Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 27 (3.7.1903)
- Article
- Präsident Roosevelt
- Date
- 1903-07-03
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Redaction und Administration: WIEM IX«, Tflrkenstrasso Nr. 9. Telephon 141Ö9. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicM an einzeln« Personen, «nndera an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse Nr. 9, xu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuscrlpti nicht zurückgesendet. ♦ Sprechstunden der Redaction täglich von 10 — 7,12 Uhr. Preise «s*r Anzeigen: laut aufliesrendam Tarif. Oer Inaeratentheil wird Dienstag abend« gesehloisen. Einzelne Nummern 30 Heller. RA7nrf<HUiflifiA ■ Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das DGAUgoplGlOQ i Ausland: Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1#75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17,—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85 Nr. 27. Wien, 3, Juli 1903 - 8. Thamuz 5663. Präsident Rooseveit. W. Als nach dem tragischen Tode Mc. Kinleys Theodore Rooseveit zur Präsidentschaft der Vereinigten Staaten berufen wurde, da wusste man, dass ein Mann von seltener Energie, unbeugsamer Beharrlichkeit und stolzer, echt amerikanischer Selbstständigkeit an die Spitze eines mächtigen Volkes getreten sei. In Europa wurde damals viel über die „amerikanische Gefahr" geschrieben und Staatsmänner in leitenden Stellungen verfolgten die amerikanische Wahl mit noch grösserem Interesse als in früheren Jahren. Schon längst sind wir gewohnt, dass bei allen wichtigen Ereignissen, die auf die Entwicklung der Völker Einfluss nehmen, immer wieder die Frage gestellt wird, wie sich Amerika dazu verhalten werde. Der spanLcn-amerikanische Krieg, die Ereignisse in China und Venezuela haben der amerikanischen Politik neue Erfolge gebracht und Rooseveit war der Mann, um sie im Interesse Amerikas mit staatsmännischer Klugheit auszunützen. Heute wird das Wort des Präsidenten der Vereinigten Staaten überall mit einem Respekt angehört, der nicht nur dem Haupte der amerikanischen Union, sondern auch dem furchtlosen, vorurteilsfreien Manne gilt, der überall und unter allen Umständen seine Pflicht zu erfüllen bemüht ist. Die ganze Wucht seiner merkwürdigen Persönlichkeit zeigte sich jüngst wieder, als die Kunde von den Kischenewer Greueln nach Amerika kam. Unumwunden gab er seinem Abscheu über diese Vorgänge Ausdruck und erregte dadurch bei manchen frommen Seelen nicht weniger Entsetzen als damals, da er, bald nach seinem Amtsantritt, den Negerprofessor Booker an seine Tafel lud. Ein Mann, der sich nicht begnügt, schöne Theorien mit schönen Worten zu verteidigen, sondern der das einzige zuverlässige Zeichen seiner Aufrichtigkeit und Treue gibt, indem er eine Tat vollbringt, der mochte damals und mag heute manchem Politiker ebenso merkwürdig vorkommen, wie seinerzeit Bismarck den Berufsdiplomaten und Staatsmännern der alten Schule. Rooseveit Hess es aber bei der öffentlichen Verurteilung der Kischenewer 7U Jahrgang Mörder nicht bewenden. Er ging noch weiter, und wir Juden haben alle Ursache, sein kraftvolles Eintreten für unsere Brüder in Russland dankbar anzuerkennen. Eine grosse Anzahl jüdischer Bürger in Amerika hatte eine Petition an die russische Regierung unterschrieben. In dieser Petition wird nicht nur der Entrüstung über die Vorgänge in Kischenew Ausdruck gegeben, sondern die russische Regierung auch ersucht, die trostlose Lage der russischen Juden zu verbessern, die durch Ausnahmsgesetze und täglich verschärfte Beschränkungen ins Elend gestürzt wurden. Diese Petition sollte der russischen Regierung durch einen hiezu speziell delegierten Bevollmächtigten des Staatsdepartements überreicht werden. Trotz des Widerstandes, der sich von mehreren hohen amerikanischen Regierungsstellen gegen diese Forderung der amerikanischen Judenheit erhob, erklärte sich Präsident Rooseveit bereit, diese Bittschrift der russischen Regierung zu übermitteln. Der russische Botschafter in Washington, Graf Gassini, hatte alles versucht, um die Annahme der Bittschrift durch den Präsidenten zu vereiteln. Er erklärte, dass die russische Regierung die Petition zurückweisen und jede Einmischung in russische Angelegenheiten ablehnen werde. Trotz dieser Erklärungen und der vom Staatsdepartement erhobenen Bedenken beharrte Rooseveit bei seinem Entschlüsse, die Petition abzusenden. In unserer Zeit, in der sich, bis auf sehr wenige vereinzelte Ausnahmen, gerade die Staatshäupter selbst in den eklatantesten Fällen von Ungerechtigkeiten und Barbareien nur sehr schwer und äusserst selten zu einem Abwehrversuch entschliessen, in unserer Zeit, in der leider rücksichtsvolle Zurückhaltung und Ueberhören selbst der schauerlichsten Rufe der Elenden und der Unterdrückten zur Regierungsmaxime geworden sind, in der man zu den wichtigsten Fragen erst dann widerwillig Stellung nimmt, wenn man ihnen absolut nicht mehr ausweichen kann, in dieser Zeit löst die Tat Roosevelts in jedem Kulturmenschen die schwere Angst, dass wir in dem krassesten volklichen und persönlichen Egoismus den einzigen bestimmenden Faktor der Zukunft zu erblicken haben.