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Die Welt · 1903-07-03 · 27 (3.7.1903) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
7 (1903)
Issue
27 (3.7.1903)
Article
Blutmärchen
Date
1903-07-03
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die & Welt? Nr. 27 sich vergiftet, als der Zusammenbruch des Kanalunternehmens nicht mehr zu verhüten war? Ist nicht Cornelius Herz wegen Erpressung von Millionen der Panamagesellschaft verfolgt und verurteilt worden? Hat nicht Arton wegen Bestechung von Abgeordneten und Ministern im Zuchthaus gesessen? In der Tat: diese drei Namen Reinach, Kornelius Herz und Arton fassen in der allgemeinen Vorstellung die ganze Geschichte des Zusammenbruchs von Panama zusammen. Es sind die Namen von drei Juden, von drei Verbrechern und Landverwüstern. Also ist Panama ein Judenverbrechen. Ich habe diese Fabel ein Blutmärchen genannt. Das Wort ist nicht zu stark, wenn man beobachtet hat, wie sie auf das französische Volksgemüt gewirkt hat und noch immer wirkt. Der Verlust ihrer 1400 Millionen war den französischen Sparern so unerträglich schmerzlich, dass ein wirklicher Ritualmord sie gegen die Juden weniger erbittert hätte, als die Ueberzeugung, dass sie an dem Verluste schuld sind. Die Wahrheit ist aber, dass das Panamamärchen genau so wahr ist, wie alle anderen Blutmärchen, unter denen das jüdische Volk seit beinahe zwei Jahrtausenden Schmach, Qualen und Tod zu erleiden hatte. Auf den Zusammenbruch von Panama hat kein einziger Jude auch nur den kleinsten Einfluss gehabt. Wir könnten die drei Juden, deren Name mit dem Panamaschwindel gewöhnlich verknüpft wird, ruhig von uns weisen und verleugnen. Der Baron Reinach gehörte allenfalls noch einigermassen zu uns, wenn er auch das Urbild des westlichen Assimilanten war, der sich nur aus Bequemlichkeit nicht selbst taufen lässt, jedoch alles Nötige tut, um die Taufe seiner Kinder vorzubereiten. Kornelius Herz war getauft, ebenso Arton, der uns wenigstens den Gefallen getan hat, seinen ehrwürdigen Familiennamen Aron, den wahrscheinlich anständige Vorfahren getragen haben, bis zur Unkenntlichkeit zu verändern, als er unsere Gemeinschaft verliess, in die Seinesgleichen nicht gehölt. Aber wir brauchen von unserem guten* Recht, Schwindler und Abtrünnige wie Arton und Herz von unseren Rockschössen zu schütteln, keinen Gebrauch zu machen. Mögen diese beiden, ebenso wie der Baron Rein ach, als Juden gelten. Auch dann hat das Judentum nicht das Geringste mit der Panamakatastrophe zu schaffen, denn auch diese drei dunkeln Enrenmänner haben an ihr nicht die geringste Schuld. Kornelius Herz scheidet überhaupt aus. Er hat mit Panama iveder fern noch nah etwas zu tun. Er hatte von der Einrichtung des ersten Fernsprechnetzes in Paris her geschäftliche Beziehungen zum Baron Rein ach, dem er das Geld zu entreissen suchte, das Rein ach bei seinem letzten Geschäfte mit L e s s e p s verdiente. Baron R e i n a c h brachte die letzte Anleihe des Panamaunternehrnens auf den Markt. Damals war das Unternehmen bereits unrettbar verloren. L e s s e p s wollte sich aber noch nicht für besiegt erklären. Da auf irgend eine andere Weise neue Millionen schlechterdings nicht mehr aufzutreiben waren, so wollte er es mit einer Losanleihe versuchen. Denn einem Lotteriespiel öffnen sich auch solche Taschen, die für Schuldscheine fest verschlossen bleiben. Keine der Banken, die ihm seine zahlreichen früheren Anleihen vermittelt hatten, wollte sich damals mehr mit Lesseps einlassen. Notgedrungen wandte er sich an das Bankhaus Rein ach, das noch einiges Ansehen an der Börse hatte. In Frankreich sind Lotterien grundsätzlich verboten. Nur ein eigenes Gesetz kann sie gestatten. R e i n a c h beging das schwere Unrecht, dass er es als einen Teil seiner Aufgabe einer Emissionsbank betrachtete, die Zustimmung der Kammern zu seiner Losanleihe zu erwirken. Das war nicht seine, sondern Lesseps Sache. Diesen ersten Fehler erschwerte er ungeheuerlich durch den zweiten, dass er die Zustimmung des Parlaments durch Bestechung zu erlangen suchte. Arton war der Vermittler, dessen er sich beaiente, um die Gewissen der einer Bestechung zugänglichen Abgeordneten zu kaufen. Diese Darstellung verschleiert und beschönigt nichts. Rein ach war ein erbärmlich schlechter Geschäftsmann, als er sich herbeiliess, für Lesseps eine Losanleihe herauszubringen, für die Lesseps noch nicht die gesetzliche Erlaubnis hatte, und er machte sich einer schwer strafbaren Handlung schuldig, als er sich diese Erlaubnis, die ihn gar nichts anging, mit den verwerflichsten Mitteln zu verschaffen suchte. All das ist zugegeben. Aber welchen Schaden hat das Panamaunternehmen, welchen Schaden haben die französischen Sparer von diesen Fehlern und Sünden Reinaclis und seines Dieners A r t o n erlitten? Nicht den geringsten. Hätte Reinach die Losanleihe nicht auf den Markt gebracht, so wäre das Unternehmen ganz ebenso zusammengebrochen, nur etwas früher. Ausserdem aber, und das ist das Merkwürdigste an dieser Geschichte, fügt es sich so, dass die von dem Juden Rein ach ausgegebene Losanleihe die einzige der zahlreichen Panamaanleihen ist, bei der die Zeichner auch nicht einen Pfennig verloren haben. Die Lose behielten auch nach dem Krach ihren Wert und stehen heute höher im Kurs als zur Zeit ihrer Ausgabe. Die Wahrheit ist, dass Panama ein rein katholisches, oder sagen wir, um auch den Schimmer einer Ungerechtigkeit zu vermeiden, ein klerikales und giftig antisemitisches Unternehmen war. Lesseps selbst war ein kämpfender Klerikaler und Judenfeind. Er umgab sich ausschliesslich mit Gesinnungsgenossen. Der Verwaltungsrat der Gesellschaft bestand aus wütenden Antisemiten. Die B.inken und Vermittler, deren er sich für seine Finanzgeschäfte bediente, als er noch Kredit hatte, waren klerikal und antisemitisch gefärbt. Die Unternehmer, denen er die Arbeiten auf der Landenge in Akkord gab, waren Christen. Es befindet sich auch nicht ein einziger Jude unter ihnen. Unter den hunderten höherer Angestellter des Unternehmens ist mir kein einziger Jude bekannt. Sollte sich gleichwohl einer unter ihnen befinden, so war es gewiss ein solcher, dem man sein Judentum nicht anmerkte und der es tapfer verleugnete oder wenigstens verheimlichte. Die Banken haben über zweihundert, die Bauunternehmer gegen vierhundert Millionen in ihre Tasche gesteckt. Bei ihnen ist das Geld geblieben, das die französischen Sparer verloren haben. Zu Juden hat sich von diesem Gelde nicht ein Pfennig verirrt. So lange Lesseps Geld auftreiben konnte, rühmte er sich überall, er werde den Kanal trotz der angeblichen Feindschaft der Juden vollenden. Erst als er das schmähliche Ende vor sich sah, wandte er sich an dtn Juden Rein ach, nach meiner absoluten Ueberzeugung mit dem Hintergedanken, die Schuld an dem Zusammenbruch auf die Juden zu wälzen, wenn dieser trotz des verzweifelten letzten Versuches erfolgen würde. Eine solche Politik ist durchaus im Geiste der Bande, die an der Spitze von Panama gestanden hat. Indem man die Juden zum Sündenbock für die eigenen Verbrechen machte, befriedigte man die eigene antisemitische Leidenschaft und lenkte zugleich die unvermeidlich ausbrechende Volkswut von der eigenen Spur ab und auf die der Juden, auf die das Volk sich ja immer leicht und gern hetzen lässt. Lesseps hat genau so gehandelt, wie die Verbrecher in früheren Jahrhunderten, die am Osterabend eine

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