Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 7 (1903)
- Issue
- 25 (19.5.1903)
- Article
- Die wundertätige Megille
- Date
- 1903-05-19
- Page
- 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316013-3316046-3333682--41102-3333801- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Einmal wirst du den Pfahl schon bekommen, aber er wird dir wenig Freude machen/* murmelte sie. Es wurde ihm unheimlich zumute, das Lachen erstarb auf seinen Lippen, und er. lief davon, indem er von Zeit zu Zeit schone, angsterfüllte Blicke auf Hindele zurückwarf, die mit drohend erhobenem Zeigefinger dastand. So war es ihm sehr angenehm, als er ein bissehen weiter einer Gruppe von Schulkameraden begegnete, die mit, Nüssen Gerade und Ungerade" spielten, wie es an diesem Tage üblich war. David hatte keine Nüsse bei sich, nu.fl so konnte er nur dabei stehen und miissig und neugierig zuschauen; als aber die Aufregung des Spieles auch ihn ergriff, erinnerte er sich plötzlich, dass er ein Stück Glaserkitt in. der Tasche hatte, den er vielleicht eintauschen konnte, er wendete sich also an einen der Knaben und machte ihm den Vorschlag: „Rimehe, gib mir zwanzig NüSvSe dafür." Simche, dessen Vater der Kassier der Gemeinde war, sah ihn von oben bis unten an, dann antwortete er: ..Erstens Im b ich keine Lust, meine Nüsse gegen deinen Glaserkitt umzutauschen, den du gestohlen hast, und zweitens würde ich dir nicht erlauben, mit uns zu spielen, wenn du eine Million Küsse hättest." David beherrschte sich trotz der falschen Anklage und der unverschämten Zurückweisung. Warum nicht, Simche?" fragte er ruhig. „Weil dein Vater ein Trunkenbold ist und deine Mutter schlägt, und es nicht passt, dass anständige Kinder mit dem Sohne eines solchen Menschen verkehren." „Mein Vater ein Trunkenbold? — Er schlägt meine Mutter?" wiederholte David in aufloderndem. Zorn, „das ist das letzte Wort, das du für lange Zeit gesprochen haben sollst!" Und im nächsten Augenblick packte er Simche an der Kehle und dieser, der ein erbärmlicher Feigling war, schrie um Hilfe, trotzdem er um einen Kopf grösser war als sein Gegner. Sofort stürzten die Knaben herbei, denn der Sohn eines reichen Mannes hat immer mehr Freunde als der eines armen, und es wäre David schlecht ergangen — da Hessen sich plötzlieh Laute vernehmen, die wie das Heulen eines wütenden Wolfes klangen, und als die erschrockenen Kinder nach der Richtung starrten, aus der es kam, erl)l iekten sie eine entsetzliche Erscheinung, die geradenwegs auf sie losstürzte — die Zunge hing ihr aus dem Munde, das Hanr fiel ihr zerzaust und verwirrt ins Gepicht und die Augen waren blutrot unterlaufen, das Schrecklichste aber war, dass dasITngeheuer eine lange Keule in seinen Händen schwang, offenbar Grossmutter Hindeles Wäschepfahl. Doch blieben die Knaben nicht stehen, um sich dessen zu vergewissern, sondern stoben in wilder Hast auseinander, schreiend und kreischend, wie eine Herde saugender Ferkel unter den Peitschenhieben des Treibers. (Schluss folgt.) Jakton. Von Maria Konopnicka. Uebersetzt von Anna Brüman n. Es war sein echter Name nicht. Klein und Gross im Städtchen wusste, dass er Lejba Rabinowitsch hiess, und dass er früher immer so genannt wurde. Man wusste aber auch, dass er nie seinen echten Namen mit solchem Stolz getragen hatte, als jetzt das lächerliche Beiwort. Ob nun der Glaskasten, den er den ganzen Tag auf dem gebückten Rücken trug, leichter geworden ist? Oder ob ihm jetzt eine bisher fremde Kraft innewohnte? Man konnte es nicht wissen. Nur sahen alle, dass er jetzt immer den Kopf hoch hielt und grösser schien, dass er seinen Kaftan fester um sich zog, die kleine Mütze ein wenig nach rückwärts trug und die schmale, hohe Stirn mit den dünnen, schwarzen, hie und da mit Silberfäden durchzogenen Haaren offen Hess. Sogar die hohen Stiefel, die unter dem umgürteten Kaftan hervorguckten, schienen jetzt anders auszusehen. Es lag manchmal ein Kot im Städtchen, dass sich Gott erbarme, und Lejba geht sauber, unbefleckt vorbei, als ob er ihn nicht berührte und auf auserlesenen Steinen spazieren ginge. Es nahm die Leute wunder. Früher war es ausnahmsweise Sonnabend, wo sein dunkler, spitzer Bart in die Höhe ging und, wie von leise gemurmelten Gebeten, still bebte; nur Sonnabend, wo seine blinzelnden, goldschillernden Augen weit, weithin schweiften . . Jetzt ist es aber sein alltägliches Aussehen geworden, jetzt geht er auch an Wochentagen einher, als ob er Feierabend in der Seele trüge. Und doch ist sein Brot nicht leicht, zuweilen auch dornig und schwarz und bitter .... Und wenn manchmal die Sorge seinen Bart herabsinken und den Blick unruhig im kotbedeckten Gässchen umherirren lässt, so genügt es, dass jemand hinter der Mauer oder aus einem dunklen Hausflur ihm „Jakton" zuriefe, dass gleich sein Rücken sich aufrichte, dass gleich ein Aufleuchten über sein Gesicht gehe und der Blick seiner blinzelnden, goldschillernden Augen weit über die Dächer der Häuser, ja sogar über dasjenige der Synagoge hinwegschweife. Und ruhmreich ist ja diese Benennung keineswegs. Gross und Klein weiss, dass „Jakton" so viel wie Narr, Dummkopf, sogar Verrückter heisst. Oft wird dieser Zuruf von einer Handvoll Sand, Kot oder kantigen Steinen in Lejbas Richtung begleitet. Und spuckt ihm nicht selbst die „Chewra Keduscha", die die Toten wäscht und begräbt, grad ins Gesicht, von der Khile schon gar nicht zu reden. Ihm geht da nur ein leises Zittern über den spitzen Bart, ein Blick zuckt im Gesichte auf und nichts mehr, als hätte es ihm garnicht gegolten. Ich hörte, dass er einst selber Mitglied, der „Chewra Keduscha" war und von derselben ausgeschlossen wurde. Ebenso verfuhr mit ihm die „Chewra-schomri-schabos", die Freitag vor Abend ihre Ausrufer ausschickt, um beim Herannahen des Sonnabends den Leuten das Lichtanstecken zu erinnern, die „Chewra-Talmud- Thora", die arme Kinder in die Cheder befördert und die „Chewra-nur-tumet", die bei Tag und Nacht Licht in den Symagogen brennen lässt. Von all diesen Korporationen wurde er ausgeschlossen. Und. all dies Uebel hat Ephraim Porter mit seinem dummen, ja, seinem gottlosen und verfluchten Tode heraufbeschworen. Ephraim Porter hat seit langen Jahren in der Stadt gewohnt, war Schneider von Beruf und sammelte seine Ersparnisse bei Schleifmann. Im Anfange betrugen dieselben einige polnische Groschen, nachher wurden es mehr, bis nach vielen Jahren darbender Not und schwerer Arbeit sein Depot die Summe von 1500 polnischen Gulden erreicht hatte. Schleifmann brachte das Geld in Betrieb, kaufte und verkaufte Ochsen, handelte mit Getreide auf grossen Jahrmärkten und erwarb sich Ansehen im Städtchen. Ephraim Porter war Witwer und seit langen Jahren ganz vereinsamt, denn alle seine Kinder, Söhne und Töchter sind ihm ausgestorben. So war denn dieser aufbewahrte Groschen der Trost und die Freude seiner Einsamkeit geworden, wie es sonst Kinder und Kindeskinder gewesen wären. Und mehr vielleicht. Denn Ephraim sah in seinem Leben, dass Kinder und Kindeskinder dazu heranwachsen, dass sie, wenn sie gross geworden sind, ihre Eltern und Grosseltern verlassen und für sich leben wollen. Sein aber im Schweisse des Angesichtes gesammelter Groschen wird bei ihm bleiben und Trost und Stütze für seine alten Tage gewähren. Ephraim hatte eine Schwester, die Chaja hiess und an einen Talmudisten verheiratet war. Letzterer sass ganze Tage über den Büchern gebückt und studierte; er kümmerte sich wenig um seine eigene und seiner Frau und Kinder Versorgung.