Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 28 (10.7.1903)
- Article
- Dritter Parteitag der österreichischen Zionisten
- Date
- 1903-07-10
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 28 „Die $l Welt** Seite 3 meinsarnen Arbeit. Die zionistische, reichhaltige Publizistik sichert jedem neuen Gedanken die weiteste Verbreitung; möge auf diesem Wege eine Information der Delegierten stattfinden, jeder von ihnen wird sich eine unbeeinflusste Meinung bilden und dem Kongress würden viele unfruchtbare und die Einigkeit störende Debatten erspart werden. Der Siegesgang jeder guten Idee im Zionismus ist gesichert, wenn die Mandate im Besitze bewährter Zionisten sind. Man wähle sie, man informiere sie und achte dann streng und ruhig auf das Urteil der erprobten Gewissenhaftigkeit. Redner empfiehlt schliesslich folgende Resolution zur Annahme: Alle Gründungen im Zionismus, welche sich an die zionistische Gesamtheit wenden, müssen, wenn sie als zionistisch gelten wollen, vom Kongress genehmigt werden und seiner Kontrolle unterstehen. (Beifall.) In der Debatte bringt S i t z m a n n - Wien die Meinung zum Ausdruck, dass es ihm scheine, dass die freie Meinungsäusserung durch die beantragten Thesen des Referenten unterdrückt werden solle, und beantragt ihre Ablehnung. Dr. Zweig ist ebendieser Meinung, obwohl er Gegner der Fraktion ist, weil ihr durch Zwangsrnassregeln Vorschub geleistet wird. Hausmann - Lemberg findet dass Gruppen mit geteilter Arbeit, mit verschiedenen Wegen zum selben Ziele geradezu notwendig sind. Dr. M e n c z e 1 bespricht die Frage vom Standpunkte eines praktischen Zionisten. Er stellt das Gleichnis vom Bau eines Hauses auf, zu welchem eine Arbeiterpartei zuerst die Bausteine, die andere zuerst die innere Einrichtung herbeiträgt. Es ist eine sehr nützliche, einmal sehr willkommene, aber jetzt unzeitgemässe Arbeit, die von der Fraktion geleistet wird. Wer im Osten lebt, wird alle eigene Meinung und alle Nebensächlichkeiten vor dem heissen Wunsche zurücktreten lassen, möglichst schnell das Rettungshaus des Elends gebaut zu sehen. Wenn jeder Jude seine Meinung als Einzig-Möglichkeit vertreten wollte, müssten wir in tausend Fraktionen zerfallen. Der Schwerpunkt unserer Bewegung liegt naturgemäss im Osten. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass Erziehung aus diesen Massen dort Dirigenten ihres Schicksals machen kann. Sie werden noch lange Objekt statt Subjekt in unserer Bewegung sein. Eigene Heimat und eigenes Brot wird sie in einem Augenblicke höher bringen als jetzt jahrzehntelange Arbeit. Markus- Kuttenberg will der Fraktion jederzeit Mittel bewilligen, wenn sie nur nicht die Arbeiten der zionistischen Tagungen stört. B u b e r geht vom Gleichnis Dr. Menczels aus, um zu bemerken, dass es sich darum handle, w i e das Haus gebaut werden solle? Man kann das Experiment nicht machen, Leute nach Palästina zu bringen, ohne die geringste Ueberzeugung von ihrer geistigen und physischen Fähigkeit für eine neue Gemeinschaft. Er hält die Regeneration für den Hauptzweck, die Landnahme für ihr Mittel, nicht umgekehrt. Dem Gewinne materieller Mittel wird stärker zugestrebt als dem Gewinne Ueberzeugter. Das hat es ermöglicht, dass ein verwässerter, humanitärer Zionismus entstand. Die Fraktion Iässt ihren Mut durch das Unglück der Juden nicht trüben. Sie will uns denkende Massen bringen; das Objekt zum Subjekt machen. •Sie betont nichts vom zionistischen Programm Abweichendes, sondern nur den dritten Punkt des Baseler Programmes: Stärkung des Volksbewusstseins. Schmidt- Wien hat Bedenken darüber, die Juden eher zu Denkern erziehen zu wollen als zu Bauern. Er wünscht die jeweilig nötige Opposition im Rahmen eines ruhigen Parlamentarismus. Dr. Bernhardt legt zum allgemeinen Thema die Resolution für den Kongress nahe, dass die Kolonialbank ihre eigentliche Tätigkeit ehebaldigst beginne. Zur Diskussion stellt er den Antrag, dass die von Dr. Marmorek verteidigte These entfalle, dagegen angenommen werde: Der III. Oe. Z.-T. verurteilt jede Aenderung eines Grundprinzipes des Baseler Programmes. Dr. Zweig beantragt als Resolution an das A.-C, Gesamtausweise über die bisherigen Ausweise für den N.-F. (Abgelehnt.) Kreppl beantragt statt These 1: Jede parteimässige separative Gliederung im Zionismus ist abzulehnen. Dr. Fink-Wien: Den Ostjuden jetzt kultureile Fragen auftischen, heisse ihnen Steine statt Brot geben. Jedem seine Zeit, jetzt aber für alle Einigkeit. Im Schlusswort des Referenten gibt dieser der Meinung Ausdruck, dass der Zionismus mit knappen Leitsätzen der Lebensejjzieher für Millionen sei, ein besserer als alle geistreichen Theoretiker in Wochenschriften, die doch unmöglich im Ghetto verstanden werden. Dieser theoretischen Erziehung kann unmöglich Wert beigemessen werden. Redner verwahrt sich gegen den Vorwurf der Unfreiheitiichkeit. Sein beantragtes Gesetz biete nur den Entschluss zu einer freiwilligen Einschränkung. Es liegt nichts gegen die Freiheit, sondern etwas gutes für die Disziplin vor. Bei der Abstimmung wird der Antrag Kreppl (s. o.) angenommen. Zusatzantrag Dr. Fink: Alle auf Sonderbildungen gerichteten Bestrebungen im Zionismus sind als diesem schädlich zu verurteilen. Die übrigen Thesen des Referenten werden angenommen. Die Resolution F e 1 d b 1 u m - Krakau: Aufforderung an den Bankausschuss, die Beschlüsse des V. Kongresses auszuführen, — wird angenommen. IV. (Nachmittags-) Sitzimg. Es folgt die Debatte über das Kapitel Kultusgemeinden. Del. Markus- Wien, III., hat Bedenken wegen des Projektes, die Kultussteuer nach der Einkommensteuer zu bemessen. Denn die meist antisemitischen Kommissionen für die Bemessung der letzteren haben die Steuer für Juden allzuhoch bemessen und an diesem Raub dürfen die Kultusgemeinden nicht teilnehmen. Die auf gute Gesinnung der Kultusvorsteher basierten Agitationsprojekte Bondy sind für Wien illusorisch, wo die Kultusgemeinde für die Antisemiten in materieller Hinsicht ausgezeichnet sorge. Das Armenwesen befindet sich auf dem Tiefpunkt der Menschlichkeit. Der Religionsunterricht ist ein Skandal. Nach zwanzigjähriger Arbeit zur Verbesserung der Zustände ist Redner gezwungen, für die schärfste Tonart einzutreten. L. Taubes spricht von den Missständen der Matrikenführung in Galizien. Ref. Bondy betont nochmals, dass seine Ausführungen nur für Böhmen gelten, wo die gute Tonart die bessere ist. Wo aber gekämpft werden müsse, tue man dies aufs schärfste. Dr. M e n c z e 1 schlägt vor, aus Anlass des VI. Kongresses an sämtliche Kultusgemeinden die Aufforderung zur Begrüssung der grössten Tagung des Volkes zu richten. Von denkbar grösster Wichtigkeit in der Gemeindefrage ist, Einfluss auf den Religionsunterricht in nationalem Geiste zu nehmen. B r a f f schlägt vor, niemals einen Kandidaten der Gegenpartei aufzustellen. Die Wahlziffern ändern sich derart zu unseren Gunsten. Die Zionsvereine auf der Auswandererroute müssen ihre bisher stets durch sie unterstützten und beförderten Petenten strikte an die Kultusgemeinde weisen. Das werde viele Augen öffnen. Dr. Bernhardt schildert die Wiener Gemeinde als Burg des überall überlebten, anrüchigen Liberalismus. Er schildert ihre haarsträubenden Unterlassungssünden (s. „Welt", November 1902) und ihr herzloses Verhalten gegen die Emigranten, Er wünscht vom Parteitag ein Verbot jedes Kompromisses mit offiziellen Kreisen und Gebot des Kampfes. I n s 1 i c h t - Wien will in das Kultusgemeindenprogramm die Errichtung von Fach- und Schulkursen für die jüdische arbeitende Jugend aufgenommen wissen.