Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Article
- Eine neue Erscheinung
- Date
- 1903-06-26
- Page
- 5 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. $6 ,Bie We'lt^ Seite 5 Eine neue Erscheinung. Brief aus Wilna. Von B. Goldberg. Erzwungenes Schweigen zu einer Zeit, in der das Herz von überströmenden Gefühlen überquillt — in dieser peinlichen Lage beilüdet sich derzeit die jüdische Presse Russlands. Obwohl dieselbe die grössten Anstrengungen macht und voll der geistreichsten Einfälle ist, um in dem aufs äusserste eingeengten, von der Zensur genau beschränkten Rahmen ein einigermassen wahres Spiegelbild des jetzigen aufgeregten Lebens zu geben, so gelingt ihr dies doch nur iu höchst mangelhafter Weise, die Niemand befriedigen kann. Es müssen dabei ganze Sphären des jüdischen Lebens oder besser gesagt des Kampfes um das Leben gänzlich ausgeschaltet bleiben. So zum Beispiel dürfen das Gehaben der Polizei, das Verhalten der administrativen Gewalten, die legislativen Ungerechtigkeiten den Juden gegenüber absolut nicht besprochen werden, auch müssen die Verhältnisse der Arbeiterorganisationen, der revolutionären Parteien und dergleichen gänzlich verschwiegen werden. Aus diesem Grunde will ich in diesen Blättern etwas Material zur Erläuterung der jetzigen geschichtlichen Verhältnisse aufbringen und hin und wieder über die wichtigsten Ereignisse eines ziemlich bedeutenden Zentrums des jüdischen Lebens berichten, einer derjenigen Städte, in der die wichtigsten im jüdischen Leben um ihre Existenz kämpfenden Parteien einander gegenüberstehen und sich hart bekämpfen. Als die letzten christlichen Osterfeiertage uns mit dem Kischenewer Blutbade überrascht haben — das heisst die Ueberraschung bestand nur in der Form, in der fürchterlichen und allen menschlichen Begriffen Hohn sprechenden Wildheit, in der rohen Grausamkeit; für das Ausbrechen von gewöhnlichen Pogroms ') dagegen waren wir mehr als genügend vorbereitet — als diese Kunde mit ihren schrecklichen Details zu uns kam, waren wir „engen" jüdischen Nationalisten höchst gespannt darauf, wie sich der „Bund", das heisst das Komitee der vereinigten jüdischen Socialisten Litauens, Polens und Russlands diesen Ereignissen gegenüberstellen werde, und ob er uns noch weiter von der Brüderlichkeit, der Güte und Gerechtigkeit des russischen Proletariats predigen werde. Nach ziemlich langem Schweigen und Zögern entschloss sich das hiesige Komitee, ein offizielles Expose zu veröffentlichen, das an Kälte und Gefühllosigkeit das PI eh we'sche bedeutend überragt. Es bemüht sich in diesem „unterbodentlichen"2) Schriftsück nachzuweisen, dass bei den Ereignissen von Kischenew nur die unwissende, nicht organisierte Arbeitermasse gewirtschaftet habe, dass etwas Derartiges bei den „Organisierten" undenkbar sei, dass die letzteren auch weiterhin unsere Kampfgenossen seien, mit denen zusammen wir weiter für die allgemeine Sache kämpfen müssten etc. „Hoch die internationale Arbeiterpartei" etc. Den unglücklichen Juden Kischenews ist allerdings kaum genügende Zeit gegeben worden, um genau feststellen zu können, wer von den Pogromarbeitern zu den „Organisierten" und wer zu den „Nichtorganisierten" gehörte. So weit man aber nach vielfachen Berichten schliessen kann, waren die Kampfanführer, die Ordner, Arbeitsverteiler höchstwahrscheinlich von den Organisierten. Dafür spricht auch die Disziplin, die während des Pogroms geherrscht hat, so zum Beispiel das gleichzeitige Beginnen an 15 bis 20 Stellen, die mit jüdischem Blute hergestellte rote Fahne, die Teilnahme vieler „Intelligenter" und dergleichen. Zur weiteren Klärung der Verhältnisse und der Stellung der „organisierten" Arbeiter uns gegenüber, können auch die Wilnaer Vorkommnisse der letzten Tage beitragen, denn dieselben lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Das eben ist die neue Erscheinung, über die ich diesmal berichten will. In dem industriearmen Wilna spielen die Gerbereien und Lederfabriken eine gewisse Rolle. Dieselben beschäftigen zum Beispiel aliein in den sieben Fabriken, die das sogenannte Hamburger Leder ausarbeiten, an 1000 bis 1200 Arbeiter; unter diesen Arbeitern gibt es nur 60—70 Juden, den Rest bilden Polen, wenige Russen und Deutsche. In der letzten Zeit ist ein temporärer Niedergang der hie- 2) Aufruhr. 2) So nennt man hier die illegalo, geheime, ohne Zensur erscheinende Literatur. sigen Lederindustrie zu bemerken und, wie es in solchen Fällen üblich ist, wurde eine Fabrik von einem getauften Herrn M. gänzlich geschlossen, in anderen wurden von den Arbeitern manche entlassen. Durch das Schliessen der obengenannten Fabrik wurden zirka 80 christliche Arbeiter arbeitslos; gleichzeitig wurden auch einige christliche Arbeiter, die in einer Fabrik eines gewissen S. (Juden) arbeiteten, gekündigt, wo eine gemischte Arbeiterschaft beschäftigt ist; dort nämlich arbeiten unter 120 Mann 35 Juden. Die gekündigten christlichen Arbeiter drangen nun in Herrn S., er möge sämtliche Juden entlassen und durch Christen ersetzen, Motiviert wurde dieses sonderbare Verlangen damit, dass die jüdischen Arbeiter nur seit kurzem in der Lederindustrie arbeiten (die Juden wandten sich, dieser Industrie erst in den letzten zehn Jahren zu), dass manche von den jüdischen Arbeitern gar keine Wilnaer seien (viele derselben stammen nämlich aus Sinorgon, einer nahe bei Wilna liegenden Stadt mit ausschliesslich jüdischen Gerbereien), diss die jüdischen Arbeiter wohlhabender seien (ist auch h, gewissem Sinne richtig, denn der Jude bringt seinen ganzen Verdienst nach Hause und trinkt fast gar keinen Alkohol), dass überhaupt Christen als Stammarbeiter den Vorzug verdienten und dergleichen. Herr S. liess die Forderungen der christlichen Arbeiter ganz ausser Acht und wollte die Angelegenheit durch Verschleppen allmählich vorübergehen lassen. Die entlassenen und gekündigten christlichen Arbeiter, von den Arbeitern der benachbarten Fabriken stark unterstützt, unternahmen es daraufhin, ihr Recht auf Arbeit mit Gewalt zu beweisen und die jüdischen Arbeiter gewaltsam zu zwingen, ihre Arbeitsstellen aufzugeben und dieselben für die Christen frei zu machen. Am Freitag den 16. (29.) Mai gegen abends sollte die erste Schlachtprobe stattfinden. Auf einem Hügel gegenüber der Gasse, welche die meisten Arbeiter der sämtlichen nebeneinander, nahe am Fluss liegenden Fabriken passieren müssen, versammelten sich an 300 bis 400 christliche Arbeiter mit der einfachen, planmässigen Absicht, die nachhausegehenden jüdischen Arbeiter zu überfallen und niederzuhauen. Da aber die jüdischen Arbeiter von dem bevorstehenden Ueberfall eine halbe Stande vor Schluss der Fabriken in Kenntnis gesetzt worden waren, so wurde telephonisch dem Polizeimeister und Gouverneur die Sachlage übermittelt und um Hilfe gebeten. Gleichzeitig wurde dasselbe auch dem jüdischen Komitee zur Selbstabwehr mitgeteilt. Man muss nämlich bemerken, dass seit der Kischenewer traurigen Geschichte das richtige Vertrauen in eine administrative Hilfe sehr staik geschwunden ist und wie in fast allen jüdischen Ortschaften hat sich auch bei uns eine Organisation von jüngeren Leuten, Handwerkern, Arbeitern. Handelsangestellten etc. gebildet, die fest entschlossen ist, bei. jedem etwa vorkommen Ueberfall zuhilfe zu kommen. Dank der zusammengelautenen jüdischen Arbeiter aus den Vorstädten Nowgorod, Svipischky, Lubischky. die mit Hacken, Messern und ähnlichen Waffen versehen waren und ganz besonders der Fuhrleute und Wäschewirker, die auf Pferden herbeigeeilt waren, dann der energischen Arbeit der bald darauf hinzugekommenen Polizei gelang es, ein paar Rädelsführer zu arretieren und die belagerten jüdischen Arbeiter unversehrt nach Hause kommen zu lassen. Sonnabend, Montag und Dienstag arbeiteten die Juden nicht (die letzteren zwei Tage wegen der Feiertage Schewuoth), Sonntag arbeiteten die Christen nicht und auf diese Weise gingen glücklich vier volle Tage nach einander gänzlich ohne Berührung der feindlichen Elemente still vorüber. Mittwoch, Donnerstag und Freitag wiederholten sich jeden Abend dieselben Szenen, wie am Freitag. Gegen sieben Uhr konnte man zwei gegenüberstehende, kampfbereite Streitkräfte beobachten, die bis auf den Tod einander zu bekämpfen entschlossen waren und die eigentlich Interessierten, die paar Dutzend jüdischer Arbeiter, mussten nach Hause gehen unter starker Eskorte von Kosaken, Polizisten und Gendarmen manchmal unter persönlicher Leitung'des hiesigen energischen Polizeimeisters Herrn v. Meyer. Ob dieser Ereignisse war die ganze jüdische Bevölkerung in höchste Aufregung versetzt. In den nächsten Tagen, am 25. und 26. Mai, war man in der angenehmen Erwartung eines Pogroms. Viele kamen aus ihren Sommerwohnungen zurück, andere zogen vorsichtshalber in Hotels, man versah sich mit Waffen etc. Glücklicherweise zogen die Tnge in vollständiger Ruhe vorüber. Keiro Tätlichkeiten an den Juden fielen vor, und diese kamen mit der blossen Angst davon. Ob die ganze Aktion der chripi-