchen beschränkt, wir haben unsere Prophetinnen, unsere Iphigenien und unsere Spartanerinnen, die ihre Söhne selbst in den Tod geschickt haben zur Eroberung nicht neuer Erdstücke, sondern neuer Ideen. Und wieder erscheinen sie im dunklen Mittelalter als Märtyrerinnen der Idee. An vielen Orten erscheinen sie sogar als Pflegerinnen des jüdischen Gedankens. Erwähnen wir nur die Maria Nunez, die spanische Emigrantin, die mit Jacob Tirado die erste jüdisch-spanische Gemeinde in Amsterdam gegründet hat. Erinnern wir uns an Donna Grazia Mendoza, die edle Behüterin aller heimatlosen Brüder, welche die Dichter „Schutz und Ruhm Israels" nannten. Verfolgen wir den Charakter der Tätigkeit der jüdischen Frau weiter bis auf unsere Zeit, dann sehen wir: erstens, dass sie nie aus dem nationalen Rahmen heraustritt, zweitens, dass sie das Wesen des nationalen Lebens instinktiv erraten hat. Und ihre Tätigkeit verschmolz mit derjenigen, die gerade zur Erhaltung der Nation notwendig war. Sie erscheinen als Trägerinnen der nationalen Idee, als Hüterinnen dessen, was den Nerv des Volkes gebildet hat. Hanna, die unter den Händen des Henkers für die jüdische Religion stirbt, Donna Grazia, welche die jüdische Kultur gefördert hat, zahllose andere Förderinnen der nationalen Kultur — alle haben sie als aktuelle Teilnehmerinnen an der Geschichte des jüdischen Volkes gewirkt und infolge dessen den Gesichtskreis und den Tätigkeitskreis der Frau im allgemeinen erweitert. Infolge dessen waren zu derselben Zeit, als bei anderen Nationen die Frau unter der Bürde des doppelten Joches — der Familie und der Gesellschaft — sich quälte, unsere Frauen schon einigermassen ebenbürtige Mitglieder der Gesellschaft und traten in allen Gebieten des Lebens hervor, auch in der Literatur und Philosophie. War Rachel nur die treue Gefährtin des Rabbi Akiba, dann war schon B e r u r i a eine selbständige Denkerin, Rebekka Tiktiner eine selbstständige Schriftstellerin und Sarah Copia Sullam eine begabte Dichterin. Der Geist der jüdischen reingeistigen Geschichte hat am besten mit dem Charakter der weiblichen Psyche harmoniert; deshalb konnte sie auch an den geschichtlichen Ereignissen teilnehmen. Und noch in alten Zeiten wurde das Weib, am schönsten und erhabensten von den Propheten verherrlicht, indem sie die Liebe Gottes zur Menschheit mit der Tiefe der mütterlichen Liebe verglichen. Verfolgen wir die sozialpolitische Stellung der Frau, so sehen wir, dass, war sie auch nicht ganz emanzipiert, ihre Freiheit doch grösser war, als bei den Frauen der anderen Nationen; sie konnte die höchsten Aemter im jüdischen Staate erreichen und hatte Anteil am Privatvermögen. Sie erreichte im Familienleben eine gewisse Freiheit, indem sie z. B. gleicherweise wie der Mann die Ehescheidung verlangen konnte. Indem so die jüdische Frau an allen Bewegungen innerhalb ihrer Nation Anteil nahm, führte sie auch in die allgemeine Bewegung eas Element ihrer Selbstemanzipation ein und konnte sich selbst emanzipieren, ohne ihre nationale Individualität aufzugeben. Erst in der neuesten Zeit entstand der neue Typus der jüdischen Frau, der jüdischen Frau im Ghetto einerseits und ausserhalb desselben andererseits. Das schwere Leben im Ghetto zwang auch das Weib, am Kampfe ums Dasein teilzunehmen und entwickelte so seine materielle Selbständigkeit. Ja, die Frau der unteren Volksschichten hat die ganze Bürde des Kampfes auf ihre Schultern genommen, und so bildet sich der eigenartige Typus der jüdischen Frau im Ghetto, der so treffend von Perez in seinen Erzählungen, besonders in der Erzählung „Braines" gezeichet ist. Diese Frau, die statt ihres Mannes arbeitet, während er mit geistiger Arbeit beschäftigt ist, nimmt zwar Anteil an dem nationalen Leben und trägt in eigentümlicher Weise mittelbar zur Förderung jüdischer geistiger Kultur bei, aber auf ihrem eigenen geistigen Niveau ist sie stehen geblieben und hat keine höhere soziale Stufe erreicht Andererseits fällt in die neueste Zeit die grosse Wendung in der jüdischen Geschichte, die durch die offene Emanzipation hervorgerufen wurde. So entstand mit dem Eindringen der europäischen Kultur in das jüdische Leben eine neue Strömung, welche rücksichtslos alle Grundlagen der Nation zertrümmern wollte. Diese neue Strömung hat auch die Frauen der jüdischen Intelligenz ergriffen. In der allgemeinen Emanzipation suchen sie auch die der Frauen. So beginnen sie Anteil zu nehmen an allgemeinen progressiven Bewegungen. Wir können nicht über den Mangel an Frauen klagen, welche das Gebiet der weiblichen Tätigkeit erweitert haben. Aber ihre Tätigkeit übte keinen Einfluss auf die Verhältnisse unserer weiblichen Gesellschaft aus. Henriette Herz, R a h e 1 von Varnhagen, die Arnstein, Fanny Lewald, Dorothea Schlegel gehören ihrer Abstammung nach zu uns, welche Wirkung aber haben sie auf den Gang unserer Geschichte gehabt? Es ist auch selbstverständlich, dass, da sie nur in deutschen Kreisen gewirkt, sich den deutschnationalen Verhältnissen gauz angepasst haben, sie auf unser Leben im Ghetto keinen Einfluss ausüben konnten. Zu derselben Zeit, als Dorothea Schlegel aus der jüdischen Gemeinschaft austrat, als die Arnstein für die Ideen des „jungen Deutschland'4 kämpfte, vollzieht sich auch im Ghetto eine Revolution, eine eigenartig jüdische Revolution des Geistes. Leicht möglich, dass der bewusste Anteil der Frauen in dieser Revolution auch eine Revolution im Leben der jüdisch-weiblichen Gesellschaft hervorgerufen hätte. Damals erhob sich aus der Tiefe des Ghettos Salomo ben Maimon* damals zertrümmerte er im Sturme die alten Traditionen durch die Wucht neuer Ideen. Aber in keiner jüdischen Frau fand diese Emanzipationsbewegung ihres Volkes ihren Wiederhall. Später wiederholt sich dasselbe im Osten. Seit den Sechzigerjahren nehmen unsere fortschrittlichen Frauen Anteil an allen Emanzipationsbewegungen sowohl nationalen als sozialpolitischen Charakters, aber nur nicht innerhalb des Judentums. Nicht die einzigen G i n z b u r g und H e 1 f m a n n starben im Kampfe für das russische Volk, doch in unserem Ghetto hat sich nichts verändert. Denn diese Frauen strebten gar nicht darnach, die Hürde des Ghetto zu zerbrechen, sie wollten nur selber das Ghetto verlassen, seinen Staub von ihren Füssen schütteln, und ihre Selbstemanzipation erreichten sie durch Selbstmord ihrer nationalen Individualität. Um dieselbe Zeit, als unser Volk sich in Krämpfen wand, in physischem und geistigem Hunger, tappend und neue Pfade suchend, gingen unsere Frauen zu dem rusischen Bauern, welcher weder ökonomisch noch geschichtlich zum Verständnis ihrer Ideen vorbereitet war. Rechneten diese Frauen nicht mit den Besonderheiten des nationalen Lebens, dann konnten sie für uns keine Bedeutung gewinnen. Die soziale Lage der Frau ist ihrer nationalen unterworfen, da es sich um einen Teil innerhalb des ganzen Volkes handelt. Darum kann derKampf für die weibliche Emanzipation nicht früher stattfinden, als bis die nationale Frage gelöst ist. Diesen Umstand haben die Frauen der anderen Nationen niemals aus dem Auge verloren. In keinem Lande, bei keinem Volke haben die Frauen früher für ihre Emanzipation gekämpft, als für die ihres Volkes. Nirgends haben sie im Lager irgendwelcher Parteien eines anderen Volkes gekämpft, bevor die Frage der Freiheit ihres eigenen Volkes gelöst war. Nur im freien England, im freien Frankreich konnte die spezielle Frauenbewegung entstehen. Auch die französischen Frauen nahmen zuerst Anteil an der französischen Revolution und emanzipierten sich selbst durch diesen Anteil. Dasselbe sollte auch für uns gelten. Was nützt denn uns, wenn Fanny Lewald oder L i n a M o r - genstern eine der ersten Pioniere der Frauenernanzipation in Oesterreich und Deutschland waren? Selbst wenn wir annehmendass eines Tages alle Frauen in Oesterreich oder Deutschland alle sozialen Rechte erlangen, dann könnten wir als Jüdinnen nicht emanzipiert werden — denn unsere sozialpolitische Stellung als Frau ist doch schliesslich unserer tatsächlichen Stellung als Jüdin unterworfen. Der einzige Ausweg aus diesem Zustande ist die Rückkehr zum normalen nationalen Leben, welche die junge nationale Bewegung erstrebt, Rückkehr nicht bloss in sozialpolitischer Beziehung, sondern auch in Bezug auf die kulturellen Bestrebungen dieser Bewegung. Den Frauen ,die in der Geschichte die Vertreterinnen der Idee der inneren Kraft sein sollten, den Kämpferinnen für den Sieg der inneren Kultur über äussere Kraft muss diese kulturelle Bewegung am nächsten stehen. Denn nur im Innern der geistig und auch äusserlich selbständigen jüdischen Gesellschaft können wir uns auch als Frauen emanzipieren; einerseits werden wir zur Erreichung dieser Freiheit nicht das andere Element unserer Individualität — das nationale — aufgeben dürfen, andererseits werden wir tatsächlich die Freiheit erreichen können; denn