Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 26 (26.6.1903)
- Article
- Unsere Aufgabe
- Date
- 1903-06-26
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Das mag man am besten daraus erkennen, class seit langem nicht so viele Versammlungen aller dieser Körperschaften abgehalten und seit den Jahren 1881 und 1882 nicht mehr so viele Rettungsaktionen vorgeschlagen wurden als in diesen Tagen. „Never to be doing nothing" sagte mir eines Tages einer dieser wichtigtuenden Geschäftigen, als ich ihn fragte, was denn eigentlich die grossen Wohltätigkeitsgesellschaften fürunserVolkan Dauerndem schüfen. Und das genügt den meisten. „Nie darf nichts geschehen" ist ein guter Vorsatz und wenn man diesen Wahlspruch dem rastlosen AVlalter Scott zuschreibt, so hat er zeitlebens wenigstens bewiesen, dass er es nicht nur bei den Worten Hess. Unsere Wohltätigkeitsgesellschaften haben zwar auch oft zu zeigen versucht, dass sie sich nach diesem Spruche betätigen wollen, aber entweder haben sie es nicht ernst gemeint oder sie waren unfähig, ihn durchzuführen. Keine dieser beiden Alternationen mag für sie schmeichelhaft sein. Dass sie wahr sind, das beweisen uns wieder einmal die Vorkommnisse unserer Tage. Seit den Massacres in Kischenew beginnt langsam, aber unaufhaltbar eine neue Wanderung der russischen Juden. Wohl hat die Emigration seit den letzten zwei Jahrzehnten nie aufgehört; aber sie überschritt nie allzu sehr die Ziffern der sogenannten „guten" Jahre. Jetzt wird es anders. Schon sehen wir täglich die Flüchtlinge einzeln oder familienweise in den Hauptstädten des Kontinents auftauchen, und alle diese Leute wissen nur das eine zu melden, dass sie die ersten seien, denen es geglückt sei, zu entkommen, dass aber viele Hunderte ihrer Landgenossen ihnen folgen werden. Und in der Tat. Die Pausen zwischen dem Einlangen der Gruppen werden immer kleiner, diese selbst immer grösser. Die Wanderung hat begonnen. Das ist eine furchtbare Wahrheit. Jetzt gilt es, ihr mutig ins Gesicht zu sehen. Es läge nahe, zu untersuchen, wem die Schuld zuzuschreiben sei, dass auch diese Wanderung, die vorausgesehen A?erden konnte und tatsächlich auch vorausgesagt worden war, nicht wohl vorbereit et nach einem Lande gelenkt werden kann, das zur Aufnahme der Flüchtigen bereit ist. Aber die Zeit ist zu ernst, als dass man sie mit Anklagen verbringen, mit Streitigkeiten vergeuden sollte. Dass die Auswanderer nur den Gedanken haben, aus dem Lande des endlosen Schreckens zu entfliehen, ist begreif lieh und war auch zu erwarten. Dass alle die grossen Institutionen, die jüdischer Edelmut und jüdische Barmherzigkeit geschaffen haben, nicht ausreichen sollen, ist schon weniger begreiflich, aber, wenn man ihre Tätigkeit verfolgt hat, nicht zu leugnen. Dass aber auch Korporationen, die nur zu dem Zwecke gegründet wurden, die Auswanderung vorzubereiten, sie zu organisieren und zu einem guten Ende zu führen, dass auch diese Korporationen noch immer nicht in voller Tätigkeit sind und wieder einmal ganz unvorbereitet einer Massenwanderung gegenüberstehen, das ist nicht nur nicht begreiflich, das ist einfach schmählich und für die Auswanderer leider auch verhängnisvoll. Was nun? Die verwegensten Projekte tauchen auf. Australien, Kanada, die Vereinigten Staaten werden zumeist genannt. Aber schon erfahren wir, dass sich Russland bereit erklärt habe, wenn die Vereinigten Staaten den Strom der Auswanderer nicht über sich ergehen lassen sollten, der Rückwanderung keine Hindernisse in den Weglegen zu wollen. Ueber 6000 Schiffskarten nach Amerika wurden bereits in der ersten Woche nach den Exzessen in Kischenew nach Russland geschickt. Eine lächerliche Zahl angesichts der zur Auswanderung Entschlossenen, und doch gross genug, um ernste Schwierigkeiten hervorzubringen. Wie, wenn sogar diese Zahl bereits bei ihrer Landung nicht das gehoffte Entgegenkommen finden sollte? Und wenn das auch vermieden würde, was wird aus den Nachfolgenden, aus den nächsten 6000 und 60 000? Oder ist vielleicht die Auswanderung nach Australien oder Kanada besser vorbereitet? Welches Elend erwartet die meisten dieser Armen in den fremden Ländern! Wie viel Millionen Geldes werden wieder nutzlos verbraucht werden, ohne auch nur für die Minderzahl der Auswanderer eine Aussicht auf bessere zukünftige Verhältnisse zu schaffen! Man rechnet in manchen Kreisen damit, dass die Entrüstungskundgebungen, die aus aller Welt gegen die Mörder von Kischenew gerichtet wurden, den Beweis einer