Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Article
- Blutmärchen
- Date
- 1903-07-03
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 ,JDk t& ^Ä'6 Seite 5 christliche Kinderleiche in einem jüdischen Hause versteckten und dann auf der Strasse das Geschrei erhoben, die Juden hätten ein Christenkind ermordet, man werde die Leiche ihres Opfers bei ihnen finden, wenn man sofort in ihrem Hause suchen wolle. Diese Verbrecher hetzten zuerst den Pöbel auf die Juden und plünderten dann, die Panamabande hatte umgekehrt zuerst geplündert und dann den Pöbel auf die Juden gehetzt. Das Erstaunliche, das Unglaubliche ist, dass kein einziger französischer Jude, den die Sache doch in erster Reihe angeht, bisher den Mut gehabt hat, diesen sonnenklaren Sachverhalt aufzudecken. Dumm und feige haben die französischen Assimilanten das klerikale Blutmärchen vorn jüdischen Panama auf sich selbst und auf dem Judentum sitzen lassen. Sie sind dafür hart gestraft worden. Alles Böse, was seitdem den Juden in Frankreich widerfahren ist, der Dreyfus-Handel, der Ausbruch des Antisemitismus im Geschäfts- und Gesellschaftsleben, die zeitweiligen Erfolge des Nationalismus, sind nur durch das Panama-Blutmärchen und dadurch möglich geworden, dass das Volk es glaubte und bis zum heutigen Ta^e glaubt, da ihm in Frankreich nie widersprochen wurde. Ich habe wenigstens zu unserer eigenen Belehrungdie Geschichte dieser bis jetzt siegreichen Verleumdung erzählen wollen, weil sie die Lage des jüdischen Volkes in der Zerstreuung heller beleuchtet als irgend eine mir bekannte andere Episode der zeitgenössischen Geschichte. Dr. Max Nordau. Die sechste Jahresversammlung der amerikanischen Zionisten. Orig.-Bericht der „Welt". Die „Feieration Ox American Zionists" hielt vom 6. bis zum 9. Juni d. J. (einschliesslich) in der Zentralturnhalle zu Pittsburof, Pa, ihre sechste Jahresversammlung (Convention) ab. Die Zahl der aus allen Staaten der Union herbeigeeilten Delegierten belief sich auf 161. Die Konvention gestaltete sich einerseits zu einer imposanten Kundgebung des amerikanischen Zionismus, andererseits leistete sie auch mehr positive Arbeit, als die bisherigen Jahresversammlungen. Insbesondere wurde den Kultur- und Erziehungsfragen, die gerade in Amerika von unverkennbarer Wichtigkeit sind, erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet. Hauptsächlich aber waren es Organisations¬ und Agitationsangelegenheiten, die die diesjährige Konvention beschäftigten. Oer Segrüssungsabend. Eingeleitet wurde die Jahresversammlung durch einen von den Pittsburger Zionstöchtern („Daughters of Zionc> Samstag Abend den Delegierten zu Ehren veranstalteten Festabend, der im Sitzungssäle der Konvention stattfand. Wie die. Jahresversammlung überhaupt , stand auch dieser Empfangsabend unter dem Zeichen der traurigen Ereignisse von Kischenew. Diese haben eine Anzahl hervorragender Juden Amerikas, welche bisher gezögert hatten, sich dem Zionismus rückhaltslos anzuschliessen, veranlasst, aus ihrer Reserve hervorzutreten und sich zu unserer Sache öffentlich zu bekennen. Ein solches Bekenntnis legten an diesem Festabend die Herren Rev. Dr. Michael Fried und Exrichter Cohen, beide aus P i 11 s b u r g, ab. Auch der bekannte Führer des amerikanischen Reformjudentums, Rev. Dr. Emil G. Hirsch aus Chicago, der noch vor zwei Jahren unsere Bewegung masslos bekämpfte, befand sich unter den Gälten und Rednern des Abends und bekundete Verständnis, ja Anerkennung und Sympathie für unsere Bestrebungen. Professor Sana. Marguli es vom New-Yorker Jüdisch-Theologischen Seminar hielt an diesem Abend mit Beziehung auf Kischenew ebenfalls eine begeisterte zionistische Ansprache, Es sprachen noch: Miss Weinschenker, Mr. Zolotkoff, Rev. Ginsberg, Rev. Zibetz, Mr. Khanovitz, Mr. Wasserm ann und J. de Haas. Erste SitTung: Sonntag vormittags, Sonntag, den 7. Juni, um 10 Uhr vormittags, eröffnete Mr. W. B. Hayes aus Pittsburg mit einer kurzen Begrüssungsansprache, in der er auch der Kischenewer Vorfälle wehmutsvoll gedachte, die Jahresversammlung. Unter den anwesenden Gästen bemerkte man Professor S. Schechter, Direktor des Jüdisch-Theologischen Seminars in N^w-York. J. de Haas verlas den vom Präsidenten der Amerikanischen Zionistenföderation, Prof. Richard Gottheil, ausgearbeiteten Bericht über die Thätigkeit des Exekutivkomitees. In dem Bericht heisst es unter anderem : In dem verflossenen Jahre hat der Zionismus in Amerika neue Beweise seines Wachstums und seiner fortschreitenden Entwicklung geliefert. Zu den 105 alten Vereinen sind 70 neu hinzugekommen abgesehen von den Vereinen, die sich der Föderation bisher nicht angeschlossen haben. Insbesondere haben sich die Jungmann Schaftsorganisationen vermehrt. Dies eröffnet uns einen erfreulichen Ausblick auf die Zukunft unserer Bewegung; denn Jung-Israel ist es. das unser Neu-Zion errichten wird. Die Vermehrung unserer Organisation hat vielfach das Bedürfnis nach lokaler Selbstverwaltung durch DistrikWerbände hervorgerufen, und das Exekutivkomitee hat dergleichen Bestrebungen, wo ein wirkliches Bedürfnis vorlag, stets willkommen geheissen. Grossartiges haben die Lokalkomitees (Subföderationen) von Boston und Cleveland geleistet. Geplant ist ein Verband der Vereine in de*> Staaten Washington und Oregon, sowie ein anderer, der die Vereine in Maryland mit dem Kolumbia- Distrikt zusammenschliessen soll. Doch hat das System der Lokalkomitees (Councils) und Verbände manche Mängel aufzuweisen, wie sie insbesondere bei dem Orden der Zionsritter („Knights of Zion") und seinem Verhältnis zur Föderation zutage getreten sind. Dem soll der neue Organisationsentwurf abhelfen, den Prof. G o 11 h e i 1 warm zur Annahme empfiehlt. Der Bericht geht dann zur Tätigkeit des Exekutivkomitees im Interesse des Nationalfonds und der Kolonialbank über. Das Resultat der Bemühungen für den Nationalfonds sei als ein glänzendes zu bezeichnen. Viele Vereine haben sich ins Goldene Buch eintragen lassen. Die aus London bezogenen Nationalfondsmarken haben reissenden Absatz gefunden. Dies ist hauptsächlich den englischen und Jargonflugschriften zu verdanken, die die Föderation in einer Anzahl von nahezu fünfzigtausend Exemplaren verbreitet hat. Der Absatz der Kolonialbankshares ist in stetem Steigen begriffen. Im Schosse der Föderation haben sich im Berichtsjahre 41 neue Shareklubs gebildet, welche künftiges Jahr mindestens 2000 vollbezahlte Shares abgeben werden. Das Exekutivkomitee hat nach London den Vorschlag ergehen lassen, die Kolonialbank möge in Amerika eine Filiale eröffnen. Wir hoffen — sagt der Bericht — dass die Vertreter der Föderation, die auf der Reise zum Kongress London berühren wollen, das Direktorium der Kolonialbank überzeugen werden, dass dieser Schritt geboten sei. Doch wird nichts so sehr diese Ueberzeugung herbeiführen, als die gesteigerte Mithilfe der Organisationen, neue Kapitalien für die hohen Zwecke zu erheben, um derentwillen die Jüdische Kolonialbank begründet worden ist. Der Schekeltag, der im jüngsten November verananstaltet wurde, hatte guten Erfolg, obgleich er leider von