Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Article
- Präsident Roosevelt
- Date
- 1903-07-03
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt4* Nr. 27 Es ist klar, dass Roosevelt diesen bedeutungsvollen Schritt keineswegs tat, um der russischen Regierung Verlegenheiten zubereiten. Es mag wohl sein, dass einzelne politische Persönlichkeiten Russlands dieses Vorgehen als eine gegen ihre Person gerichtete Manifestation betrachten. Auch das hat sicherlich dem Präsidenten der Vereinigten Staaten ferne gelegen. Es ist sein unbeugsames Rechtsgefühl, das durch die Kischenewer Vorgänge aufs tiefste verletzt wurde und das erst durch diese Tat wieder seine Ruhe zurückerhielt. Ja, Roosevelt ist sich sogar ganz klar, dass dieser Schritt ebensowenig seine Popularität erhöhen wird, als seine Einladung an Book er und trotzdem hat er diesen Schritt getan, um seiner innersten Natur treu bleiben zu können, um vor aller Welt zu beweisen, dass das Oberhaupt eines freien Staates die Unfreiheit selbst dann verwirft, wenn sie unterdem Schutze der grössten Macht steht. Im Mai 1900 veröffentlichte Roosevelt einen Artikel über den amerikanischen Jungen. Er suchte darin der amerikanischen Jugend die Leitsätze einzuprägen, die nach seiner Meinung ein jeder amerikanischer Bürger befolgen muss, wenn er Amerika gross und frei sehen will Er sagte dabei unter anderem: „Ein Feigling, der sich beleidigen lässt, ohne sich zu verteidigen, ist ein verächtliches Wesen; aber noch verächtlicher ist derjenige, der nicht das, was er für recht hält, seinen Kameraden gegenüber, die seiner Meinung nach Unrecht haben, stets und unter allen Umständen verteidigt/ Was Roosevelt der Jugend empfiehlt, darnach hat auch er sich stets gerichtet. Es ist nicht das erste und hoffentlich auch nicht das letzte Mal, dass er seine Grundsätze mit der ihm eigenen Beharrlichkeit und Willensstärke durchzusetzen versucht. Und ein anderes Wort, dass er als glühender, amerikanischer Patriot seinen Landsleuten immer wieder vorhält, mag als Ergänzung d^s angeführten Ausspruches dienen: „Wo wir am unabhängigsten aufgetreten sind, haben wir auch die besten Resultate erzielt." Diese seine innige Ueberzeugung und dabei sein Freibleiben von jeder nationalen oder religiösen Einseitigkeit haben ihm die Ueberreichung der Petition der amerikanischen Juden zu einer selbstverständlichen Pflicht gemacht Ein Mann, der in seiner Besprechung dessen, was er unter wahrem Amerikanismus verstehe, schon vor vielen Jahren den Satz aussprach: „Wir verurteilen es, wenn der Glaube irgend eines Menschen in die Wagschale geworfen wird. Wir fordern, dass alle Bürger, Protestanten, Katholiken, Israeliten und Ungläubige gleichmässig behandelt werden und in ihren Rechten geschützt werden sollen", ein solcher Mann tat etwas in seiner innersten Natur und in allen seinen Anschauungen Begründetes, wenn er sich auch als Staatsoberhaupt gegen solche Greuel, wie sie in Kischenew zutage getreten waren, mit aller Energie verwahrte. Wir wissen nicht, ob der Schritt Roosevelts den gewünschten Erfolg haben wird. Wir glauben auch nicht, dass solche Schritte unseren russischen Brüdern die Erlösung bringen werden, aber das wissen wir, dass die Traditionen Amerikas einen stolzen, freien und über die Meinungen des Tages erhabenen Verteidiger und Bewahrer gefunden haben. Das wollen wir Roosevelt und wollen wir Amerika nicht vergessen. Präsident Roosevelt über die Judenverfolgung in Kischenew. Am 15. Juni überreichte ein von dem Orden „B'nai Brith" ernanntes Komitee, bestehend aus den Herren Leo N. Levi. Julius Bion, Jakob Furth, Salomon Sulzberger, Josef D. Cooms, Simon Wolf und Adolf Moses in Washington dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Herrn Roosevelt, eine Denkschrift an den Zaren, in welcher die Vermutung ausgedrückt wird, dass dem Zaren nicht bekannt sei, bis zu weich hohem Masse die russischen Juden unterdrückt werden. Gelegentlich des Empfanges des erwähnten Komitees hielt Präsident Roosevelt eine Rede, welche der „Frankf. Ztg." zufolge wie folgt lautete: „Ich habe wohl nicht nötig, der weitverbreiteten Entrüstung Ausdruck zu geben, mit der das ganze amerikanische Volk die fürchterlichen Ausschreitungen gegen die Juden in Kischenew aufgenommen hat. Es ist mir in meiner ganzen Erfahrung kein Fall bekannt, bei dem sich in diesem Lande eine raschere Sympathiekundgebung für die Opfer, und ein tieferer Ausdruck des Abscheues über die Greuel der entsetzlichen Vorgänge geltend gemacht hätte. Es ist natürlich, dass die Gefühle, die die ganze zivilisierte Welt beherrscht haben, in den Vereinigten Staaten am stärksten und intensivsten zum Ausdrucke kommen, denn die Vereinigten Staaten sind von allen grossen Mächten gerade das Land, in dem von Beginn seines nationalen Bestehens das Meiste geschehen ist, um das an der jüdischen Rasse begangene Unrecht gutzumachen und den amerikanischen Bürgern jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eines der rührendsten Gedichte unseres grossen Dichters Longfellow ist dem jüdischen Friedhofe in New-York gewidmet, und wer immer die alten Begräbnisstätten unserer Städte besucht, die Zeugnis ablegen von den alten Kolonialzeiten, wird dankbar viele Namen von Amerikanern jüdischer Rasse lesen, die im Frieden, wie im Kriege in vollem Masse zur Begründung dieser Nation beigetragen haben. Von den vielen Versammlungen der Kriegervereine, denen ich beigewohnt habe, bleibt mir eine besonders unvergessiich. Es war dies eine Versammlung, die von Kriegsveteranen jüdischen Glaubens im Tempel Emanu-El in der 44. Strasse zu New-York zur Begrüssung der heimkehrenden Krieger aus dem spanisch-amerikanischen Kriege abgehalten wurde. Als ich selbst dem Heere angehörte, focht neben mir einer der besten und tapfersten Hauptleute des Regiments, ein Jude. Einer der Schiffskommandanten, der sich bei der Blokade der kubanischen Küste rühmlich hervortat, war ein Jude. In meinem eigenen Regiment beförderte ich fünf Leute wegen Tapferkeit in der Schlacht zu Offizieren. Zufälligerweise ergab es sich — denn ich hatte keine Ahnung, welcher Religion die Leute angehörten —, dass davon zwei Protestanten, zwei Katholiken und einer Jude war. Obgleich dies, wie gesagt, ein grosser Zufall war, so ist die Sache doch bezeichnend für die religiöse Zusammensetzung unserer Nation und für die Tatsache, dass alles, was von einem Mann hier verlangt wird, ist, dass er ein guter Amerikaner sei, einerlei, welchen Glaubens er ist, noch wo seine Wiege gestanden hat. Lassen Sie mich Ihnen eine kleine Begebenheit erzählen^ die Bezug hat auf die Frage der Rassen- und Religionsverfolgungen. Vielleicht erinnern Sie sich — sicherlich werden sich einige meiner New-Yorker Freunde daran erinnern — dass während der Zeit, als ich Polizeikommissär in New-York war, ein Geistlicher von Europa kam, um in New-York eine antijüdische Agitation ins Leben zu rufen und dass er seine Absicht kundgab, Versammlungen abzuhalten, in denen die Juden angegriffen werden sollten. Die Angelegenheit wurde mir unterbreitet, ich hatte aber natürlich keine Befugnis, die Versammlungen zu untersagen. Nach reiflicher Ueberlegung wählte ich einen jüdischen Polizeisergeanten und vierzig jüdische Schutzleute aus, um den Agitator in den Versammlungen zu schützen, so dass er in seinen Hetzreden gegen die Juden ausschliesslich von Juden beschützt wurde. Meiner Idee nach war das die beste Antwort, die ihm gegeben werden konnte, und gleichzeitig war das eine Aeusserung, wie wir Amerikaner dergleichen Sachen behandeln. Einen Schutzmann stellte ich unter folgenden Umständen an: Bei einem Besuche des christlichen Jungen Männer-Vereines