Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Article
- Eine neue Erscheinung
- Date
- 1903-06-26
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Ute s$k Wd^ Nr. 26 liehen Arbeiter aufgegeben ist, oder die Durchführung des Begonnenen nur auf eine andere passendere Zeit verschoben worden ist, lässt sich noch nicht feststellen. Die unablässige Wachsamkeit und auffallende Energie der hiesigen Polizei, die, wie es scheint, diesmal ernst und ehrlich das Leben und die Habe der jüdischen Bevökerung in ihren Schutz genommen hat, vereitelten diie Durchführung der beabsichtigten Verdrängung der jüdischen Arbeiter aus der Lederindustrie. Wie ich aus ganz sicherer, kompetenter Quelle erfahren habe, ist das Vorkommnis in der Lederfabrik S. nur die erste Etappe für eine systematische Verdrängung der jüdischen Arbeiter aus den Fabriken überhaupt; sogar aus denjenigen, die Juden zu ihren Inhabern zählen. (In den Fabriken, die Christen als Inhabern gehören, nimmt man sowieso niemals einen jüdischen Arbeiter auf,) Ich erfuhr auch, dass diese besorgniserregende Bewegung von höherer polnis eher Stelle'inauguriert ist und wohl geleitet wird; dass ein hiesiger Graf, der auch eine der Hauptrollen im Kkkannten Blondesprozess gespielt hat, seine Hände auch hierin hat; und noch mehr, dass die Wilnaer Ereignisse nur einen speziellen Fall einer allgemeinen systematischen Bewegung sind, die von der polnischen Presse unter dem Schlagworte „Oekonomische Eroberung Litauens" gefördert wird, Litauen muss selbstverständlich statt von den Juden von den Polen auch in ökonomischer Hinsicht beherrscht werden, heisst es, ähnlich, wie es in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht längst der Fall ist. Wo nun steckt das Neue an dieser Erscheinung? Neu ist für die Wilnaer Verhältnisse das planvolle systematische Vorgehen der christlichen Arbeiterschaft, die jetzt ein klares, bewusstes Ziel vor ihren Augen hat, und die in der Verdrängung der jüdischen Elemente eine direkte Aufbesserung ihrer Lage sieht und selbstverständlich zum Schlüsse kommt, dass die Bekämpfung und Verdrängung der Juden, die auch als fremde Elemente gelten und dabei noch meistenteils die Schwächeren sind, als wichtige und nützliche nationale Tat bezeichnet wird. Dem instinktiven Hasse gegenüber dem Juden, der vom polnischen Adel genährt und von der katholischen Geistlichkeit geheiligt wird, gesellt sich jetzt noch das Bewusstsein der Zweckmässigkeit und Nützlichkeit für die eigenen Klasseninteressen hinzu. Das ist es, was bei uns vorläufig noch ganz neu ist. Brief aus Paris. In Paris besteht ein Verein junger jüdischer Franzosen. Er heisst „L'Union Scolaire" und hat zum Ziel, die Pariser Jugend, die in der grossen Stadt so zerstreut ist, zu sammeln und zu vereinen. Der Verein hat ein prachtvolles Lokal, wo sich eine ausgezeichnete Bibliothek mit vielen Zeitungen, ein Billardsaal, ein Saal für Gymnastik, für Schauspiel etc., befinden. Von Zeit zu Zeit veranstaltet der Verein auch Vorträge über verschiedene literarische und wissenschaftliche Fragen. Ich brauche nicht zu betonen, dass der Verein wesentlich französisch ist, sich für das Judentum nurinsoferne interessiert, als man sich für einen Kult, für eine Religion, die von vielen der Vereinsmitgliedern als veraltet und unnütz betrachtet wird, interessieren kann, und dass er nicht einmal den Gedanken eines jüdischen Nationalismus oder einer zukünftigen politischen Unabhängigkeit der Juden zulässt. Die Zionisten von Paris haben indessen den Versuch gemacht, auch in dieses widerstrebende Milieu ihre Ideen hineinzutragen. Als ihre Versuche,diehohe französische „Juiverie* zum Zionismus zu bekehren, vollständig scheiterten, kamen die Zionisten auf den Gedanken, dass es vielleicht viel nützlicher und leichter wäre, die französischjüdische Jugend, die leichter anreghar ist, und ihr Ohr williger einem neuen Worte leiht, für die Bewegung zu gewinnen. Die Gelegenheit hierzu blieb nicht lange aus. Der Ausschuss des Vereines lud Herrn Dr. Nord au ein, einen Vortrag zu halten. Diese Einladung nahm Dr. N o r d a u an und versprach einen.... zionistischen Vortrag zu halten. Nordaus Name lockte viele in die Versammlung. Die Jugend kam, um den Meister über ein neues, wenig beliebtes, wenn auch ganz unbekanntes Thema sprechen zu hören. Dr. Nord au war sich der Schwierigkeit seiner Aufgabe wohl bewusst, er wusste, dass man vor einem solchen Publikum vom Zionismus nurschwer sprechen kann. Es liess deshalb die Theorie des Zionismus beiseite, er sprach nicht von der Pflicht eines jeden Juden, sei er ein englischer, französischer oder deutscher Bürger, sich eine politische und moralische Heimat zu gründen, stellte den französischen Juden bloss die bedauernswerte Lage des grössten Teiles des jüdischen Volkes in Osteuropa dar und wies auf die Pflicht der französischen Juden hin, ihnen zu Hilfe zu kommen. Nord au zog auch eine Parallele zwischen der Lage eines jüdischen jungen Mannes vor dem Ausbruch des Antisemitismus und zur Stunde, wo der jüdische junge Mann sich von seiner christlichen Umgebung verfolgt oder wenigstens verspottet sieht, wo sich vor ihm alle höheren Stellungen allmählich verschliessen und er sogar im wirtschaftlichen Leben weniger begünstigt ist als sein christlicher Nachbar. In der Universität und im „C^rcle", an der Börse und im Theater, überall wird der Jude mit scheelem Auge angesehen, überall ist er seiner Umgebung verdächtig. Dies alles muss einem jungen französischen Juden zu denken geben. Aber doch ist sein Leben noch immer erträglich und es gelingt ihm auch, sich eine Stellung, die wenn auch keine hohe, so doch eine ehrenhafte ist, zu verschaffen. Aber was bleibt den Millionen unserer Brüder, die aus ihren Ländern verjagt uud verfolgt, in der ganzen Welt herumirren? Ihnen verweigert man die primitivsten Menschenrechte, sie kennen kein materielles und moralisches Wohlergehen, da vor ihnen die Schulen verschlossen und sie in ein furchtbares Elend geschleudert sind, wo sie immer mehr und mehr der Degeneration anheimfallen. Und haben denn angesichts dessen die französischen Juden und am meisten die Jugend das Recht, sich um diese unglücklichen Massen, an die sie leiblich und geistig gebunden sind, gar nicht zu kümmern? Ist es denn nicht ihre Pflicht, ein Mittel gegen diese anormale Lage zu finden und in die Reihen des Zionismus zu treten, der allein in der Lage ist, die östlichen Juden zu retten? Der Vortragende war wie immer auf der Höhe seiner Aufgabe. Sein beredtes Wort und die Klarheit des Themas machten einen guten Eindruck auf das französische Publikum, das sich um jüdische Angelegenheiten so wrenig kümmert. Die- Jugend dankte dem Meister lebhaft für seinen schönen Vortrag. Aber das ist nicht Wasser auf die Mühle der kleinen französisch-jüdischen Presse, die patriotischer ist, als die grosse Pariser Presse. Diesen Herren ist der Zionismus ein Greuel, sie können ihn unter keiner Form zulassen, nicht einmal in der unschuldigen Form wie in der „Union Scolaire*. Der „Univers Israelite", das offizielle Organ des französischen Judentums, widmet in seiner letzten Nummer der Rede Nordaus einen Leitartikel und bezeichnet sie selbstverständlich als grundfalsch und gefährlich. Er huldigt zwar dem Talent des Redners, aber erklärt, mit dessen Ideen keineswegs sympathisieren zu können. Nord au habe gesagt, die Juden werden in Frankreich scheel angesehen, dies sei ein Irrtum — ein Beweis dafür, dass ein Jude den ersten Preis auf der Kunstausstellung bekommen hat. Der gute „Univers" hat offenbar an die antisemitischen Aufstände in Algier, die vor wenigen Wochen stattgefunden haben, und an die Rufe „Tod den Juden", die sich auf den Strassen von Paris sofort wiederholen würden, sobald nur ein neuer Premier und zwar ein reaktionärerund kerikaler, ans Ruder kommen wird, ganz vergessen. Die Juden sind seiner Meinung nach nur eine religiöse Sekte und dürfen nicht auf politische Unabhängigkeit Anspruch erheben. Ich werde mich bei den Ausführungen des „ Univers " nicht aufhalten. Wir kennen sie zu gut, die Assimilationstheorie, diese Mission, die wir trotz der Beleidigungen und der Fusstritte, die wir als Lohn für unseren humanitären Eifer bekommen, erfüllen sollen. Gehen Sie in einen deutschen Tempel und ersuchen Sie den ersten besten „Prediger" diese Theorie auseinander zusetzen — es ist ihre Spezialität und sie sind in der Sache sehr gut „beschlagen". Ich werde nur das letzte Argument des „Uniyers" anführen, dass die Zionisten nur Palästina zu kolonisieren brauchen, anstatt sich durch ihre falschen Theorien Gegner zu schaffen. Wozu an eine politische Unabhängigkeit denken, wenn man das Land ohne Charter oder Garantien besiedeln kann? Der „Univers" scheint die Geschichte der Kolonisation Palästinas überhaupt nicht zu kennen, sonst hätte er gewusst, welche Resultate diese Kolonisation ohne Charter und Garantie gegeben hat. — Trotz der Opposition des „Univers* lassen sich die Resultate der Rede N o r d a u s schon erkennen, und der Zionismus, diese so seltene Sache, stand mehreremale auf der Tagesordnung der ..Union Seclaire". Wir wollen hoffen, dass der sympathische Verein den Worten des Meisters folgen und an unsere Seite treten wird.